Was Schönheit bedeutet, ist abhängig von dem, was wir gerade hören wollen. Eine Betrachtung der Schönheit als Konzept ohne Bedeutung.

„Wer schön sein will, muss leiden.“ Wahrscheinlich war diese Ermahnung gegen mein Jammern beim Haare kämmen der erste Kontakt, den ich als Kind zum Begriff der Schönheit hatte. Mit hundert Bürstenstrichen morgens, hundert Bürstenstrichen abends lernte ich die Schönheit als erstrebenswertes Ziel kennen. Als übergeordneten Sinn, der es wert ist, zu leiden. Was auch immer diese Schönheit sein sollte. Mit 14, wenn ich unglücklich in den Spiegel sah, hörte ich dann, Schönheit liege „im Auge des Betrachters.“ Noch später hieß es, „wahre Schönheit kommt von innen.“ Diese drei sehr gebräuchlichen Aussagen über Schönheit könnten in ihren grundlegenden Bedeutungen unterschiedlicher nicht sein. Sie zeigen: Wir biegen uns die Schönheit, wie es uns gerade passt. Aber warum? Wieso hat die Schönheit einen solch hohen Wert für uns, wenn ihre Definition doch so lose ist?

Besonders für Frauen ist die äußere Schönheit lange ein integraler Teil ihrer Identität. So profitiert die Diätindustrie seit Jahrzehnten von der gerade angestrebten Körperform, die sich mit jeder Saison ändert. Auch die Beauty- und Modeindustrie profitieren von unserem Streben nach Schönheit. Bewusst ist mir das schon. Und doch höre ich zu, wenn eine Influencerin auf meinem Handybildschirm über die positiven Effekte von präventivem Botox spricht. Auch politisch kann die Schönheit uns beeinflussen. So weiß ich zwar, wie Propaganda funktioniert, höre aber trotzdem zu, wenn eine stay-at-home Mom mir – unterlegt mit harmonischer Musik und ästhetischen Bildern von selbst gekochtem Essen und Babykleidung – erzählt, warum das Leben der traditionellen Ehefrau und Mutter der erfüllendste Weg für eine Frau ist. Schönheit zeigt Wirkung. Oft haben Schönheitsstandards und Ästhetisierung offensichtlich mit Leid zu tun, mit Unwahrheit und Manipulation.

Und dabei soll die Schönheit doch das genaue Gegenteil beschreiben. Für Platon war die Idee des Schönen eng an die Idee des Guten geknüpft. Müssten wir davon ausgehend die Schönheit nicht ausschließlich in den Dingen suchen, die uns gut fühlen lassen? Das kann Zeit mit geliebten Menschen sein, die Sommer-Sonne, die bald zurückkehren wird, Schnittblumen oder Musik. Oft fühlt es sich beinahe absurd an, Schönheit in den kleinen Dingen zu sehen, während wir tagein, tagaus mit Bildern von humanitären Krisen, Kriegen und Ungerechtigkeit konfrontiert sind. Und doch tun wir es. Auch um Trost zu finden. Was hat das mit der Schönheit zu tun, für die ich mir Eigenblut spritzen lassen soll?

Dass wir Schönheit in verschiedenen Situationen so unterschiedlich definieren, zeigt, dass sie als Konzept Teil unserer Identität ist. Die Art, wie jemand mit dem Begriff der Schönheit umgeht, was sie für ihn bedeutet, wie und ob er sie anstrebt, verrät uns so viel mehr über einen Menschen als die Frage, ob wir ihn schön finden. Die Schönheit begleitet uns jeden Tag, ob als Ziel, als Trost oder als Aufschluss über uns selbst und andere. Schönheit ist also kein feststehender Begriff, sondern vielmehr ein identitätsschaffendes Spannungsfeld. Die Schönheit ist mehr als was das Auge sieht und doch beschränkt sie sich im alltäglichen Leben oft genau darauf. „Wer schön sein will, muss leiden“ ist somit keine Lüge, aber auch nicht die ganze Wahrheit.


Illustration: Flora Kühn