Ein Haufen Leichen, ein persönlich involvierter Detektiv und eine düstere Moorlandschaft: Was auf den ersten Blick wie ein generischer True Detective-Abklatsch klingen mag, entpuppt sich als eine der stärksten Serien der ARD Mediathek.
Eine neblige Nacht an der polnischen Grenze, zwei Angler bleiben auf dem Rückweg wie angewurzelt stehen. In ihren Augen, das blanke Entsetzen. Ein etwa drei Meter hoher Berg aus Leichen ragt furchteinflößend über die Wiese empor. Die Polizei schickt den vor vielen Jahren dort aufgewachsenen Roland Voit (Felix Kramer), um die Bewohner*innen zu befragen. Er lehnt erst ab, wird aber schlussendlich von seinen Vorgesetzten überredet. Ein ungelöster Fall von 1997 scheint mit dem Vorfall in Verbindung zu stehen. Roland war damals noch Auszubildender, zusammen mit seiner Jugendliebe Magdalena „Maggie“ Kring (Karoline Schuch). Auch sie kehrt in den Oderbruch zurück, die Leichen wurden schließlich auf dem Grundstück ihrer Eltern gefunden.
Vor Ort entfaltet sich das Mysterium weiter, Roland bekommt einen polnischen Kollegen an die Seite und fängt an, die ländliche Bevölkerung zu befragen. Verschiedenste Erfahrungen und Bekannte aus seiner Kindheit verfolgen ihn bei seinen Ermittlungen, darunter seine und Maggies Eltern, der paranoide Waffenbesitzer Pulverpaul, sein Kindheitsfreund Adrian und auch Maggies kleiner Bruder Kai, der 1997 bei einem Hochwasser verschwand. Besonders Kais Schicksal bekommt eine große Bedeutung und in ihm scheinen die Mysterien der Vergangenheit und Gegenwart zusammenzuführen. Irgendetwas scheint an ihm nicht normal zu sein und Maggie zweifelt an seinem vermeintlichen Tod. Währenddessen wird Ilona, ein etwa 16 Jähriges Waisenkind, auf der polnischen Seite der Grenze in ein Internat aufgenommen. Schon nach wenigen Tagen fallen ihr immer mehr seltsame Ereignisse und Rituale auf, die von den anderen einfach hingenommen werden. Nach und nach werden weitere Geheimnisse gelüftet und die Twists und Turns twisten und turnen nur so vor sich hin, doch am Ende geht die Serie dann doch einen anderen Weg als zuerst gedacht.
Mehr als nur ein Geheimnis
Eine gute Prämisse trägt keine ganze Geschichte, das beweisen zahlreiche gescheiterte Horror- und Mysterythriller. Oderbruch ist die Antithese. Entgegen der fast schon klischeehaften Prämisse glänzt vor allem der emotionale Unterbau der Serie. Roland und Maggie als Hauptfiguren kämpfen beide mit ihren eigenen Dämonen, ihre Geschichten sind allerdings immer verflochten. Vor allem die ambivalente Beziehung zwischen ihnen treibt nicht nur an vielen Stellen die Handlung voran, sondern sie fungiert auch als eigenständiger Plotpoint. Ständig im Konflikt zwischen Familie, Freunden, der Pflicht als Ermittler und dem, was hätte sein können, bietet Oderbruch neben der Mordserie ein faszinierendes Psychogramm seiner Hauptfiguren.
Dabei lässt sich Drehbuchautor und Showrunner Arend Remmers vielseitig inspirieren. Die realistische Bildästhetik deutscher Polizeiarbeit vermischt sich mit der Figurenkonstellation aus True Detective und den philosophischen Ansätzen und Gesellschaftsdynamiken aus Tokyo Ghoul. Am Ende bleibt eine solide erste Staffel, die konsequent endet und Lust auf mehr macht. Leider ändert sich das Genre mit der zweiten Staffel schlagartig und die Serie schlägt eine völlig andere Richtung ein. Es lohnt sich also auf jeden Fall zumindest der ersten Staffel eine Chance zu geben, die zwar nicht mit einem vollständigen Finale abgerundet wird, aber trotzdem teilweise für sich funktioniert.
Foto: © HR/ARD Degeto/Syrreal Dogs GmbH/CBS Studios/Stefan Erhard



