
Starke Emotionen gelten oft als „too much”. Crash-Outs sind nichts weiter als das Resultat mangelnder Selbstbeherrschung und gehören, wenn überhaupt bitte, in die eigenen vier Wände. Aber wollen wir das wirklich?
Ob wir wollen oder nicht – Crash outs sind uns unangenehm. Wir werfen unseren Mitschüler*innen perplexe Blicke zu, wenn unser*e Lehrer*in den Duden vor Wut auf den Tisch schmeißt. Wir rollen mit den Augen, wenn unsere Mutter uns anschreit, weil wir den Müll schon wieder nicht rausgebracht haben. Wir wissen nicht so recht, ob wir unsere*n Kommiliton*in bei einem Wutanfall beschwichtigen oder doch lieber in Ruhe lassen sollen.
Meinen letzten Crash-Out hatte ich letzte Woche beim Eislaufen mit Freunden. Vor dem Tresen wartete ich auf die Mitarbeiterin, der ich meine Schlittschuhe zum Schleifen geben wollte. Zwei Männer legten auf einmal ihre Schlittschuhe vor mir auf den Tresen, ohne mich zu beachten. Ich sagte nichts weiter. Nachdem die beiden dran waren und ich meinen Schuh extra in die Luft streckte, um zu signalisieren, dass ich auch anstehe, trat ein Mann im mittleren Alter vor mich und packte gleich einen ganzen Sack mit Schlittschuhen auf den Tresen. Wie beide Männer vor ihm – ohne mich zu beachten. Hätte ich mich eindeutiger anstellen sollen? Sollte ich etwas sagen? Darüber dachte ich zu lange nach, denn ehe ich etwas sagen konnte, war er weg. Ähnliche Situationen habe ich schon öfter erlebt und jedes Mal fragte ich mich – hätte er sich auch vorgedrängelt, wäre ich ein Mann?
Das weiß ich leider nicht. Ich weiß aber, dass das darauf folgende Auskotzen bei meiner Freundin sehr befreiend war.
Besagte Freundin versteht mich diesbezüglich nur zu gut, denn erst vor ein paar Wochen hatten wir 1 Uhr nachts einen gemeinsamen Crash out auf dem Damenklo einer Bar. Sie erzählte mir, dass ihre Gynäkologin ihre Periodenschmerzen nie ernst nahm und ihr „mehr Fleisch” und „abnehmen” verordnete. Nach Einholung einer Zweitmeinung bekam sie dann die Diagnose PCOS, eine hormonelle Störung, die besagte Schmerzen verursachte und unter der rund eine Millionen Frauen in Deutschland leiden. Das Sprechzimmer ihrer Gynäkologin war ein schlechter Ort für einen Crash out – deshalb musste er dringend auf dem Klo nachgeholt werden.
Unsere frustrierenden Frauenarzt-Erfahrungen teilten wir miteinander, bis unsere Freunde anfingen uns zu suchen. Es tat so gut, mal wütend zu sein, dass wir die Zeit komplett vergaßen. Das kannte ich aus meiner Schulzeit so gar nicht.
In meiner Heimat hatte ich nie die Möglichkeit, Crash out zu gehen, wenn der 60-jährige Hans-Peter mich mit 19 Jahren als „reife, attraktive Frau” bezeichnete. Ich hatte nie die Möglichkeit, Crash out zu gehen, wenn die Jungs aus meinem Englischunterricht in der letzten Reihe kicherten und tuschelten, während ich eine Rede über die Bedeutung von Feminismus hielt. Ich hatte nie die Möglichkeit, Crash out zu gehen, wenn mir beim Familienessen gesagt wurde, dass ich mal abnehmen müsste.
Insbesondere als Frau wird einem die eigene Emotionalität konstant abgesprochen und durch das Wort „Hysterie” ersetzt. Frauen müssen sich nicht nur damit abfinden, alleinige Care-Arbeit zu verrichten. Sie müssen sich auch damit abfinden, keine Wertschätzung für diese zu bekommen. Unter diesen Umständen braucht es in der Regel nur eine kleine Ärgerlichkeit (z.B. den Müll, den man nicht rausgebracht hat), um das Fass zum Überlaufen zu bringen und Crash out zu gehen oder in misogyn gesagt: „hysterisch” zu werden. Daraufhin gibt es vom Ehemann als Geste der Anerkennung maximal einen Schmatzer auf die Wange und das fälschliche Versprechen, in Zukunft mehr im Haushalt zu helfen.
Wut und Trauer sind unangenehme Gefühle und sollten deshalb so weit wie möglich zurückgestellt werden. Man will schließlich niemanden mit seiner „schlechten Laun” anstecken. Dabei sind Emotionen menschlich, gesund und valide. Jeder Mensch fühlt sie und kann sie dementsprechend nachvollziehen. Anstatt uns von ihnen zu distanzieren, in der Hoffnung, Harmonie aufrechtzuerhalten, sollten wir sie lieber als gut gemeinte Hinweise ansehen, ein Auge auf unser Gegenüber, als auch auf uns selbst zu werfen.
Also – mehr Klo-Crash-Outs und den Müll rechtzeitig rausbringen!

