
Der griechische Film „Uchronia“, der bei der Berlinale 2026 seine Weltpremiere feiert, lässt queere Pioniere als Geister wiederkehren und reflektiert durch diese Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft von Widerstand, Queerness und Avantgarde.
„Die Zukunft gehört den Geistern“ steht auf Französisch auf einem Pappplakat, gehalten von einer Frau in zerrissener Kleidung. Währenddessen singt eine ähnlich gekleidete, jüngere Frau ein Gedicht des französischen Dichters Arthur Rimbaud im Stil einer Revolutionshymne. In diese Szene werden immer wieder Bilder der sogenannten Pétroleuses geschnitten. Bei diesen handelt es sich um Frauen der Pariser Kommune, eines revolutionären Selbstverwaltungsprojekts, welches blutig niedergeschlagen wurde und deren Anhängerinnen als Brandstifterinnen dämonisiert wurden. Es ist nur eine von vielen Sequenzen des Films Uchronia, in welchen verschiedene Kontexte, Zeitebenen und Personen miteinander verwoben werden. Was auf den ersten Blick verwirrt, entfaltet sich zu einer sehr besonderen Filmerfahrung.
Der Titel des Films basiert auf dem Konzept, dessen Definition zu Beginn auch gezeigt wird: Uchronia bezeichnet eine Nicht-Zeit, eine Gegengeschichte aus „Wäs wäre wenns“, eine Vergangenheit vorwärts geträumt oder eine Zukunft rückwärts geträumt.
In einer solchen Nicht-Zeit erwacht der 1891 verstorbene Dichter Arthur Rimbaud in dem Film und findet verschiedene Kästen, mit den Aufschriften „Queers“, „Spectral recordings“, „art manifestos“, und „Failed revolutions“. Mit der Unterstützung durch Louise Michel, von manchen für ihre Rolle in der Pariser Kommune als die erste Revolutionärin Frankreichs bezeichnet, lässt Rimbaud die Inhalte dieser Kästen zum Leben erwachen. Es sind die Geister, die Essenz dieser Artefakte, welche im Film in der Form lebendiger Personen zu Wort kommen. Gerahmt wird diese anachronistische Erfahrung, welche der Regisseur Fil Ieropoulos als Doku-Essay bezeichnet, durch die Kapiteltitel von Rimbauds Lyriksammlung Une saison en enfer und dessen Gedichten, die als Lieder aufgeführt werden.
Die Spannung dieser filmischen Situation, zwischen Unterhaltung und intellektueller Komplexität, wird schon im ersten größeren Abschnitt mit dem Titel „2nd rimbaudian internatonale“ klar. Ähnlich einer Konferenz treten verschiedene Charaktere, welche Archetypen des queeren und linken Diskurses repräsentieren, an ein Rednerpult, eingeführt mit Titelkarten. Der „Deleuzian Bodybuilder“ referiert über Körperfaschischsmus und zitiert Susan Sontag, „Femenist Bombshell“ kritisiert queere Selbstgefälligkeit und „Trotski 2.0“ plädiert für eine nie endende internationale Revolution. All diese und viele weitere Charaktere werden von ihren Schauspielern wunderbar lebendig porträtiert. Immer schwingt eine satirische Ebene mit. Gleichzeitig werden die hinter den Reden liegenden Ideologien und Theorien ernst genommen.
In eben jenem Abschnitt wird aber auch die zentrale Herausforderung des Filmes klar: Von den Zuschauenden wird eine große Menge an Vorwissen zu Themen, Personen und Diskursen erwartet, fast schon verlangt. Wie viel Unterhaltung bietet solch ein Referenzenhagel, wenn die Zuschauenden nicht mit dem Material vertraut sind? Teilweise lässt der Film einen mit Erleuchtungs- und Aha-Momenten zurück, an anderen Stellen werden nur Verwirrung und Fragezeichen produziert. Es ist nahezu unmöglich alles zu kennen was hier erwähnt, eingeblendet und zum Leben erweckt wird.
Dieser Problematik ist der Film sich augenscheinlich bewusst. In dem kurzen Abschnitt mit dem Titel „Young Pioneers“ spricht eine nicht genauer benannte Frau zur Kamera und erklärt die Notwendigkeit der Avant-Garde: „Sie wollten, dass Poesie nützlich ist. Wir haben Poesie zu einem unmöglichen Instrument gemacht. Sie wollten, dass Kunst dem Volk dient. Wir haben Kunst geschaffen, die das Volk war“. Diese Position wird anders auch von Foivos Dousos, dem Drehbuchautor des Films in einem Instagram Post wiedergegeben: „Mit Uchronia haben Fil [Regisseur von Uchronia] und ich genau die Art von Dingen gemacht, die wir gerne mögen […] Keine Rücksichtnahme auf kommerzielle Rentabilität, Branchenregeln, Drehbuchlabore oder Ängste, zu prätentiös oder zu unverständlich zu sein“
Manchmal geht diese radikale Methode nicht auf. Besonders die Sequenzen, welche sich vom textlichen wegbewegen, verlieren sich in ausufernden Choreographien, ziehen den Film unnötig in die Länge. In anderen Situationen sind die vorgelagerten eigenen Positionen und Interessen des Teams wiederum ein Gewinn. Besonders zeigt sich dies in einer Sequenz, in der Andy Warhol von dem queeren Filmpionier Jack Smith entführt wird und unter Zwang eine Kritik an Pop Art vorliest. Außerordentlich lustig geschrieben dient diese Situation als Ausgangspunkt für einen Rundumschlag, welcher verschiedene zeitgenössische Trends und Tendenzen der queerer Medien- und Unterhaltungskultur kritisiert.
Die tiefgehende Betrachtung des Films zu der Historie und Gegenwart verschiedener Diskurse gepaart mit der Fülle an Referenzen kann in den besten Momenten weniger ein Problem, sondern vielmehr eine Chance sein. Für schon Eingeweihte ist es ein Moment des Empowerment und eine spaßige Neubeleuchtung, lebhaftes Wissen. Für all jene, die vielleicht noch nicht so vieles vorher kannten, aber ein Interesse daran haben, kann es Startpunkt und Inspiration für Wikipedia-Rabbit-Holes und weitere Beschäftigungen mit den Thematiken des Film sein. Genau darin liegt das Potenzial von Uchronia als ein möglicher Kult-Klassiker, der durch mehrfaches Anschauen seine volle Bandbreite an Wirkung entfalten kann.
Das passt auch zu der am Anfang erwähnten Proklamation über die Geister, bei der es sich eigentlich um das Zitat einer These des französischen Philosophen Jacques Derrida handelt, welche dieser Anfang der 80er Jahre in dem avantgardistischen Dokumentarfilm Ghost Dance aufstellte. Uchronia bestätigt in bester Weise auch den ausgeklammerten zweiten Teil von Derridas These: „Die moderne Technologie der Bilder, Kinematografie und Telekommunikation verstärkt die Macht der Geister und ihre Fähigkeit, uns heimzusuchen“.
Foto Credits: FYTA Films


