Es treffen aufeinander: Akira und Kill Bill. Ein Anime aus 1988 und ein Tarantino-Film aus 2003. Für Vail, Designerin aus Berlin, wurden diese zwei Klassiker aus östlicher und westlicher Popkultur zum Fundament ihrer Slow-Fashion-Marke “Kill Akira”. Mit der UnAuf spricht sie über die Entstehung ihrer Marke, Japans Subkultur und ihren Erfahrungen in der Modewelt.

UnAuf: Wie bist du dazu gekommen, eine Slow Fashion Marke zu gründen?

Vail: Fashion und Beauty ist, wie ich finde, eine visuelle Sprache. Es fiel mir immer viel einfacher, mich so auszudrücken, als mit Worten oder der Schrift. Deshalb fand ich schnell Zugang zum Zeichnen, Nähen, und Gefallen an dem ganzen künstlerisch-handwerklichen Prozess. Desto mehr ich mich damit beschäftigt habe, umso mehr wollte ich die visuelle Sprache aus Film und Anime, für die ich mich schon damals begeistert habe, in mein Handwerk einbeziehen. Ich war total fasziniert von diesem Clash aus östlicher und westlicher Ästhetik. Dann fing ich an, mich zu entwickeln, und wollte alle Techniken des Nähens professionell lernen. So kam ich zum Modestudium. Meine eigene Stilistik und meine ästhetische Sprache fand ich jedoch nicht an der Uni, ich habe eher das Gefühl, ich bin immer noch in der experimentellen Phase. Ich fühle mich wie ein Filter. Wenn ich einen Film schaue, achte ich beispielsweise auf die gewählten Farbpaletten, die eine gewisse Atmosphäre herstellen.

Vail von Kill Akira
Vail von Kill Akira

Nach der Uni musste ich jedoch erstmal unterschiedliche Jobs annehmen, mit denen ich absolut unzufrieden war. Irgendwann fing ich an, eine Balance zu suchen, zwischen „nötiger Arbeit“ und meiner „kreativen Arbeit“, um mich selbst finanzieren zu können und gleichzeitig schöpferisch tätig zu sein. Mein Kompromiss waren Ohrringe. Ich kam von der Arbeit nach Hause und fing an kleine Accessoires herzustellen. Das waren meine Anfänge. Die Bestellungen wurden zum Glück immer mehr und mittlerweile gibt es meine Marke „Kill Akira“ bereits ein Jahr. Damals dachte ich, ich bin gefangen im Prekariat, mittlerweile sehe ich mich als Designerin – das ist eine schöne Entwicklung.

Dein Logo zeigt eine japanische  „Noh Maske“. Welche Bedeutung hat „Kill Akira“ und das Logo und wie bist du darauf gekommen?

In meiner Jugend habe ich viel Anime geschaut und war immer fasziniert von östlicher und westlicher Popkultur. Vor meiner Bachelorarbeit bin ich nach Korea und Japan gereist, um mich inspirieren zu lassen. Letztendlich  bin ich so auf mein Label gekommen. Es ist eine Fusion aus „Kill Bill“ und „Akira“. Meine Leitgedanken oder Inspirationsquellen entspringen diesen beiden Filmen. Das Logo ist eine Noh-Maske, richtig, jedoch nicht traditionell wie man sie im japanischen Theater sieht, sondern fusioniert mit einem Dämon, der in dieser Form oft in neueren Animes gezeigt wird. So würde ich meinen Stil beschreiben: contemporary und gleichzeitig traditionell. Durch meine Reise nach Japan habe ich viel Neues über genderless Design und fluide Schnitte gelernt. Ich habe angefangen, an meiner eigenen ersten Kollektion zu experimentieren. In meinem Kopf fand ein richtiger Crash statt. Meine visuellen Eindrücke, die ich dort gesammelt habe, haben mir ganz neue Kraft gegeben.

Wie treffen sich die Richtungen „Contemporary“ und „Tradition“ in deinem Konzept?

Während meiner Zeit in Japan war ich viel unterwegs, um mich mit der Subkultur dort vertraut zu machen. Vor allem Harajuku hat meine Sinne richtig strapaziert — aber im positiven Sinne. Ich habe eine so weite und breitgefächerte Diversität an Pop- und Subkulturen erlebt, von Goth, über Punk, Cosplay, bis Kawaii. Dort ist alles dabei und erlaubt, keiner urteilt. Das ganze passiert auf ganz engem Raum. Ich hatte sowas in Europa noch nie gesehen! Auf mich wirkten jene urbanen Stylings sehr phantasievoll konstruiert, wie aus einem Märchen entsprungen und dennoch sehr zeitgenössisch. Diese Empfindungen haben sich auf meine Arbeit abgefärbt. Ich habe oft beobachtet, dass die Subkultur dort altertümliche Kleidung oder Kimonos mit neuen, modernen Designs kombiniert. Ich mag diesen Mix beziehungsweise Stilbruch aus „Neuem Erschaffen“ und einer gewissen „Nostalgie“. Als ich wieder zurück in Berlin war, ging ein experimentelles Ausprobieren für mich los. Vor allem mit Stoffen. Ich habe angefangen, über Ressourcen nachzudenken, und darüber, wie ich mich als Marke positioniere: Ich will jung und verrückt sein aber auch bewusst! Re- und Upcycling spielt seither eine wichtige Rolle für mich. Oft kaufe ich einfach Kleidung aus dem Second Hand und verwende sie als Stoffe für ein ganz neues Produkt. Das gibt der Fashion mehr Langlebigkeit.

Was ist  dein persönlicher Bezug zu Mode?

Ich habe selber in der Fashion-Industrie, jedoch in Fast Fashion, gearbeitet und habe immer die Moral hinter der Kleidung, also bezüglich der Herstellung, des Preises und der Langlebigkeit hinterfragt. Das Handwerk und die ganze Arbeit sind hinter der Kleidung verborgen und daher auch nicht mit einer hohen Wertigkeit assoziiert. Irgendwann hat mich diese Ignoranz auf der einen Seite, und die Intransparenz auf der anderen, wütend gemacht. Das war auch ein Grund, mich selbst aktivistisch zu positionieren, und für meinen Entschluss, selbst Kleidung herzustellen. Für mehr Transparenz nutze ich Social Media. Ich finde, das ist eine gute Möglichkeit zu zeigen, wie die Arbeit an der Nähmaschine abläuft, wie Stoffe auf Basaren gehandelt werden, wie ich Materialien färbe, und allgemein der ganze Prozess, der den Preis eines fertigen Produkts rechtfertigt. Ich habe gutes Feedback bekommen für meinen Social Media Auftritt und die Transparenz im Herstellungsprozess, die ich dort zeige. Für meine Kund*innen war das ein Weckruf, mehr auf so etwas bei Kleidung zu achten. Mein Umfeld fängt an, den Konsum von Kleidung kritisch zu hinterfragen, und das freut mich.


Foto: Anna Streidl

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