Die Modeindustrie ist ein schrecklicher Ort. Tödliche Arbeitsbedingungen, unrealistische Körperbilder, umweltzerstörende Produktionen und nimmersatter Kapitalismus. Das sagte ich beim Fitting der Kollektion der Herbst-Winter Fashion Week 2024 in Paris zum Designer. Er stimmt mir überzeugt zu, aber ändert nichts.
Seit ein paar Jahren arbeite ich neben dem Studium als Model. Die Möglichkeiten, damit die Welt zu sehen und Geld zu machen, ist die Definition von pretty privilege. Bei einem Job verdiene ich oft einen Monatsgehalt, was oft, aber auch nur einmal im Monat passiert. Dazu bin ich mir bewusst, dass jeder Job der letzte gewesen sein könnte. Denn ob ich gebucht werde oder nicht, das liegt zu 90% außerhalb meiner Macht. Mehr Zeit als in die Jobs selbst wird deshalb in Vorbereitung und Castings gesteckt – nur, um dann wieder mit leeren Händen dazustehen. Aus dem eigenen Leben gerissen, alleine an einem fremden Ort, geht es nur um Aussehen, Wirkung und bei welchen Agenturen man ist.
Ich erzähle meiner Agentin, wie schlimm ich es finde, dass den Models gesagt wird, ihre Hüften seien drei Zentimeter zu breit. Sie stimmt mir zu: „You know it’s horrible, for the younger girls. It’s sensitive. But the clients are very strict about it. So you know you have to take care of your figure. In a healthy way of course!“ Damit es auch „in a healthy way“ abläuft, müssen während der Fashion Week alle Models von einem Arzt „untersucht“ werden. Er bestätigt, dass sie, beziehungsweise ihr Gewicht, gesund ist. Er fragt nach Gewicht und Größe, misst den Blutdruck und fragt nach Beschwerden. Drei Minuten später ist die Agentur von jeglicher Verantwortung befreit.
Die Agenten sind ein fundamentaler Teil der Modeindustrie. Sie suchen aus, wer unter Vertrag genommen wird, und wer den besten Kund*innen und Casting-Direktor*innen gezeigt wird. Gemeinsam bestimmen sie, welcher Typ und Körper gefragt sind.
Das Spinnrad der Modeindustrie
Was mich am meisten bei der Arbeit stört, ist die Haltung der meisten Beteiligten, die ignorant gegenüber ihrer eigenen Position im Rad der Modeindustrie sind.
Fashion-Leute mit chunky Silberringen, langen Mänteln und Loafers, tragen ihre Acai und Salad Bowls in Pappbehältern ins Studio durchs 1. Arrondissement in Paris. Nach noch einer weiteren Zigarette versammeln sich all diese Stylist*innen, Designer*innen, Assistent*innen und Praktikant*innen, mit schwarzem Kaffee in einem Raum. Hier stehe ich seit fünf Stunden auf zehn Zentimetern zwischen Spiegeln, Kleiderständern, Skizzen und Schnappschüssen an einer Pinnwand und den inzwischen gelehrten Pappbehältern. Während dem Fitting erzähle ich dem Designer, mein Problem mit der Industrie. Dieser entzieht sich der Verantwortung: „Oh yes it’s horrible, the mass production and child labour. I mean… It’s fast fashion, right. It’s bad quality also. It’s so much better to create long lasting designs with good quality and good condition, that’s important.“
Er meint, die Anderen seien das Problem, die Fast-Fashion-Marken, nicht die renommierten Modehäuser. Seine Kollektion wäre langlebiger, mit nachhaltigen Stücken. Aber selbst wenn eine Marke nachhaltig handelt, treibt sie das Spinnrad voran.
