Jakob Zimmer (27) kandidiert für Bündnis 90/Die Grünen als Direktkandidat bei den Abgeordnetenhauswahlen in Wilmersdorf. Seit fünf Jahren sitzt er in der Bezirksverordnetenversammlung in Charlottenburg-Wilmersdorf. Im Interview spricht er darüber, wen er mit seinem Wahlkampf erreichen will und über rote Linien.
Das gesamte Gespräch findet ihr hier:
UnAuf: Was ist für dich das Schlimmste in Berlin?
Jakob Zimmer: Ich glaube, der schlimmste Moment, den ich im Alltag habe, ist auf den U-Bahnsteig zu kommen und zu sehen, dass da zehn Minuten steht. Ich wusste immer, die U-Bahn kommt spätestens in fünf Minuten. Das hat sich in den letzten zwei, drei Jahren geändert – und das fuckt mich schon ziemlich ab.
UnAuf: Und wie könnte man da politisch was ändern, wenn man selbst im Abgeordnetenhaus sitzt?
Jakob Zimmer: Einmal gibt es zu wenige Fahrer, das wird jetzt schon angegangen. Dann sind da noch die U-Bahn-Wagen, die zu alt sind und außer Betrieb genommen werden müssen. Es war eine politische Fehlentscheidung, zu wenig Geld zu investieren. Das fällt uns jetzt nicht nur bei der BVG, sondern auch in anderen Bereichen der Infrastruktur auf die Füße.
UnAuf: Wie bist du zu den Grünen gekommen?
Jakob Zimmer: Ich bin 2020 bei den Grünen eingetreten. Das war ein Hochjahr für die Klimabewegung – die Grünen hatten einen Mitgliederboom. Damals habe ich gerade mein Studium in Stadtplanung begonnen und gemerkt: Wenn ich unsere Städte verändern möchte, dann will ich auch an den Entscheidungen mitarbeiten. Wie die Städte aussehen, ist eine politische Entscheidung. Und die Grünen haben da am meisten meinem Kompass entsprochen.
UnAuf: Du bist Mitglied der Bezirksverordnetenversammlung (BVV) Charlottenburg-Wilmersdorf. Wie hast du dich dort als junge Person behauptet?
Jakob Zimmer: Ich war hochmotiviert im Wahlkampf 2021 und habe mich sehr gefreut als ich in die BVV eingezogen bin. Dann kommt man in dieses alte Rathaus von Charlottenburg und ehrlich gesagt: In diesem Saal sind die Leute genauso alt wie das Rathaus. Bei Grünen, Linken und der SPD sind inzwischen viele jüngere Leute, das ist motivierend. Aber vor allem bei den konservativen Parteien sind viele ältere Leute und bis man ernst genommen wird, braucht es ein bisschen. Da wird gesagt: Deine Perspektive wird zwar gehört, aber nicht richtig ernst genommen, weil man noch dazulernen muss, bevor man so sprechen darf wie die anderen. Das fand ich enttäuschend, weil ich natürlich auch allen anderen Leuten Respekt gezollt habe. Das wurde mit der Zeit besser, weil sie gemerkt haben: Ich weiß auch, wovon ich rede. Aber es ist trotzdem hart für viele junge Leute – sowie auch für mich.
UnAuf: Du machst ja viel Wahlkampf auf Insta und TikTok und sprichst vor allem junge Menschen an. Wie versuchst du, die etwas älteren Menschen im Bezirk abzuholen?
Jakob Zimmer: Ich freue mich einerseits, dass es mit Social Media so gut läuft. Das hat einen großen Einfluss, aber wenn man sich die Wähler oder die Bevölkerungsanteile in Wilmersdorf anschaut, ist es schon so, dass die älteren Leute auch wahlentscheidend sind. Social Media ist wichtig für die jungen Leute in Berlin, weil viele von ihnen in den letzten Jahren von den Grünen enttäuscht wurden. Die will ich wieder ansprechen. Bei den älteren Leuten hilft es, auf der Straße ansprechbar zu sein. Deswegen sind wir auch jeden Tag auf der Straße, sowie heute Morgen um 8 Uhr. Nachher machen wir nochmal Haustür-Wahlkampf. Das kommt gut an.
UnAuf: Die CDU ist in Wilmersdorf dein größter politischer Konkurrent, wir haben auf Insta und TikTok gesehen, dass du die Partei häufig kritisierst. Könntest du dir vorstellen, mit der CDU in einer Koalition zusammenzuarbeiten?
Jakob Zimmer: Ich habe eine klare Präferenz für eine rot-rot-grüne Koalition (SPD, Linke, Grüne). Je nachdem, wer vorne liegt, bin ich bereit, den Bürgermeister einer anderen Partei zu wählen. Egal ob Linke, SPD, Grüne – wir als linkere Parteien sollten, während die AfD immer stärker wird, ein Gegenmodell aufzeigen. Mein Problem ist aktuell, dass die SPD gegen die Enteignung großer Wohnungsbaugesellschaften ist. Ich habe Angst, dass es daran scheitern könnte. Man muss unter den Demokraten gesprächsbereit sein.
