Das Wohnen im Auslandssemester ist häufig mit Kompromissen verbunden. Bei meinem Erasmus Aufenthalt in Lille bin ich in einer riesigen Wohngemeinschaft mit 18 Mitbewohner*innen gelandet. Wer sich mit mir so die Küche teilt und warum ich es trotzdem wieder genauso machen würde.

Denk ich an meine französische WG in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht. Wenn abends über dem Boulevard de la Liberté der Mond aufgeht, brennt in meinem Zimmer im dritten Stock unter der Dachschräge noch eine kleine Nachttischlampe. Weit über dem Straßenlärm beginnt meine heilige Abendroutine. Bevor ich mit müden Augen ins Badezimmer trapse, schalte ich mein Radio ein. Es läuft französisches Kulturradio. Während ich gründlich meine Zähne putze, lasse ich mich vom französischen Geplapper von „Les Nuits de France Culture“ einlullen. Kurz darauf gleite ich zufrieden unter meine Decke. Ach, das Leben ist doch eigentlich gut.

Einschlafen in meiner WG könnte so schön sein, wenn, ja wenn da nicht meine Mitbewohnerin wäre. Denn zur gleichen Zeit vollzieht sich zwei Etagen unter mir, in der trügerischen Ruhe der Nacht, eine Schandtat. Sobald überall das Licht erlischt, beginnt für die Liller Serientäterin erst so richtig der Tag. Fest presst sie ihr rechtes Ohr an die Zimmertür, um zu lauschen. Sie hört nichts, außer das rasende Pochen in ihres Herzens — nach ein paar Minuten wittert sie reine Luft. Auf Zehenspitzen trippelt sie vorsichtig die alten, knarzenden Holzstufen herunter.

Angekommen in der großen Küche steuert sie schnurstracks auf den riesigen WG-Kühlschrank zu. Ihre Opfer: Die zwei unschuldigen Cordon Bleus einer Mitbewohnerin, die friedlich im Kühlen ruhen. Nach wenigen Sekunden ist das grausige Schauspiel schon wieder vorbei. Am nächsten Morgen zeugen nur noch zwei leere Packungen von der kaltblütigen Tat. Was für ein trauriger Anblick.

Konfrontation? Nein Danke!

Selbstverständlich ist die Empörung am nächsten Morgen groß. Zehn böse Zungen schimpfen auf Französisch als ich den Tatort betrete. „Ah, je suis dégoutée!“, flucht meine geschädigte Mitbewohnerin. „Das Schlimmste ist, dass ich doch nie irgendwas gemacht habe!“ Der Begriff ‚dégouté(e)‘ kann mit angewidert oder empört übersetzt werden. Ihrem verkniffenen Gesichtsausdruck nach zu urteilen, könnten wohl beide Wortbedeutungen gleichermaßen zutreffen. Und wer will es ihr verdenken: Wie dreist muss man sein, sich derart an den Lebensmitteln seiner Zimmernachbarin zu bedienen?

Die Verdächtigte ist eine schüchterne, unscheinbare Französin Mitte Zwanzig. Sie ist das Phantom der WG. Nur ausgesprochen selten laufe ich ihr in der Küche über den Weg. Genauso flüchtig wie ihr gehauchtes „Salut“, ist sie meist schon wieder im Türrahmen verschwunden. Die Liste ihres vermeintlichen Diebesguts ist lang und grotesk: ein Blech voller Kekse, 15 Croissants, Agavendicksaft und jetzt mussten eben die Cordon Bleus dran glauben. Wahrscheinlich wähnt sie sich im anonymen Schleier der riesigen Wohngemeinschaft in Sicherheit. Aufgeflogen ist sie, als in den Ferien nur sie und ein anderer Mitbewohner zuhause waren.

Aber auch meine anderen Mitbewohner*innen haben sich in diesem Konflikt nicht gerade mit Ruhm bekleckert. Anstatt das Problem offen anzusprechen, kleben sie als Retourkutsche kommentarlos ein Schokoladenpapier an ihre Tür. So weit, so unangenehm. Ich lebe ja wirklich gerne in WGs, aber auf diese kleptomanischen Kleinkämpfe kann ich geflissentlich verzichten.

