Errigierte Schwänze. Six-Packs. Weiße Körper. Im Rahmen des 20. Pornfilmfestivals wurde am 22.10.2025 Tim Lienhards Film „Wenn nichts mehr geht, dann Gran Canaria” im Babylon Kreuzberg gezeigt. Ein dokumentarischer Einblick in das Leben von Tim Lienhard als 64-jähriger schwuler Mann.  

Tim Lienhard umgibt sich gerne mit muskulösen, jungen, weißen Männern. Dazu steht er ganz offen. Die Dynamik hinterfragt er nicht. Als älterer Mann sieht Lienhard seine Anziehung zu jungen, definierten Körpern als Widerstand gegen gesellschaftliche Normen. Der bei den Florence Film Awards mit dem „Grand Jury Award“ ausgezeichnete Dokumentarfilm überzeugt durch seine grotesk, provokante, aber auch ungehemmt persönliche Art. Doch für andere ist es ein Film mit erheblichem Crash-out-Potenzial.

Der Film startet in Lienhards Wohnung in Berlin und nimmt die Zuschauer*innen mit nach Gran Canaria, genauer gesagt Maspalomas. Ein Ort der als Gay-Hotspot gilt. Angekommen zeigt sich Lienhard oft in Drag, sein Markenzeichen sind zwei große Plastikschüsseln an der Brust. Jonas und Enrico, zwei junge Männer, knapp Anfang 20, begleiten und unterstützen Lienhard beim Dreh vor und hinter der Kamera.

Mit unruhiger Kameraführung zeigt der gewollt konzeptlose Film die Perspektive vom Regisseur. Über dokumentarische Aufnahmen spricht Lienhards Stimme aus dem Off,  über Identität, Altern, Freiheit, Erwartungen und Entwicklungen in der Schwulen-Szene. Die Themen werden zusätzlich in spontanen und inszenierten Interviews mit Besuchern der Insel behandelt.

Inszensierungen und Selbstermächtigung

Im Zentrum Maspalomas, Gran Canaria steht das Yumbo-Center, ein vierstöckiger Gebäudekomplex, der unter buntem Strobolicht gezeigt wird. Im Kontrast dazu stehen die persönlichen Interviews mit drei über 50-jährigen Crossdressern. Sie sprechen über das Gefühl, unattraktiv zu sein, Crossdressing als Form der Selbstermächtigung und den Wunsch nach Anerkennung von jungen Männern.

Selbstzweifel am alternden Körper beschäftigen auch den Regisseur. Was andere als Jugendwahn bezeichnen, sieht Lienhard als unproblematische gesellschaftliche Entwicklung. Jeder hat die Option, seinen Körper zu perfektionieren. Eine reale, besorgniserregende Entwicklung in der schwulen Szene, insbesondere in Großstädten. Körper werden zur Ware. Es werden ideale, stereotypisch maskuline Superlative verlangt, die durch eine performative Körperinszenierung in queeren Räumen vermittelt werden und häufig heteronormative Vorstellungen von Körpern und Geschlechtern perpetuieren.

Lienhard zeigt sich selbst in seiner Drag Inszenierung, die bewusst grotesk sexualisiert wirken soll. Neben den bereits erwähnten Plastikschüsseln trägt er  sehr enge, oft durchsichtige Unterwäsche. Die kontinuierliche Selbstreflexion des Regisseurs steht in engem Dialog mit seinem Drag. Einzig in dieser Selbstinszenierung fühlt er sich wohl, seinen Körper zu zeigen. Lienhard erklärt, dass er es genieße, durch sein Drag wieder in die Nähe junger attraktiver Männer zu kommen. In seinem natürlichen Aussehen wäre ihm das nicht möglich. In Drag wäre er eher ein Spektakel und kein ernstzunehmendes Sexobjekt. Deshalb sei ihm die Nähe zu jungen Männern gewährt.

Selbstreflexion als Werkzeug zum ultimativen Liberalismus

Neben den Interviews sehen die Zuschauer*innen ein Wirrwarr an Szenen und Dialogen. Kameraeinstellungen, die definierte Bauchmuskeln zwanzigjähriger Männer zeigen, muss niemand missen. Kontext umso mehr. Während Jonas am Strand steht, erzählt er über die gaffenden und sabbernden Blicke von Männern. Schnitt. Nächste Szene. Der kurze Moment gewährt Einblick in die Objektifizierung von jungen Männern. Aufgearbeitet wird das Thema nicht.

Realitäten zu entfliehen und Raum einnehmen sind zentrale Aspekte des Films. Die Insel Gran Canaria wird als Hot-Spot der schwulen Szene, besonders für Deutsche dargestellt. Ein Ort, wo Männer sich komplett ausleben können, ohne Grenzen oder Einschränkungen.

Das ist nicht nur im Yumbo Center, sondern auch auf der Straße – in der Öffentlichkeit – der Fall. Möglicherweise passt es nicht allen Anwohner*innen der Insel, zu der auch Kinder gehören, sagt eine Stimme im Film. Es tönen Lacher. Schnitt. Nächste Szene

Dass dort eine Zivilbevölkerung und eigene Kulturen existieren, wird nur mit einem Satz angesprochen. Die Existenz von indigenen Communities wie den Guanches wird gar nicht erst erwähnt. Oft beschreibt Lienhard den Film als ein Loblied an Gran Canaria für seine Offenheit und Freiheit, die er in Deutschland so nicht mehr findet. Doch sieht Lienhard nicht die Problematik, ein fremdes Land ungefragt einzunehmen, um dort die eigenen Wünsche auszuleben. Gran Canaria ist angewiesen auf das Einkommen aus dem Tourismus. Gleichzeitig sorgt dieser auch für Gefahren und Konflikte. Beispielsweise durch das Cruising: Zwischen zertretenen Pflanzen und Gewächsen werden Kondome, Verpackungen und weitere biologisch nicht-abbaubare Materialien hinterlassen. Zumeist versteckt an Orten, wo üblicherweise keine Menschen sind. Mitten in der Nacht mit direktem Eingriff in das lokale Ökosystem.

Was bleibt, ist ein Zustand von Verwirrung. Die sprunghafte Dokumentation zeigt vieles und belässt es dabei. Lienhard vermittelt eine Ideologie, die benachteiligte Gruppen unter dem durchsichtigen Deckmantel der Freiheit und Selbstreflexion gegeneinander ausspielt. Der Film ist ein persönlicher und provokanter Zusammenschnitt für die eigenen Freunde. Für die Leinwand ist es nichts.


Foto: Jenova20 / Wikimedia Commons (CC BY-SA 3.0)