Als älteste Kunsthochschule Ungarns genoss die Budapester Színház- és Filmművészeti Egyetem hohes Renommee. Mit seinen Universitätsreformen entzog Viktor Orbán ihr im Herbst 2020 die Autonomie. Studierende und Lehrende antworteten mit einer Besetzung. Wie sieht die Lage heute aus? 

Seit László Upor den Asphalt der Vas utca zum letzten Mal betreten hat, sind fünf Jahre vergangen. Dabei wohnt er nicht einmal weit entfernt. Nur zwanzig Minuten trennen ihn von ihr. „Es war eine ziemlich traumatische Reihe an Ereignissen. Außerdem wollte ich nicht, dass mich einer von denen sieht“, erklärt er und schaut dabei die Straße hinunter.

Eben dort liegt sein ehemaliger Arbeitsplatz, die Universität für Theater- und Filmkunst Budapest, auf ungarisch auch Színház- és Filmművészeti Egyetem oder kurz SZFE. Sie ist die älteste und bedeutendste Kunsthochschule des Landes. Von ihrer Gründung im Jahr 1865 an wird an ihr Schauspiel, seit 1945 auch Theater- und Filmregie, Dramaturgie und Cinematographie gelehrt. Zu ihren Absolvent*innen gehören etwa die ungarischen Regisseure István Szabó und Bela Tarr. Auch Upor hat an der SZFE studiert, später kehrte er als Dozent zurück; wird schließlich zum stellvertretenden Leiter. 2019 hätte er zu ihrem Rektor ernannt werden sollen. Dann kamen Viktor Orbáns Universitätsreformen. Konkret sahen diese die Überführung der Universitäten in Stiftungen, sowie die Einrichtung von Stiftungsräten vor. Diese Räte sollten mit weitreichenden Befugnissen im Bereich Finanzen, Personal und Lehrplänen versehen und ihre Mitglieder von Orbáns Regierung ernannt werden.

Über seine Erlebnisse hat László Upor ein Buch geschrieben.

„Es ging darum, den Universitäten die Autonomie zu entziehen“, sagt Upor heute. „Alles, was mit Denken oder Analyse zu tun hat, alles, was eine detaillierte und vielschichtige Auseinandersetzung mit Problemen ist, das ist der Feind einer populistischen Regierung. Deshalb sind wissenschaftliche Einrichtungen, Universitäten und Kulturinstitutionen für sie ein ganz offensichtliches Ziel.“ Doch der Dramaturg ist davon überzeugt, dass hinter Orbáns Reform noch mehr steckte. „All das ist Anfang der 2020er Jahre passiert. Das war eine Zeit, in der die Europäische Union viel Geld in Bildung und Forschung investieren wollte. Um dieses Geld für sich nutzen zu können, musste Orbán die entsprechenden Strukturen schaffen“, erklärt Upor.

Eine große Performance

Gemeinsam mit seinen Kolleg*innen wehrt er sich monatelang gegen die Pläne der Regierung, bis ihm im August 2020 schließlich nichts mehr übrig bleibt, als vor der Universitätsgemeinschaft den Rücktritt der Schulleitung zu verkünden. „Und noch in derselben Nacht, noch bevor der neue Vorstand sein Amt antrat, besetzten die Studierenden das Hauptgebäude“, berichtet Upor. Mit rot-weißem Absperrband umwickelten sie das Gebäude und ließen niemanden mehr passieren. Die einzige Ausnahme: die Teilnehmer*innen eine Mahnwache.

„Dort auf diesem kleinen Dach“, sagt der ehemalige Vizerektor und deutet auf das Gebäude, „dort standen vom ersten Tag der Blockade an Ehrengarden. Es waren Studierende und Künstler von außerhalb, Unterstützer aus dem gesamten kulturellen Spektrum. Sie standen dort in halbstündigen Schichten und immer mehr Leute kamen auf die Straße, nur um zu sehen, wer gerade Wache stand. Es war eine Art große Performance.“ Als Performance lassen sich wohl auch die anderen Protestformen beschreiben, für die sich die Student*innen in den nächsten Wochen entschieden. Unter anderem organisierten sie Menschenketten oder verkleideten eine Person als Justitia und ließen sie eine Klage an das Verfassungsgericht überbringen. Besonders gut erinnert sich Upor an das von ihm entzündete „ewige Licht der Freiheit“. Fünf Fackeln wurden an diesem entfacht, die dann von den Student*innen in andere ungarische Universitätsstädte transportiert wurden. „Die Idee war es, das Licht der Freiheit auch zu den anderen Universitäten zu bringen“, erläutert Upor. „Die Leute rannten die ganze Nacht hindurch und auch am nächsten Tag. Das waren hunderte von Kilometern“.

