„Hallo? Hallo? Hören Sie mich?” schallt es aus dem Computer, kurz nachdem ich es geschafft habe, Zoom auch fast pünktlich zum Seminarbeginn zu starten. Stille. Nach einer gefühlten Ewigkeit erbarmt sich einer der Studis und flüstert: „Ja. Wir können Sie auch sehen.” Naja, alles was wir sehen, ist die Nase des Dozenten in hochauflösender Schärfe. Bilder die ich möglichst schnell wieder vergessen möchte.

Ich selbst habe sowohl mein Mikro als auch die Kamera ausgeschaltet. Tarnmodus. Der Dozent hat mittlerweile entdeckt, wo er sich auf dem Bildschirm selbst sehen kann und richtet sich dementsprechend aus. Im Hintergrund erstreckt sich eine gut gefüllte Privatbibliothek. Bei genauerem Hinsehen fallen auch seine Bücher dazwischen auf, die natürlich nur ganz zufällig mit dem Einband in Kamerarichtung ausgerichtet sind. 

Ich schaue hinter mich und erblicke das Chaos. Sofort springe ich auf, richte die Bettdecke und schiebe die Stofftiere aus dem Blickfeld. Erst auf dem zweiten Blick fällt mir die leere Weinflasche neben dem Bett auf. Auch sie verschwindet aus dem Bild. Ich nehme mir vor, das WG-Zimmer Zoom-tauglich neuzugestalten. Dafür bleibt jetzt aber keine Zeit mehr.

Das Zoom-Meeting kann starten. Doch noch bevor der Dozent etwas zum Seminarplan sagen kann, schaltet sich Susanne dazwischen. „Hallo Erstmal, Susanne mein Name, ich wollte Sie gar nicht unterbrechen, aber es wäre doch ganz schön, wenn wir uns auch alle sehen könnten. Also wenn alle mal die Kamera anmachen. Was denken Sie denn dazu.”

Der Dozent wirkt irritiert und hat ein ähnlich angestrengt freundlichen Blick drauf wie ich. Susanne selbst hat ihre Kamera aus. Ich möchte ihren Vorschlag dennoch unterstützen und schalte mein Bild frei. Langsam breitet sich dieser Aktivismus auf einzelne andere Teilnehmende aus und die Ersten tun es mir nach. Susannes Kamera ist weiterhin aus. Der Dozent besinnt sich und ergreift das Wort: „Ich möchte Sie in diesem Punkt zu nichts drängen. Es ist ja doch ein sehr privater Raum, den Sie uns damit öffnen würden. Also entscheiden Sie es bitte selbst.”

Alle Kameras schalteten sich sofort wieder aus. Da hast du Susanne. Aber recht hat er. Ich lasse nur ungern den gesamten Hörsaal in mein kleines WG-Zimmer blicken. Nicht das mir etwas peinlich wäre, nicht mal die offensichtlich kitschigen Bilder an der Wand. Aber unter „normalen” Bedingungen würde ich ja auch nicht jeden hier rein lassen. Das muss dann auch in Corona-Zeiten nicht sein.

„Da müssen wir jetzt mal experimentierfreudig sein” sagt der Dozent und leitet so den üblichen Seminarablauf ein. Anders gesagt, sind die Dozierenden in diesem Semester ähnlich planlos wie die Studierenden und erinnern mich persönlich in jeder weiteren Zoom-Sitzung an die Lehrkraft von früher, die auch beim x-ten Mal nicht wusste, wie das mit dem Beamer funktioniert. Ein Umstand unter dem am Ende eher wir als Studierende leiden.

Bemerkenswert sind da die Professor*innen, die sich dem Digitalisierungswahn weitestgehend entziehen. Unkommentierte Power-Point-Folien und Sekundärliteratur hochladen ist doch auch ein genialer Vorlesungsersatz. Die tausenden Beschwerde-Mails dürfen dann die studentischen Mitarbeitenden beantworten und damit lässt es sich dann gut auf das Ende der Corona-Zeit warten.

Das komplette Gegenteil bilden die jungen und motivierten Dozierenden die Moodle, Zoom und co. in all ihren Facetten getestet haben. Sie bereiten nun einen Online Test nach dem anderen vor und teilen uns in jedem Seminar in perfekt gegliederte Kleingruppen ein, damit wir auch wirklich was mitnehmen. Wieso musste erst ein Virus das Land lahmlegen, damit dieser Fortschritt gewagt wird und wir wirklich mal was aus den Seminaren mitnehmen?

Mit einmal ist es vollkommen still. Scheint so, als hätte der Dozent es gewagt, mal eine Frage in die Runde zu werfen. Da keiner weder zu hören noch zu sehen ist, funktioniert das menschliche Mikado in diesen Zeiten so gar nicht. Ich erkenne doch noch die ersten Vorteile an diesem digitalen Fortschritt. Da werden dann die harten Geschütze aufgefahren und er fängt an, Namen aufzurufen. Die Zahl der Teilnehmer*innen in der Zoom-Sitzung minimiert sich. Ich beschließe mich dem anzuschließen, hole eine neue Flasche Wein hervor und beginne mit der Mail, in der ich mich für die Internetprobleme entschuldige. 

 Prost. Hoch lebe Corona.

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