Meine Devise lautet deshalb: Bloß nicht zum Opfer werden. Und so gehe ich meinen Colocs (Französisch für Mitbewohner*innen) weitestgehend aus dem Weg, um nicht zwischen die Fronten geraten. Meine Abläufe optimiere ich so, dass ich möglichst wenig Zeit in der Küche verbringe. Schnelles Kochen, effektives Abspülen und Ciao. Folglich entwickeln sich lange auch keine engeren Beziehungen zu meinen Mitbewohner*innen.

Immerhin wurde mir noch nichts gestohlen. Obwohl, so ganz stimmt das auch nicht. Anfangs leerte sich nämlich mein Olivenöl in rekordverdächtiger Geschwindigkeit. Seit ich meinen Schrank notorisch zusperre, hat sich die Lebenserwartung des grünen Goldes verzehnfacht.

Zusammen leben

Gleichwohl kann und will ich zuhause auf Dauer nicht wie auf der Flucht leben. Sich den Lebensraum zu teilen, bedeutet mehr als nur als einsamer Wolf sein eigenes Süppchen zu kochen. Es bedeutet, sich regelmäßig zu begegnen und irgendwann gemeinsame Rituale zu entwickeln. Alleine schon, weil man mitbekommt, wie es den anderen geht und was sie so beschäftigt. Wer in einer Wohngemeinschaft lebt, der lernt ganz zwangsläufig seine Mitbewohner*innen in intimen Momenten kennen. Ob er will oder nicht. Und eins ist ja wohl klar: Wo 19 junge Menschen aufeinandertreffen, da finden sich immer auch ein paar gute Seelen.

Da ist zum Beispiel Arthur aus Zimmer 19, ein lauter extrovertierter Lockenkopf aus Paris, der in Basketballtrikots durch die Küche tigert. Immer wenn ich die Küche betrete, strahlt er mir entgegen und fragt mich, wie’s mir geht. Er bleibt bei jeder Party bis zum Ende. An meinem Geburtstag essen wir in den frühen Morgenstunden mit seinen Freundinnen Camembert und Baguette in der Küche. Seine Umgangsform ist nicht nur Öl im Feuer der sozialen Beziehungen, sondern er ist auch hilfsbereit und packt beherzt mit an. Nachdem schließlich alle Gäste von der Geburtstagsfeier verschwunden sind, hören wir gemeinsam Musik und er hilft mir dabei, die Bude aufzuräumen.

Als ich eines Abends in der WhatsApp-Gruppe unserer WG nach einem Schraubschlüssel für mein Fahrrad frage, klopft Arthur zwei Minuten später an meiner Tür. „Vielleicht hab‘ ich was du brauchst, komm mal mit.“ Kurz darauf gruscheln wir gemeinsam in seinem Werkzeugkasten. „Ah t’inquiète*, gib mir das Ding einfach nächste Woche zurück, ich bin eh erstmal übers Wochenende weg.“ Wenn ich so recht darüber nachdenke, braucht eigentlich jeder einen Arthur in seiner Wohngemeinschaft.

Häufig, wenn ich mein Mittagessen zubereite, dann sitzt da Léo-Paul, tief gebeugt über einer Schüssel, und schaut mit Kopfhörern irgendwas auf seinem Handy. Er ist gerade erst 17 und frisch von zuhause ausgezogen. Seine mittellangen blonden Haare sind in einem ordentlichen Topfschnitt geschnitten und seine blauen Augen wirken durch seine dicken runden Brillengläser riesig. Während ich auf meine kochenden Tortellini warte, höre ich ihn vertieft in sein Video mehrmals losprusten. Kurz darauf treffen sich unsere Blicke und wir müssen beide lachen.

Joyeux Noël les ami.e.s !

Für Weihnachten veranstalten wir in unserem Salon ein großes gemeinsames Festessen mit Wichtelaktion. Dafür haben einige meiner Mitbewohner das gesamte Erdgeschoss aufwändig dekoriert, inklusive Kunstschnee an den Fenstern und einem schmucken Christbaum. Trotzdem könnten die Bedingungen besser sein. Denn seit Wochen funktioniert in unserem Erdgeschoss die Heizung nicht. Über knapp eineinhalb Monate haben es Hausverwaltung und Wohnungsagentur nicht gebacken bekommen, die Wärmeversorgung wiederherzustellen.