Spielen lernen

Die Corona-Pandemie setzt dem Protest schließlich ein Ende. Mit dem zweiten Lockdown im November 2020 geben die Student*innen ihre Besetzung auf. Doch viele von ihnen beugen sich noch immer nicht dem neuen System. Statt ihren Abschluss unter der neuen Führung zu erwerben, folgten über die Hälfte der Student*innen den rund 30 Lehrenden, die ihre Arbeit an der SZFE niederlegten und stattdessen die Freeszfe Society gründeten. Kern dieser war ein sogenanntes Emergency Exit Programm, welches den Studierenden erlaubte mit ihren bisherigen Dozent*innen weiterzuarbeiten, und am Ende ihres Studiums ein Diplom von einer europäischen Partneruniversität zu erhalten. Mit dem Abschluss des letzten Jahrgangs hätte wohl auch die Freeszfe ihre Arbeit niederlegen können. Stattdessen hat sie in einem Gebäude unweit des Budapester Stadtwäldchen inzwischen ein festes Heim gefunden.

Péter Forgács steht vor dem Haus Freedom.

„Kunst, Kultur und Schauspiel, das ist eine sehr elitäre Welt, zu der nur wenige Menschen Zugang haben. Wir sind eine Brücke“, sagt der Präsident der Freeszfe, Péter Forgács. In dem Haus, dass er und seine Mitstreiter*innen auf den Namen Freedom getauft haben, wird neben Filmclubs, Schreibkursen und Schauspielworkshops für Kinder und Senioren seit Neuestem auch eine eigene Schauspielausbildung angeboten.

Unterrichtet werden die Schauspielschüler*innen unter anderem von Forgács selbst. Für heute hat er seinen Student*innen aufgetragen, Szenen aus dem Stück Kasimir und Karoline von Ödön von Horváth zu präsentieren, die sie in den letzten Wochen einstudiert haben. Die erste Gruppe hat sich das Dachgeschoss als Bühne ausgesucht. Das, was im Text einmal das Oktoberfest war, wird in der Inszenierung der Gruppe zum Club. Während im Hintergrund der Bass wummert, konsumieren die Student*innen imaginäre Drogen, tanzen wild zur Musik und lassen einen Konflikt eskalieren.

Die 19-Jährige Lilla ist eine von ihnen. Bevor sie ihr Studium an der Freeszfe begann, hatte sie sich auch schon an der SZFE selbst beworben. „Es ist nicht einfach, in Ungarn Schauspielerin zu werden. Es gibt drei oder vier große Schauspielschulen und dann noch ein paar kleinere Institute, aber die besucht man meist, um es danach an den Schulen zu versuchen“, erklärt sie. Die meisten Nachwuchsschauspieler*innen würden sich deshalb einfach überall bewerben. Trotzdem sei sowohl für sie, als auch für viele ihrer Klassenkamerad*innen die Freeszfe irgendwann zum Favorit geworden. Für Lilla war das nach ihrem zweiten Vorsprechen an der SZFE der Fall. „Ich hatte diesen merkwürdigen Dozenten, der mir erklärte, dass ich zu viele Gedanken hätte und dass ich so willenlos wie eine Puppe sein muss, damit er mit mir arbeiten kann. Das sind diese alten Lehrmethoden, die davon ausgehen, dass ein Schauspieler einmal gebrochen werden muss, bevor erspielen kann“. Sie glaubt, dass dieses Verständnis von Lehre auch mit der politischen Einstellung des Lehrpersonals zusammenhängt. „Natürlich gibt es an der SZFE auch gute Lehrer und Lehrer, die nicht Pro-Fidesz sind. Aber ich denke schon, dass die Menschen, die sich auf die Seite von Fidesz stellen, auch die sind, die an eine eher traditionelle Form des Theaters glauben.“

Niemand wird als Lehrer geboren

Der einzige Nachteil, den sie und ihre Klassenkamerad*innen haben: Am Ende bekommen sie kein staatlich anerkanntes Diplom. Das könnte eine Anstellung für sie später schwieriger machen. Außerdem wird für das Studium an der Freeszfe für jedes akademische Jahr eine Gebühr von 1 Million Forint fällig. Umgerechnet sind das etwa 2.800 Euro. „Ich wünschte, das wäre nicht so“, sagt Forgács, „Aber wir müssen sie erheben, damit wir das Lehrpersonal bezahlen können“.

