Ende 2025 geht ein Vogue Artikel viral. Die Behauptung: einen Freund zu haben sei peinlich geworden. Aber schämen wir uns nicht schon genug? Gedanken unserer Autorin zu weiblicher Scham in heterosexuellen Beziehungen.
„Is Having a Boyfriend Embarrassing Now?”, lautet der Titel eines im Oktober 2025 erschienenen und viral gegangenen Artikels der Schriftstellerin Chanté Joseph. Darin konstatiert sie, es sei „now fundamentally uncool to be a boyfriend-girl.”
Dabei handelt es sich nicht um eine aus luftleeren Raum gegriffene Behauptung; die Beispiele heterofatalistischer Lamenti, oder dem stolzen Ownen des Singlestatus, die Joseph aus den sozialen Medien heranzieht, sind wohl den meisten von uns in ähnlicher Form schon über die Handybildschirme geflackert. Auch der Ausdruck „Decentering Men” ist vermutlich den meisten Gen-Z Feminist*innen ein Begriff. Männer und Dating sind schön und gut, aber sollten bitte nicht der Mittelpunkt des eigenen Lebens sein. Und wie schön sind eigentlich Freund*innenschaften, Hobbies, akademische Ambitionen und und und… Das bitte einmal in den Mittelpunkt des eigenen Lebens stellen. Und Männer sind auch noch da. Aber in einer Nebenrolle.
Auch wenn dieses Phänomen, man könnte es zeitgenössische Tendenz, oder Social Media Trend nennen, also nicht von Joseph erfunden ist, hat ihr provokant betitelter Artikel einen Nerv getroffen. Er wird nach seinem Erscheinen zum Inhalt unzähliger Instagram Reels. Junge Frauen* halten den Artikel in die Kamera, wie ein lang ersehntes Beweisstück. Voller Euphorie und Dankbarkeit, dass jemand ihnen die Scham und das Unwohlsein abnimmt, die jahrelange Sozialisierung und Fragen, ob sie denn nicht langsam mal einen Freund hätten, bei ihnen hinterlassen haben.
Und dann gibt es ja noch die, denen es trotz Absolution des Internets unangenehm ist, dass sie keinen Freund haben, oder, die sich dafür schämen, dass sie sich insgeheim doch einen wünschen. Denn, surprise, Disneyfilme, die mit der unausweichlichen Hochzeit der Protagonistin enden oder Nachfragen von Oma, ob es da nicht doch jemanden gibt, mit anderen Worten, die gute alte heteronormative Sozialisierung, lassen sich mit einem Artikel und einer Welle an Reels nicht einfach ausradieren.
Im schlimmsten Fall heißt das: Es schämen sich nicht mehr nur die ohne Partner, sondern auch noch die mit. Und dass, obwohl Scham ja kein Gefühl ist, von dem Mädchen* und Frauen* nicht längst genug hätten. Ist rein kapitalistisch gesehen ja auch ein praktisches Gefühl. Scham Sells. Zum Beispiel Rasierer. Oder teeth whitening stripes. Oder die Tinder Gold Mitgliedschaft.
Wo die Scham wirklich hingehört
Aber kann es wirklich der Gipfel des Feminismus in Sachen heterosexuelle Paarbeziehungen sein, sich gegenseitig die Peinlichkeit hin und herzuschieben. Einmal für den vorhandenen, einmal für den nicht vorhandenen Partner.
Wie wäre es denn, wenn Männer sich zur Abwechslung mal schämen würden, wenn es ihnen peinlich wäre ein boyfriend zu sein. Der vom Internet als walking green flag gehypte Gunnar aus der jüngsten Love is blind Staffel, Germany Edition, und Selena Gomez‘ Ehemann Benny Blanco sagen in Interviews selbst: Dass sie derart idealisiert und in den Himmel gelobt werden, liegt daran, dass the bar for men in hell ist.
Das Internet ist voll von Videos und Reddit threads in denen Frauen* Horrorgeschichten über die weaponized incompetence ihres Partners erzählen. In denen Männer um das Wochenbett ihrer Frau* Willen nicht Nudeln kochen, oder das Bad putzen können. Zumindest nicht so, dass sie es danach nicht nochmal selbst machen will. Es ist geradezu ein Videotrend geworden, dass Frauen*, Videos für ihre Männer aufnehmen, in denen sie auf alles deuten, was diese haben liegen lassen. Leere Verpackungen im Küchenschrank, Wäsche auf dem Boden, benutztes Geschirr auf dem Tisch. Sähe man nicht die Größe der herumliegenden Jeans, wüsste man nicht, ob es sich um ein Kleinkind oder einen erwachsenen Mann handelt.
Anstatt so etwas lustig im Internet zu inszenieren, wäre das mal ein Ort, an dem Scham tatsächlich angebracht wäre.
Und hey, man muss noch nicht mal zusammengezogen sein, geschweige denn Kinder haben, damit auf Männerseite Schampotenzial da wäre. Allein, dass die meisten Frauen* bessere Gespräche mit ihren Freund*innen als mit ihrem Partner führen, oder die den meisten Frauen* bekannte Diskussion, ob man denn nicht auch ohne Kondom könnte…? All das ist fucking peinlich!
Feministische Politisierung zwingt Männer zum Nachziehen
Wie also nun Männer dazu bringen, sich ausnahmsweise mal zu schämen? Darauf habe ich zwar keine direkte Antwort, aber das Phänomen der performative masculinity ist vielleicht schon mal ein Anzeichen dafür, dass sich im kollektiven feministischen Bewusstsein bei Frauen* so viel getan hat, dass Männer aus rein opportunistischen Gründen nachziehen müssen.
Durch höhere Bildung, finanzielle Unabhängigkeit und Wellen von Wellen des Feminismus sind Frauen* wählerischer geworden. Die Konsequenz: der Performative Male. Wikipedia beschreibt ihn als „ein Internet-Meme und Begriff, der [..] 2025 in den sozialen Medien populär wurde. Er beinhaltet im Allgemeinen die Zurschaustellung von Progressivität, Feminismus und emotionaler Sensibilität.” Das geschieht etwa über demonstratives Matcha trinken, oder bell hooks und Sally Rooney lesen.
Auch wenn dahinter nicht unbedingt Scham oder feministisches Bewusstsein stecken mag, zeugt der Performative Male doch von einem: Dass die, in der heterosexuellen Partner*innenwahl seit Jahrhunderten (un)geschriebenen Regeln, gerade dabei sind sich aufzulösen, oder zumindest zu verändern.
Wie nie zuvor verfügen Frauen* über eine Entscheidungsmacht bei der Partnerwahl, die sich rein auf nicht materielle Kriterien wie emotionale Intelligenz, Humor, Empathie und so weiter stützen kann. Der Versuch der Performative Males davon durch Baby Tees und Nagellack zu überzeugen, gleicht dem Balztanz des Pfauenmännchens und vermutlich waren Männern noch nie so aktiv darum bemüht, Frauen* zu gefallen, wie aktuell. Im letzten Schritt müssen Inhalt und Verpackung dann nur noch zusammenpassen. Denn: Ein „Feministische Theorien”-Buch auf dem Nachttisch macht noch keinen guten Partner.
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