Thessaloniki Weekly: Jahreswechsel mit Sonnenschein

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Thessaloniki Header
Thessaloniki Header Foto: Nils Katzur

Thessaloniki ist nicht London, Madrid oder Paris. Thessaloniki ist eine Metropole auf dem Balkan. Die Griechen halten sie für die heimliche Hauptstadt ihres Landes. Das Nachtleben sei legendär und trotz Corona-Einschränkungen hält man daran fest. Auf dem Olymp, so sagt man, hausen die Götter. Direkt gegenüber gastieren Studierende aus aller Welt und feiern die „europäische Erfahrung“. Braucht es mehr Gründe für Erasmus?


Die Griechen entschieden sich trotz Weihnachtsgeschäft zur Verlängerung ihres Lockdowns. Der Einzelhandel blieb geschlossen und somit auch alle Bars, Cafés und Tavernen des Landes. Viele noch optimistisch gestimmte Erasmus-Studierende entschieden sich dafür, das Land für einen Monat zu verlassen. Bis dahin hatten wir die Hoffnung, zumindest den halben Dezember über ein normaleres Leben zu führen. Jene die blieben, stellten sich auf trostlose Feiertage ein. Obwohl das nur die halbe Wahrheit ist. Hier zu Überwintern ist ein Privileg, das ich gerne annehme und viel zu wenig schätzen gelernt habe. 18 Grad und Sonnenschein, der immergrüne Zitronenstrauch des Nachbarn und statt Christbaumkugeln Mandarinen an den Bäumen. 

Weihnachten und Silvester in einem fremden Land zu verbringen, hat einen entscheiden Vorteil. Ich kann meine CO2-Bilanz drücken, indem ich mir die lästigen Flüge über die Feiertage und den Jahreswechsel schenke. Dass Weihnachten ein Fest der Familie sei, führt zu allerhand Stilblüten, wie etwa einem Aufgebot an Flügen, den ich nicht nachvollziehen kann. Wer kann, der fliegt, als ob es das Selbstverständlichste auf der Welt sei. Als ich meinen französischen Mitbewohner fragte, ob er über die Festtage heimfliege, zuckte der nur mit den Schultern und verneinte. Zur Erasmus-Erfahrung gehören für ihn auch die Festtage. Ich muss zugeben, dass mir dieser Gedanke imponiert. Vielleicht würde uns das auch für all die kommenden Weihnachten helfen, eben nicht nach Hause zu fahren, wenn man im Ausland ist. In der Ferne liegt die Kraft, denn nie hegte ich wärmere Gedanken gegenüber meiner Familie und meinen Freunden als zu diesem Jahresausklang. Und noch ein Vorteil hatte das alles: Nie musste ich mir weniger Sorgen darüber machen, was ich wem schenke, oder mit wem ich wo ins neue Jahr feiere. Ich hätte die Möglichkeit zum Rückflug gehabt, weil Ryan Air und Easy Jet mich mit 5 Euro Lastminute-Angeboten bewarfen. Ich kann jedem empfehlen, einfach zu bleiben, wo man gerade ist. 

Trotz Lockdown und Ausgangssperre entschied sich die griechische Regierung für einen gewagten Schritt. Kleine Zusammenkünfte an Heiligabend seien erlaubt. Das galt jedoch nur für Familien. Die Erasmus-Studierenden taten sich in jenen verschwiegenen Gruppen zusammen, die sich über die vergangenen zwei Monate des Lockdowns gebildet hatten. Wir trafen uns bei geschlossenen Fensterläden in einem Zimmer, jeder mit seinem landestypischen Weihnachtsgericht. Ich vertrat Deutschland gebührend mit Bockwurst und Kartoffelsalat. Dazu gab´s französisches Schokoladenbrot, polnische Pierogi und mexikanischen Taco Salat. Wir redeten uns ein, besondere Weihnachten zu verbringen. Wie viel da dran ist, weiß ich nicht. Zumindest hat ein Gast auf einem Stuhl getanzt, und das ist mir in der heiligen Nacht bisher noch nie passiert. Wir rauchten auf dem Balkon und schauten auf all die anderen Balkone. Kaum ein Grieche hängt Lichterketten raus. Weihnachten ist in diesem orthodoxen Land eher zweitrangig. Man erkannte das Weihnachtsfest nur daran, dass die Einkaufsmeilen festlich geschmückt waren. Zwei Tage vor Heiligabend stellten Monteure eilig weiße Metallgerüste in die Verkehrskreisel, die Weihnachtsbäumen zumindest ähnelten. 

Der Jahreswechsel gestaltete sich ähnlich. Wieso das neue Jahr erwarten, wenn die Zeit stehengeblieben ist? Wer konnte, traf sich mit einigen wenigen zum gemütlichen Jahresausklang. Doch darum endete 2020 auch gebührend verkorkst, wenn man sich etwa aufgrund der Höchstzahl an Gästen gegenseitig absagen musste. Ich sehe das positiv, denn mit der Anzahl der Menschen ist es wie mit der Distanz. Je weniger wir sind, desto mehr können wir den Leeren Raum mit Bedeutung füllen. Je weiter wir voneinander entfernt sind, desto stärker sehnen wir uns jene Menschen herbei, die wir entweder gern in unserem Leben hätten, oder solche, deren Wert wir erst im Alleinsein zu schätzen wissen. 

Weihnachten und Silvester mussten wir uns 2020 besonders mit Bedeutung aufladen, in Griechenland wie auch in Deutschland oder sonst wo auf der Welt. Zusammen mit zwei anderen Studierenden stand ich um Mitternacht auf dem Dach eines siebenstöckigen Gebäudes. Um uns herum zerplatzten die Lichter, auf den Balkonen flackerten einige Wunderkerzen. Die Signalhörner der in der Bucht liegenden Schiffe grüßten die Bewohner Thessalonikis Punkt 12. Zu dritt gratulierten wir uns für die Entscheidung, auf das Dach gestiegen zu sein. Wir lachten, weil nochmal alles gut gegangen ist und katapultierten den Sektkorken in die Nacht. Das war´s dann gewesen mit 2020 und ich ertappe mich dabei, wie ich mir selbst einrede, dieses Silvester nie vergessen zu werden. Obwohl ich froh bin, dass das Jahr endlich vorbei ist. Es hat sich ja mittlerweile eingebürgert den Jahreszahlen die Schuld für alles Übel auf dieser Welt zu geben. Da steige ich doch glatt mit ein und hoffe für uns alle, dass uns 2021 in Frieden lässt. 

 

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