Genau wie Upor war Forgács früher Dozent an der SZFE. Anders als der ehemalige Vizerektor hat er sie jedoch nicht umgehend verlassen. Zum Zeitpunkt der Besetzung habe er zwei Klassen gehabt, eine mit angehenden Regisseur*innen, und eine mit angehenden Schauspieler*innen. „Die Schauspieler wollten bleiben und ich wollte das mit ihnen zu Ende bringen“, erklärt Forgács. Selbst als er ein Jahr später gefeuert worden sei, sei er einfach weiter gekommen. Gestört habe das niemanden. „Ich glaube es ging ihnen vor allem darum, dass auf dem Papier keines der alten Gesichter mehr beschäftigt ist“, sagt er.

Die neue Belegschaft der SZFE betrachtet er derweil ähnlich skeptisch wie seine Schüler*innen. „Manche von ihnen sind bestimmt gute Schauspieler. Aber das heißt nicht, dass sie auch gute Lehrer sind“, meint er. Viele von ihnen seien Newcomer, die vorher noch nie gelehrt hätten. Dabei sei Lehrerfahrung bei künstlerischen Studiengängen besonders wichtig. „Wie erkennt man, ob jemand dafür gemacht ist ein Schauspieler zu sein oder nicht? Wie erklärt man einem Cinematographen, wie er auf die Welt schauen muss? Das muss man lernen.“ Einer der wichtigsten Grundsätze an der SZFE sei es deshalb gewesen, dass niemand als Lehrer*in geboren werden würde. Wer selbst Dozent*in werden wollte, der habe erst einmal jahrelang bei erfahrenen Kolleg*innen hospitiert. „Diese Tradition wurde einfach entzweigerissen“, erklärt Forgács.

Hoffen auf Veränderung

Unter den Student*innen der SZFE scheinen einige die Einschätzung Forgács zu teilen. Kata ist im letzten Jahr ihres Dramaturgiestudiums, Botond und Regina machen bald ihren Abschluss in Regie. „Es ist natürlich schwer, direkte Vergleiche zu ziehen, weil wir vor fünf Jahren nicht selbst dabei waren“, meint Kata auf der Terrasse eines Budapester Cafés. Dennoch gebe es für ihre Kommiliton*innen und sie kaum Zweifel daran, dass die Qualität der Lehre heute bedeutend schlechter sei, als vor den Protesten.

Kata, Botond und Regina studieren an der SZFE.

Trotzdem können sie sich die drei aktuell nicht vorstellen, an einer anderen Universität zu studieren. „Ich schreibe und denke auf Ungarisch, deshalb möchte ich auch Theater auf Ungarisch machen“, sagt Kata. „Das kann ich nur hier. Außerdem ist es meine Heimat.“ Umso größer ist ihre Hoffnung, dass sich unter Péter Magyar etwas verändern wird. Zuletzt hatten sie und ihre Kommiliton*innen nicht nur den Rücktritt der Universitätsleitung gefordert, sondern auch einen offenen Brief an die neugewählte Regierung, darunter vor allem an die Bildungsministerin und den Kulturminister, aufgesetzt. „Es wird Veränderungen geben, das ist sicher. Wir hoffen jetzt, dass wir in diesen Prozess einbezogen werden“, sagt Kata. An der Freeszfe geht es Lilla und ihren Klassenkamerad*innen ähnlich. Sie hoffen auf eine Kooperation mit einer der Universitäten, die es ermöglichen würde, doch noch einen offiziellen Abschluss zu erhalten. Entsprechende Gespräche wurden bereits eingeleitet. Und auch László Upor zeigt sich nach seinem Besuch in der Vas utca zumindest vorsichtig optimistisch. „Tisza ist immer noch eine konservative Partei“, sagt er, „aber nach allem, was passiert ist, kann ich nicht nicht hoffnungsvoll sein“.


Fotos: …