My Brother’s Wedding von Charles Burnett gilt heute als ein zeitloser Klassiker des New Black Cinema. Der Produktion gingen jedoch zahlreiche Schwierigkeiten voraus, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Wie lässt sich der Alltag Schwarzer Communities unter begrenzten Mitteln authentisch auf die Leinwand bringen? Charles Burnett erzählt von dem Leben im Süd-Los Angeles der frühen 1980er Jahre und den zahlreichen Herausforderungen als unabhängiger Filmemacher.

Schon während seiner Zeit an der University of California, Los Angeles, wurde Charles Burnett die Verzerrung und Stereotypisierung Schwarzer Figuren bewusst. In den Seminaren dominierten Werke wie The Birth of a Nation, in denen der Ku Klux Klan als Helden gefeiert wurde. Schwarze Studierende selbst hatten nur selten die Kontrolle über ihre eigenen Geschichten; ihre filmischen Arbeiten standen unter ständiger Beobachtung.

Charles Burnett gilt heute als einer der bedeutendsten Regisseure des afroamerikanischen independent Kinos des späten 20. Jahrhunderts und ist dafür bekannt, sich den vielschichtigen Herausforderungen und den zärtlichen Beziehungen innerhalb des Lebens Schwarzer Gemeinschaften gleichermaßen zu widmen. Von dem besten Drehbuch der National Society of Film Critics zu einem Ehrenoscar: Obwohl Burnett heute mit zahlreichen Auszeichnungen geehrt wurde, erwies sich sein Einstieg in die Industrie als wesentlich schwieriger.

Alltag jenseits der Theorie: Pierce als Spiegel Afroamerikanischer Realitäten

Klassengegensätze: Pierce und seine Schwägerin aus der Mittelschicht
Klassengegensätze: Pierce und seine Schwägerin aus der Mittelschicht

Im Mittelpunkt von Burnetts zweiten Spielfilm My Brother’s Wedding steht Pierce, dargestellt von Everette Silas, ein Mann in seinen frühen Dreißigern, der zwischen Jugend und Erwachsensein feststeckt. Während seiner Selbstfindung ist er mit generations- und klassenbedingten Spannungen konfrontiert. Während Pierces Bruder seine Hochzeit in die afroamerikanische Mittelschicht plant, entscheidet er sich für ein Leben mit geringen Ambitionen. Trotz der Intervention seiner Familie und Community versinkt er gemeinsam mit seinem besten Freund Soldier immer tiefer in die Kriminalität.

Burnett selbst erzählt, dass der Film von seiner Zeit an der University of California in Los Angeles inspiriert war. Als Gegenreaktion zu klischeehaften Darstellungen Schwarzer Figuren verstand Burnett My Brother’s Wedding als den Versuch, die Schwarzen Communities von Los Angeles wirklichkeitsnah darzustellen und ihre Lebensrealitäten authentisch einzufangen. Seine Frau war als Co-Produzentin an dem Projekt beteiligt, und er bezog mehrere junge Schwarze Filmschaffende aus Los Angeles mit ein, um eine beinahe dokumentarische Darstellung ihrer Erfahrungen und ihres Aufwachsens zu schaffen.

Burnetts filmische Darstellung von South LA ist Organisch, Lebendig und Intensiv

Foto: Ein Konflikt zwischen Pierce und seiner Mutter, gespielt von Jessie Holmes
Ein Konflikt zwischen Pierce und seiner Mutter, gespielt von Jessie Holmes

Von einem lustigen Gespräch älterer Mitgliedern der Community über den Graskonsum jüngerer Generationen zu der ersten Nacht seines besten Freundes frisch aus dem Gefängnis: Der Schnitt von Charles Burnett springt zügig von einer Szene zur nächsten. Man erlebt dabei die unterschiedlichen Figuren innerhalb der Community aus der Perspektive von Pierce. Die Kameraführung wirkt dabei häufig wie eine Über-die-Schulter-Einstellung und zieht die Zuschauer*innen vollständig in Pierces Blickwinkel hinein. Auch dass der  Film nahezu ohne Musik auskommt trägt dazu bei. Stattdessen wird die Tonspur von Bewegungen, Murmeln und Atemgeräuschen der Figuren sowie vom stetigen Verkehrslärm und vorbeifahrenden Autos geprägt. Die in 35mm-Farbe gedrehte Kameraarbeit ist dabei beeindruckend schön. Jede Einstellung trägt dazu bei, die jeweilige Szene erzählerisch weiterzuentwickeln und ausgewählte Aspekte der Handlung besonders hervorzuheben.

