Home Berlinale 2026 Absteige am Ende der Welt – Rezension zu „Dead Mountaineer‘s Hotel“

Absteige am Ende der Welt – Rezension zu „Dead Mountaineer‘s Hotel“

0

Die verschneiten Alpen, ein wortkarger Detektiv und ein Verbrechen ohne offensichtliches Motiv. So gewöhnlich beginnt der estnisch-sowjetische Krimi „Dead Mountaineer‘s Hotel”. Dass Genrekonventionen hier nur Schall und Rauch sind wird erst nach einem beträchtlichen Teil der Laufzeit klar. 

Als Teil der Retrospektive-Reihe der Berlinale handelt es sich bei Grigori Kromanovs Film nicht um eine aktuelle Veröffentlichung, sondern um ein mittlerweile knapp 47 Jahre altes Machwerk. Dazu auch noch ein Krimi mit einer vergleichsweise generischen Prämisse. Warum wurde also ausgerechnet dieser Film für eine Wiederaufführung ausgewählt?

Peter Glebsky, seines Zeichens nach Polizeiinspektor, folgt einem anonymen Notruf zu einem unmöglich isoliert liegenden Hotel in den Alpen, welches den skurrilen Namen „Zum verunglückten Alpinisten trägt. Dort angekommen, will niemand von dem Notruf wissen. Glebsky beschließt aufgrund des langen Weges über  Nacht zu bleiben. Beim Spaziergang durch die verschachtelten Gänge des Hotels schließt er erstmals Bekanntschaft mit den Gästen: Simon Simonet, ein wändebesteigender Physiker; Olaf Andvarafors, ein exzentrischer Lebemann mit außergewöhnlichen Billiardfähigkeiten und Herr und Frau Moses, ein Paar mit einem Altersunterschied von knapp 40 Jahren. So wie sich das eben schickt bei den oberen Zehntausend.

Nach einem abendlichen Absacker und Tanz mit der betörenden Frau Moses freut sich Glebsky auf sein frisch gemachtes Bett und die Rückreise am folgenden Tag. Doch dann passiert etwas zugegebenermaßen Vorhersehbares; eine Lawine bricht aus und das Hotel wird vollständig von der Außenwelt abgeschnitten. Zu allem Überfluss wird Olaf auch noch tot in seinem Zimmer aufgefunden, neben ihm ein Koffer mit nicht identifizierbarem, hochtechnologischem Inhalt. Außerdem fangen andere Bewohner des Hotels an, von unerklärlichen Erfahrungen zu berichten; Doppelgänger streifen auf den labyrinthartigen Fluren herum und Frau Moses scheint albtraumhafte Halluzinationen im schreckhaften Simonet hervorzurufen. Als Polizist der alten Schule stößt Glebsky zunehmend an seine Grenzen.

Kromanov führt das Publikum bewusst auf eine falsche Fährte. Als Vehikel der Täuschung verwendet er die Rahmenhandlung eines austauschbaren Groschenromans, sowie die psychedelisch angehauchte Ästhetik eines 70er-Jahre Genrefilms. Dies suggeriert, dass es sich um einfach verdauliche Kost handelt, perfekt für einen freien Sonntagnachmittag mit ein paar Freunden. Präzise hierin liegt die Genialität des Ganzen: den Zuschauer*innen werden gängige Bilder, Dialoge und Anspielungen geliefert. Doch eigentlich verhandelt Kromanovs Film brandaktuelle Themen wie Zugehörigkeit als Minderheit in einem Vielvölkerstaat, festgefahrene Denkstrukturen in autoritären Ämtern und die fragile Natur unserer Realitätswahrnehmung(en), obgleich manches davon erst gegen Ende hin ersichtlich wird. Man glaubt, man wisse, wohin die Reise geht. Nur um dann so falsch zu liegen.


Foto: https://nordische-filmtage.de/en/festival/movie/view/1286