Scannen. Verpacken. Einsortieren. Das sind die täglichen Aufgaben des Supermarktkassierers Sakai. Ob diese Monotonie der Menschenseele guttut, hinterfragt der japanische Regisseur Yusuke Iwasaki in seinem neuen Film „AnyMart“.

Bekanntlich besitzt Japan eine außergewöhnlich hohe Suizidrate, besonders im Vergleich mit anderen hoch industrialisierten Ländern. Woran das liegen mag ist Kennern des Inselstaates sicherlich bereits durch verschiedenste Filme, Musik und Videospiele bekannt: Soziale Isolation von Jugendlichen, Perspektivlosigkeit auf dem Arbeitsmarkt, enormer akademischer Stress und der allumfassende Druck einer Gesellschaft gerecht zu werden, welche Abweichungen von der Norm drakonisch sanktioniert.

Der Film „AnyMart“ bestätigt viele dieser fatalistischen Annahmen aus der Sicht eines abgestumpften, roboterhaft agierenden Supermarktmitarbeiters. Laut der kurzen Einführung einer Berlinale-Pressekollegin habe der junge Regisseur Yusuke Iwasaki selbst mehrere Jahre hinter der Kasse verbracht; dies merkt man dem Film bereits nach wenigen Minuten an, als ein Kunde sich minutenlang über eine ungewünscht erhaltene Plastiktragetüte echauffiert, nur um dann den bereits in Rechnung gestellten Betrag nicht zurückzuverlangen.

Absurde Rituale – wie das Aufsagen eines Treueschwurs vor Schichtbeginn – im Zusammenspiel mit dem stupiden und repetitiven Charakter der Aufgaben eines Kassierers selbst, veranschaulichen auf eindrückliche und ebenso unangenehm unterhaltsame Weise den Alltag eines ziellos vor sich hinlebenden jungen Erwachsenen. Wie eine leere Hülle, welche auf bestimmte Sätze mit einem Nicken oder einem enthusiastischen „Ohh!“ reagiert, (über)lebt der Hauptcharakter Sakai den entmenschlichenden japanischen Kapitalismus. Er geht auf Dates, schaut sich süße Katzenbilder seines Gegenüber an. Am nächsten Tag hängt sein Vorgesetzter an den Kabeln eines Stromkastens aufgehangen im Mitarbeiterraum. Egal, morgen ist jemand Neues da. Und jetzt ist man selbst Manager! Also halb so wild. Die Endlosspirale der Bedeutungslosigkeit scheint unentrinnbar. Bis eine selbstbestimmte neue Mitarbeiterin die Strukturen des Betriebs hinterfragt…

„AnyMart“ ist mitnichten subtil. Die zu vermittelnde Botschaft wird dem Zuschauer mit dem Vorschlaghammer an den Schädel gedroschen. Auch ist diese Botschaft nicht neu oder anderweitig „überraschend“, da sich ein nicht unerheblicher Anteil der japanischen Kinolandschaft der radikalen Selbstkritik verschrieben hat. Immerhin ist der Film mit einigen erfrischenden Genre-Elementen aus Horror, Western und Thriller angereichert, sodass auch Fans deftigerer Unterhaltung auf ihre Kosten kommen. Trotz dieser Tatsachen kommt es gegen Ende hin zu überraschend fantastisch gespielten emotionalen Momenten, welche durchaus nachwirken und nicht nur Gen Z-Besucher zur Selbstreflexion anstiften dürften.

Während es sich hier also definitiv nicht um ein „Must-watch“ handelt, so ist es doch beruhigend zu sehen, dass es jungen Menschen in anderen Ländern genauso beschissen geht wie uns.


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