Viel ist passiert in der Damenwelt der letzten Jahre: Sheryl Sandberg erklomm die Karriereleiter, Beyoncé perfektionierte den Powerwalk, Charlotte Roche brach alle möglichen (Sex-)Tabus und Miley Cyrus färbte sich sogar die (gasp!) Achselhaare rot. Im Hintergrund lieferte der postmoderne Hashtag-Choral aus #leanin #girlsquad #girlboss den Soundtrack für diesen selbsternannten, super hippen „neuen Feminismus“.

Ich selbst bin mit eingestimmt, habe genickt und beim Laufen „Run The World (Girls)“ lauter aufgedreht. Feminismus fühlte sich an wie die Bewegung der Stunde, die den kleinen und großen Nuancen des Alltagssexismus den Gar ausmachen würde. Mansplaining, Manspreading, Manterrupting – Verhaltensweisen, die unsere Großelterngeneration noch schlicht als „flegelhaft“ gerügt hatte, wurden nicht zuletzt dank neuen Vokabulars zum Ausdruck weitreichender gesellschaftlicher Strukturfehler. Wer hätte einer wiederbelebten Frauenbewegung angesichts solch düsterer Umstände da die Daseinsberechtigung absprechen wollen?
Problem: Strukturfehler gibt es auch an anderer Stelle, namentlich im neuen Feminismus selbst. Es bedurfte eines Abends im Gorki-Theater, um mir das vor Augen zu führen. Dort läuft seit Oktober das von Suna Gürler inszenierte Stück „Stören“, in dem das Frauenbild unserer Zeit thematisiert wird. Dramaturgisch ist „Stören“ ein Erfolg; besticht mit der beeindruckenden schauspielerischen Leistung des sechsköpfigen Laienensembles, einem klug genutzten, minimalistischen Bühnenbild und raffinierten Ideen wie der Verdeutlichung alltäglicher Anmachsprüche als unangenehmen Sprühstrahl aus einem Plastikzerstäuber.

Das längst geführte Debatten jedoch bloß wiederholt werden, darüber können auch derartige Kniffe nicht hinwegtäuschen. Unrealistische Schönheitsideale, Angst auf dem nächtlichen Nachhauseweg, „Slut-Shaming“ im Internet – alles berechtigte, wichtige Themen, die „Stören“ aber letztendlich nur zusammenträgt. Auch die Aufforderung zum gesellschaftlichen Umsturz, mit der das Ensemble sich von der Bühne verabschiedet, vermag nicht mehr als einen hohlen Nachhall auszulösen. Persönliche Perspektiven und Anekdoten illustrieren die Missstände zwar, das Gefühl, die Welt habe diesen Theaterabend unbedingt gebraucht, stellt sich trotzdem nicht ein. Vielmehr drückt die ausgesprochene Individualisierung von Problemen, die eigentlich von gesamtgesellschaftlicher Relevanz sind, sogar genau jene entpolitisierte Ich-Bezogenheit aus, die den zeitgenössischen Feminismus dominiert.
Genau hier liegen die oben erwähnten Strukturfehler: Das Gemeinwohl ist den meisten neu erweckten Feministinnen herzlich egal. Karriere, Geld, Selbstverwirklichung, ich will meinen Körper lieben, meine Weiblichkeit feiern – und all das möglichst im Scheinwerferlicht von Millionen Social Media-Followern, die das Girl Power-Paradigma bereitwillig in ihre Selbstbeschreibung bei Instagram aufnehmen.

Natürlich sind persönliche Freiheit und Selbstentfaltung wichtig. Und weil es in der Regel Frauen sind, die aufgrund ihres Geschlechts diesbezüglich eingeschränkt werden, sollte beides auch weiterhin zum Aufgabenfeld des Feminismus gehören. Ändern muss sich jedoch der Umgang damit. In den letzten Jahren hat sich aus dem Schrei nach Selbstverwirklichung ein Pop-Feminismus entwickelt, der „Frauen“ sagt und „Ich“ meint. Zu beobachten ist das vor allem im Internet, Stichwort Selbstdarstellung via Social Media: Ein pinkes Kissen mit dem Aufdruck „Feminist Hero“ à la Lena Dunham bringt mit Sicherheit viele Applaus-Emojis und einige dumme Anti-Sprüche in der Kommentarspalte ein, ist jedoch nur dem Anschein nach ein politisches Statement. In Wahrheit ist es ein harmloser Dekoartikel, der mit geklöppelten Platzdeckchen enger verwandt ist als mit politischen Aktivismus.

Auch wenn sich „Stören“ schon jetzt nicht mehr ganz aktuell anfühlt, muss man dem Stück zugute halten, dass zum Zeitpunkt der Premiere die Welt noch eine andere war. Jetzt, kaum zwei Monate später, ist ein Mann zum US-Präsidenten gewählt, der sexuelle Gewalt offenbar als Teil seines weltweiten Hausrechts sieht. Gewonnen hat er gegen eine Frau, der von männlicher und weiblicher Seite unverhohlener Hass von kaum gekannten Ausmaßes entgegen strömt. Dass Wähler und politische Gegner einem Mann in gleicher Position anders begegnet worden wären, behauptet unter anderem die amerikanische Kulturwissenschaftlerin Susan Bordo in der ZEIT.

Clinton wird gehasst, auch weil sie eine Frau ist. Trump wird gewählt, obwohl er aus seiner Verachtung für Frauen keinen Hehl macht. Die US-Wahlen haben gezeigt, dass der Feminismus sich gerade jetzt auf keinen Fall in weitgehend unpolitischen, individualistischen Kleinkämpfen, lifestyligen „First-World-Problems“ und sich rasant selbst überholenden Sprachregeln verlieren darf. Das ist in letzter Zeit immer wieder passiert – oft in einem Tonfall, als gehe es um Frauenwahlrecht oder Universitätszulassung. Dass sich solche Debatten schnell eigenhändig ad absurdum führen, ist kaum verwunderlich. Der Feminismus kann deshalb nicht weiterhin mit großen Worten durch die Welt geistern und dabei doch nicht mehr sein als Gemeinwohl vorschützender Individualkult. Stattdessen ist es Zeit für gemeinsame Ziele und angebrachte Ernsthaftigkeit, wo es doch nun tatsächlich um existenzielle Fragen geht.

„Stören“ läuft derzeit im Gorki-Theater und ist Teil des Festivals „Uniting Backgrounds – Theater zur Demokratie“. Eine Karte kostet regulär 20€, ermäßigt beträgt der Preis 8€.

Text: Luise Mörke
Foto: © Esra Rotthoff

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