Davon aber lässt sich im Boulevard de la Liberté niemand aus dem Konzept bringen. Wir sitzen dicht aneinander gepresst wie die Sardinen in der Dose um eine mobile elektrische Heizung, und schlemmen vom gemeinsamen Buffet. Französisches Savoir-vivre! Die Hausältesten, die seit über fünf Jahren in der WG wohnen, erzählen uns von vergangenen gemeinsamen Weihnachtsfesten.

Anscheinend ereignet sich der Heizungsausfall zur ungünstigsten Jahreszeit hier keineswegs zum ersten Mal. Kein Wunder: Unser Vermieter ist eine obskure Wohnungsagentur aus Paris, die nur alle Jubeljahre auf Mails reagiert. Bereits kurz nach meiner Ankunft erfuhr ich, dass ich mich von meinen 600 Euro Kaution schon mal emotional verabschieden könne. Die habe nämlich bisher noch niemand wiedergesehen. 600 Tacken futsch, ich könnte schreien! Ist ja nicht so, dass ich meinem Vermieter bereits vor meiner Ankunft weitere 250 Euro Servicegebühren in den Rachen geschmissen habe. Bezahlte Arbeitsverweigerung im Pariser Agenturbüro. Das tut weh, denn nicht nur für Studierende sind 850 Euro ein Haufen Kohle.

Zwei Mitbewohner erzählen uns, dass der Vermieter vor einigen Jahren schon mal von einer „Manipulation an der Gasleitung durch die Bewohner“ schwadroniert habe, um sich für die Reparatur aus der Affäre zu ziehen. Nach längerer Zeit habe die Agentur dann doch eingelenkt und sich um die Gasleitung im Keller gekümmert. Ein winziger Funken Hoffnung in diesem eisigen Dezember. Wenigstens sitze ich nicht ganz alleine im Kalten, sondern teile mein Leid mit 18 Französ*innen. Eine WG ist manchmal auch eine Schicksalsgemeinschaft.

Weihnachtsfrieden in Lille

Irgendwann schaltet jemand in unserem weihnachtlichen Salon das Licht an und ruft: „So jetzt gibt’s aber Geschenke!“ Unter dem schönen Tannenbaum fühle ich mich auf einmal wie ein kleines Kind. Und wie es der Zufall will, drückt mir meine Zimmernachbarin Margaux gleich als erstes mein Wichtelgeschenk in die Hand. Neugierig rupfe ich das Papier von einer weißen Tasse, die durch den unverkennbaren Schriftzug „I love Lille“ geziert ist. Darin jede Menge weihnachtliche Schokolade. „Wow, die wird einen Ehrenplatz in meinem Tassenregal in Berlin bekommen.“, verspreche ich gerührt, als ich mich bei Margaux bedanke. Als nächstes überreiche ich Clément ein paar Ohrringe mit glitzernden Steinen, so blau wie seine Augen. Auch er freut sich riesig.

An diesem Tag fühlt sich meine Wohngemeinschaft wie eine große Familie an. Je weiter meine Zeit im Boulevard de la Liberté voranschreitet, desto mehr freue ich mich über die vertrauten Gesichter in meinem Zuhause. Auch wenn es nicht immer leicht ist, so menschelt es doch ganz gewaltig in meiner riesigen WG. Diese Nähe und Intensität will ich durchaus nicht missen.

Beschwingt steige ich nach der Weihnachtsfeier die Holztreppe in den dritten Stock hinauf. Angekommen in meinem Zimmer, schalte ich auch an diesem Abend den Radiosender France Culture an. Bedächtig schlurfe ich ins Bad, um meine Zähne zu putzen. Kurz darauf gleite ich unter meine Decke. Ach, eigentlich lebe ich hier doch wie Gott in Frankreich! Und meine eine Mitbewohnerin, die Cordon Bleu-Diebin? Sie glänzte bei den Feierlichkeiten wie so häufig mit Abwesenheit. Zumindest bereitet sie mir so keine Sorgen mehr.

* Gesprochene Kurzform von „ne t’inquiète pas“ – Bedeutet auf deutsch, mach dir keine Sorgen/keinen Kopf


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