Wer nicht stereotypisch deutsch aussieht, hört diese Frage besonders oft: „Wo kommst du eigentlich her?“ Kann eine solche Frage der erste Schritt in Richtung Diskriminierung sein? Laut einer Untersuchung fühlen sich Menschen mit sichtbarem Migrationshintergrund häufiger diskriminiert. Ein Kommentar.

Kellnern zur Stoßzeit, Stress liegt in der Luft. Dem Herrn von Tisch 3 fällt nichts Besseres ein, als mich heranzuwinken – welche Frage er unbedingt loswerden musste, könnt ihr euch denken. Menschen ohne Migrationshintergrund kommen vermutlich seltener in die Verlegenheit einem absoluten Fremden gegenüber einen Teil ihrer Biografie offenzulegen, um ihr Aussehen zu erklären. Die Tatsache, dass jemand einen sichtbaren Migrationshintergrund hat ist keine Einladung für Fremde zu einer Fragestunde, aus der man kaum entkommt, ohne unhöflich zu wirken. Neugier hin oder her – die Privatsphäre geht vor.

Menschen, die sich durch äußere Merkmale wie Gesichtszüge, einen Akzent oder ein Kopftuch von der Mehrheit in Deutschland abheben, fühlen sich häufiger diskriminiert als Personen mit Migrationshintergrund, deren Aussehen weniger mit einer ausländischen Herkunft assoziiert wird. Dieses Ergebnis ging aus der repräsentativen Untersuchung „Wo kommen Sie eigentlich ursprünglich her?“ hervor, die Anfang des Jahres vom Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR) veröffentlicht wurde. Von den Befragten berichten 48 Prozent über empfundene Diskriminierung, die von Gewalt bis hin zu beleidigenden Äußerungen und Benachteiligungen bei der Job- und Wohnungssuche reichen. Was besonders auffällt: Auch die Frage „Wo kommst du eigentlich her?“ zählt für die Befragten als beleidigend.

Ist das schon diskriminierend? Oder ist die Frage nicht vielmehr Bestandteil eines harmlosen, aber interessierten Smalltalks – um eine Person kennenzulernen, erfragt man nun mal Informationen – und damit ebenso wenig diskriminierend wie die Erkundung nach dem Alter?

Meine Mutter ist Peruanerin und mein Vater Deutscher. Ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen – mit Rolf Zuckowski, Käsestulle und Bibi Blocksberg. Fremden scheint es oftmals schwerzufallen, mein Aussehen einer Herkunft zuzuordnen. Fragen wie „Woher kommst du eigentlich?“ musste ich auch schon häufig beantworten. Ob im Vorstellungsgespräch, im Restaurant beim Kellnern oder auf WG-Partys. Grundsätzlich erzähle ich gerne von meinem Hintergrund – die Herkunftsfrage hat mich einige Male vor öden Unterhaltungen über Prüfungsstress bewahrt. Wo liegt also das Problem?

Eine Kritik ist, dass diese Fragen über bloßes Interesse oder Neugier hinausgehen und der Einordnung dienen. Die angesichts einer von Migration geprägten Welt längst überholte Logik lautet: Du siehst nicht deutsch aus, du kannst also nicht von hier sein. Erkläre dich. Eindeutig erkennbar, wenn nachgebohrt wird: „Niedersachsen, ok. Aber wo kommst du ursprünglich her?“ Das Nachbohren nutze ich meist zu meiner eigenen Unterhaltung und lasse routinemäßig raten: Von Italien über Pakistan bis hin zu Nepal hat die Kreativität meiner Gesprächspartner mich schon verortet. Das Infragestellen kann jedoch nerven – und vor allem einen diskriminierenden Charakter annehmen. Rückfragen über Rückfragen, bis der Sari, das Kopftuch, die dunkle Hautfarbe oder die braunen Augen – kurz das nichtdeutsche Aussehen – erklärt ist. Damit das Gegenüber das Gefühl hat, die Person einordnen zu können.

Allerdings soll das kein Plädoyer für künstliche politische Korrektheit und Verunsicherung sein. Nach der Herkunft zu fragen, macht einen noch nicht zu einer diskriminierenden Person. Der SVR betont im Zusammenhang mit seiner Untersuchung, dass es sich bei dem Ergebnis um die subjektive Einschätzung der Befragten handelt, und nicht um tatsächliche Diskriminierung. Das nehme dem Ergebnis jedoch nicht die Relevanz, sondern weise darauf hin, ob und wie stark Herkunft als Barriere für gleichberechtigte Teilhabe wahrgenommen werde.

Das diskriminierende Potenzial von Herkunftsfragen ist vor allem situationsabhängig. Konkret: im Vorstellungsgespräch sollte das Gegenüber nicht nach der Herkunft fragen. Wenn man eine Person nicht kennt, und sie beispielsweise beim Kellnern aus heiterem Himmel anspricht, dann sollte man ihre Privatsphäre respektieren. Und beim Smalltalk auf WG-Partys kann man sich auch mit Antworten zufrieden zu geben, die die scheinbar undeutsche Herkunft nicht erklären.

 

2 KOMMENTARE

  1. Hallo Loretta,
    also ich fühle mich nicht diskriminiert, obwohl ich mit Roland Gomell auch nicht gerade einen typisch deutschen Namen habe 🙂 Ich weiß, dass meine Vorfahren Hugenotten waren und aus der französischen Stadt Comelle kamen. Wir alle, egal ob wir Gomell, Gonell, Gommel, Gomel, Gomoll oder so ähnlich heißen … uns gibt es eigentlich gar nicht. Wir sind alle nur ein Mißverständnis. In alten Kirchenbüchern in Nordeuropa (Ostpreußen, Pommern) wollten sie die Namen von uns geflohenen Hugenotten damals eintragen, aber wir dachten , wir sollten sagen wo wir herkommen: Comelle. Schöner kleiner Ort – schau mal nach bei Google – Maps. Ein lieber herrschaftlicher Gruß aus dem Allgäu von Roland

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