UnAuf: Hast du Themen, bei denen du sagst: Das will ich auf jeden Fall durchsetzen, auch mit der CDU.
Jakob Zimmer: In den letzten Monaten gab es einige Skandale bei der CDU. Gelder wurden veruntreut, die eigentlich für Antisemitismusprävention gedacht waren. Sie wurden unklar vergeben, auch entgegen der rechtlichen Rahmenbedingungen, und sowas muss auf jeden Fall unterlassen werden.
Und natürlich muss die CDU den Volksentscheid „Deutsche Wohnen & Co enteignen‟ ernst nehmen. Die Berlinerinnen und Berliner haben dafür gestimmt, da kann man nicht einfach sagen: Ne, machen wir nicht. Beim Tempelhofer Feld genauso. Die Mehrheit hat entschieden. Das wäre auch meine rote Linie, und das wird mit der CDU wahrscheinlich schwer möglich sein.
UnAuf: Glaubst du, dass „Deutsche Wohnen & Co enteignen‟ mit der SPD klappt?
Jakob Zimmer: Bei der SPD gibt es viele junge Leute, die für eine progressive Politik sind. Die Mitglieder der SPD sind offen für den Volksentscheid. Es gibt einen Parteitagsbeschluss, nach dem sie gegen den Weiterbau der A100 nach Prenzlauer Berg und gegen die Bebauung vom Tempelhofer Feld sind. Es gibt inhaltliche Schnittmengen. Nur die führenden Köpfe wie Giffey und Co. müssen umdenken. Wenn die SPD auf zwölf Prozent kommt, muss sie sich Gedanken machen, ob sie linke Politik mit uns machen oder lieber der Steigbügelhalter der CDU sein will.
UnAuf: Würdest du sagen, dass die Grünen wirklich für linke Politik stehen, oder sollte man nicht gleich zum Original gehen und die Linke wählen?
Jakob Zimmer: Das finde ich eine spannende Frage. In Berlin ist es so, dass wir als Grüne klar sagen: Wir sind als Landesverband links und wir haben Parteitagsbeschlüsse, die klar in die linke Richtung gehen. Wir wollen „Deutsche Wohnen & Co enteignen“ umsetzen, wir sind gegen die Wehrpflicht – es gibt viele Dinge, die vielleicht auf Bundesebene bei den Grünen anders betrachtet werden. Am Ende ist es wichtig, zu sehen: Linke und Grüne sind zwei verschiedene Parteien und beide haben ihren eigenen Schwerpunkt, bei den Linken eher das Soziale, bei uns der Klimaschutz und die Umwelt, aber beides muss Hand in Hand gehen. Ich würde es cool finden, wenn beide Parteien ihre Stärken nutzen und zusammendenken.
UnAuf: Ein Thema, das unter HU-Studis viel diskutiert wurde, ist Nextbike. Wie stehst du zu dem Thema? Glaubst du, da kann sich für Studis noch mal was ändern?
Jakob Zimmer: Ja, das war das Campus-Bike. Das wurde 2025 eingestellt und ich war richtig traurig, weil ich das noch benutzen konnte, als ich an der TU war. In Bordeaux gibt die Stadt allen Menschen, die wollen, ein gratis Fahrrad für ein Jahr – Studis sogar für die gesamte Studienzeit. Mit solchen kostenfreien Angeboten kriegt man die Leute aufs Rad. Für den Einstieg ist es genau das Richtige und ich würde mich dafür einsetzen, dass es im Haushalt wieder eingestellt wird.
UnAuf: Unsere letzte Frage: Glaubst du, dass du am 20. September ins Abgeordnetenhaus gewählt wirst?
Jakob Zimmer: Gestern hätte ich nein gesagt. Heute sage ich wieder ja. Das wechselt jeden Tag, weil die Stimmung auf den Straßen jeden Tag anders ist und es bei uns in Wilmersdorf ein enges Rennen zwischen dem CDU-Kandidaten und mir ist. Deswegen versuche ich auch, alle Leute zu mobilisieren, mich mit der Erststimme zu wählen. So oder so bleibe ich mindestens im Bezirksparlament. Da habe ich einen guten Listenplatz und ich bin motiviert, Politik für unsere Kieze zu machen.
Ob sich Jakob Zimmer selbst als Feminist beschreiben würde, Ikkimel oder Ski Aggu bevorzugt und welcher Pläne er sonst für Wilmersdorf hat, erfahrt ihr in der Podcastfolge.
Das Interview wurde von Mara Buddeke und Tobias Würtz geführt.
Foto: Mara Buddeke




