
Verdrängte Vergangenheit und abgebrochene Beziehungen. Im Berlinale-Film Nina Roza lässt die kanadische Regisseurin Geneviève Dulude-De Celles einen alternden Kurator zu seinen Wurzeln zurückfinden.
Ein unerwarteter Anruf reißt den Montrealer Kurator Michail (Galin Stoev) aus seinem Alltag. Seine Tochter bittet ihn, nach ihrer Trennung für einige Zeit bei ihm unterzukommen. Schnell wird klar; die Stimmung zwischen den beiden ist angespannt Nicht nur weil Michail Rozas Entscheidung nicht nachvollziehen kann, sondern vor allem weil sie ständig alte Fotobücher aufschlägt und Schallplatten auflegt, die Michail an seine verstorbene Frau und seine jahrelang verdrängten bulgarischen Wurzeln erinnern. Just in diesem Augenblick hat sein Chef einen ungewöhnlichen Auftrag für ihn. Über eine italienische Galeristin hat er von der achtjährigen Nina Sotirova erfahren, einem künstlerischen Wunderkind, welches ausgerechnet in einem Dorf in Bulgarien lebt. Trotz seiner Zweifel entscheidet Michail sich, nach 28 Jahren in seine alte Heimat zurückzukehren, um Ninas Talent auf Herz und Nieren zu prüfen. Doch einmal in Bulgarien angekommen, wird Michail schon bald von der Vergangenheit eingeholt.
Nina Roza ist erst der zweite Langfilm der kanadischen Regisseurin Geneviève Dulude-De Celles, die eigenen Aussagen nach sechs Jahre lang an dem Film arbeitete. Für die Berlinale ist sie keine Unbekannte. Bereits im Jahr 2019 erhielt sie für ihren Kinder- und Jugendfilm Une Colonie einen gläsernen Bären. Während sie in Une Colonie noch Heranwachsende auf der Suche nach einem Ort der freien Selbstentfaltung begleitete, ist es in Nina Roza nun ein Erwachsener, der langsam zurück zu seinen Wurzeln findet. Dabei hilft ihm auch die Figur Nina, die, ginge es nach der italienischen Galeristin Bulgarien, schon bald verlassen soll. So lässt Regisseurin Dulude-De-Celles Michail anhand der Figur der Nina nicht nur seine eigene Migrationsgeschichte, sondern auch die seiner Tochter reflektieren. Immerhin war sie in einem ähnlichen Alter wie Nina, als Michail nach dem Tod seiner Frau das Land mit ihr verließ. Entsprechend werden im Film immer wieder Szenen eingestreut, in welchen die achtjährige Roza auf einmal im Bulgarien der Gegenwart auftaucht. Doch um Michail und seine Entwicklung darzustellen, wird auch mit subtileren, allegorischen Bildern gespielt, etwa dann, wenn Michail eine Wand im Atelier weiß überstreichen lässt oder wenn er ein verlorenes Schaf auf die bulgarische Weide zurückträgt.
Nina Roza ist kein actionreicher Film. Statt der Handlung steht vor allem Michails Charakterentwicklung im Fokus, die durch Galin Stoevs hervorragendes Schauspiel vermittelt wird. Dadurch, dass er den Dreh- und Angelpunkt der Erzählung darstellt, sind Gefühle und Gedanken der anderen Charaktere oft nur zu erahnen. Dabei wünscht man sich, mitunter mehr von ihnen zu sehen, besonders von Roza, die dem Film zumindest zur Hälfte seinen Namen stiftet. Dennoch kann Nina Roza als Charakterstudie überzeugen.
Foto: © Alexandre Nour Desjardins