Prestige-Modehäuser wie Chanel, Prada, Saint Laurent etc. geben die Entwicklung der Mode an. Sie füttern Ketten wie Zara, COS, Bershka. Es ist ein Wechselspiel von Image und Commercial. Das Eine kann nur mit dem Anderen überleben. Das Image der elitären Marken kreiert einen Raum für die kommerziellen Marken. Diese erweitern die Reichweite und den Markt, auf den das Image wiederum reagiert. Auch kleinere Brands brauchen diesen Kreislauf, um zu florieren. Selbst bei langlebigen Kunst-Einzelstücken, die von einem besser bezahlten Team aus nachhaltig erworbenen Stoffen kreiert worden sind. Mit steigender Beliebtheit kommen Aufmerksamkeit und Trends. Die unausweichliche Folge: Billig gemachte Kopien. Die originalen Designs bedingen die Produktion von preiswerten Gegenstücken. Selbst Designer*innen, die ethisch und nachhaltig handeln, treiben die Industrie voran – Bella Hadid trägt nachhaltig produzierte Marken, Leute wollen aussehen wie sie, Shein bietet Produkte im gleichen Stil an.
Mode an sich ist eine wunderbare Kunst! Aber sie ist genauso Produkt wie Kunst. Sie wird zelebriert, hochgehalten und als künstlerisches Ausdrucksmedium glorifiziert. Doch Image-Fashion als Kunst, und Commercial-Fashion als kommerzielles Produkt können in unserer wuchernden Konsumgesellschaft nicht voneinander getrennt werden. Und die Kunst dahinter reicht nicht aus, um die Schattenseiten der Industrie zu legitimieren. Die Industrie ist geformt von schädlichen Körperbildern und Konsumtrieb, der durch Verschwendung von Ressourcen und Produkten, Ausbeutung der Arbeitskräfte und Umweltverschmutzung lebt. All das wird in unserem globalen kapitalistischen System immer weiter wachsen, wenn niemand die Verantwortung übernimmt und etwas ändert.
Designer*innen, die meinen, ihre Kunst würde das Schlechte der Industrie nicht bedienen, sind delusional. Es darf nicht vergessen werden, dass die zwei Seiten – das Schöne und das Schreckliche – in einer unausweichlichen Symbiose stehen.
Glorifizierung und Revolution
Auch ich bin Teil dieser Symbiose. Denn obwohl ich die Modeindustrie hasse – für die richtige Bezahlung würde ich wahrscheinlich wieder einen Job annehmen.
Es geht nicht darum, Mode zu verteufeln, sondern den Nebel der Glorifizierung aufzudecken. Dass es eine blutige Kunst ist, muss den Schaffer*innen und Konsument*innen bewusst sein. Und hoffentlich motiviert das Bewusstsein dazu, mit dem Konflikt realitätsbezogen zu leben und zu verstehen, dass die Spitze der Modewelt nicht erstrebenswert und glamourös ist.
Die meisten Kreierenden und Konsumierenden können nichts für das zerstörerische System. Sie sind nur Bauern auf dem Schachbrett. Doch zu denken, dass die eigene Schuldlosigkeit auch die Verantwortung nimmt, das ist Heuchelei. Mitzuspielen und Kleinbei zu geben, nur weil andere die Regeln erfunden haben. Das ist nur möglich, wenn man weltfremd oder heuchlerisch ist.
Bei jedem Job schreit mein Gewissen, dass ich Letzteres bin. An den Tagen, an denen ich doch arbeite, gehe ich gegen meine eigenen Prinzipien. Doch statt mein Gewissen zu beruhigen, versuche ich, mir des Konflikts bewusst zu sein. Denn ohne das Bewusstsein über die Problematik würde sich nie etwas ändern. Jede anfangs unbequeme Änderung ist dabei angenehmer, als zu dulden, welches Leid in dieser Industrie kreiert wird. Es geht um die Änderung im Konsumverhalten und Bewusstsein. Nicht blind die Kunst zu preisen, wenn man über die neuen Kollektionen redet. Sich erinnern und vermitteln, dass es keine unschuldige Kunst ist. Die eigene Moral nicht für eine gerade beliebte Hose über Bord werfen. Sowieso weniger Kaufen und nicht sagen, dass man etwas Neues braucht, wenn es nur ums Aussehen geht. Wenn möglich Second Hand kaufen oder von verantwortungsbewussten Marken und sich nicht von jedem Trend, blind den Kopf verdrehen lassen. Das Gute, sowie Schlechte parallel sehen und sich nicht vor Schönheit blenden lassen!
Illustrationen: Gigi González Higgins