Einige der schauspielerischen Leistungen unterscheiden sich deutlich in Umfang und Qualität. Viele wirken hölzern und steif und durchbrechen damit stellenweise die realistische Vielschichtigkeit, die der Film eigentlich anstrebt. Andere hingegen, insbesondere Jessie Holmes als Pierces neurotische Mutter, sind herausragend und fesseln durch ihre Natürlichkeit. Gerade die situative Komik funktioniert besonders gut; in humorvollen Momenten wirkt das Spiel der Darsteller:innen deutlich organischer und lebendiger. Burnett erinnerte sich daran, dass die meisten Mitwirkenden zum ersten Mal vor der Kamera standen und aufgrund der begrenzten Verfügbarkeit sowie der hohen Kosten des Filmmaterials nur wenige Takes gedreht werden konnten. Bei der Endfertigung von My Brother’s Wedding sah sich Charles Burnett kurz vor der Deadline mit weiteren Produktionsproblemen konfrontiert: begrenzte Verfügbarkeit der Darsteller*:innen, weitere Probleme mit der Finanzierung und sogar schlechtes Wetter in LA. Infolgedessen erschien zunächst nur eine Rohfassung, die damals lediglich in einem eingeschränkten Rahmen gezeigt wurde.

Ein Aufwachsen geprägt von Gefahr, Perspektivlosigkeit und der Verlockung von Kriminalität

Die allgegenwärtige Bedrohung durch Gewalt, der die Figuren in ihrem Viertel ausgesetzt sind, ist in jeder Szene spürbar. Pierces Mutter hält in ihrem Waschsalon eine Pistole griffbereit, falls jemand versuchen sollte, sie auszurauben. Nach einem gescheiterten Attentat auf seinen Freund Soldier ist Pierce in eine Verfolgungsjagd verwickelt. Mehrere Figuren greifen zur Waffe, noch bevor sie ihre Haustür öffnen. Die Einbindung von Gewalt in die Handlung wirkt dabei nahtlos und vermittelt ein Gefühl dafür, wie sehr sich die Community daran gewöhnen musste, im ständigen Schatten von Gefahr zu leben.

Gleichzeitig schwingt durch Pierces Blickwinkel eine gewisse Romantisierung des kriminellen Lebens mit, sodass ihm diese von Gewalt geprägte Welt vertrauter erscheint als die bevorstehende Heirat seines Bruders in die afroamerikanische Mittelschicht. Burnett argumentiert, dass Teile der afroamerikanischen Arbeiterklasse mitunter eine gefährliche Einstellung entwickeln, die von der Ablehnung finanziellen Erfolgs und sozialer Aufstiegsmöglichkeiten geprägt ist. Durch Pierce als Protagonist wird vermittelt, wie dies zu Perspektivlosigkeit führen kann und junge Menschen in wiederkehrenden Kreisläufen von Kriminalität gefangen hält.

Immersiv und Prägend: Ein Blick in den Alltag Schwarzer Nachbarschaften ist die Stärke von Burnetts Klassiker

Auch wenn Burnett nie im Mainstream-Kino angekommen ist, bleibt der Einfluss seiner Filme auf die Darstellung der afroamerikanischen Arbeiterklasse auf der Leinwand bedeutend und spürbar. Von Barry Jenkins (Moonlight 2016) zu Julie Dash (Incognito 1999), viele Regisseure und Filmemacher nannten seine Werke als Inspirationen für ihre Filme. My Brother’s Wedding erzählt eine ungewöhnliche, stellenweise etwas brüchige Geschichte, in die man sich beim Zuschauen erst einfinden muss. Seine größte Stärke liegt jedoch in der Immersion: Der Film zieht sein Publikum tief in den Alltag Schwarzer Nachbarschaften im Süden von Los Angeles zu Beginn der 1980er Jahre hinein und zeigt dabei lebensnah ihre Herausforderungen, ihre Widerstandskraft sowie die komplexen und zugleich liebevollen Beziehungen innerhalb der Community.


Fotos: Milestone Film