
Foto: Anika Lindtner (knallrosatagebuch.de)
Geschrieben von Annika Koch, Philipp Sickmann, Uta Caroline Sommer, Katharina Stökl
Mehr als ein Viertel der Studierenden lebt in Wohngemeinschaften.
Ein Blick hinter sechs verschiedene Haustüren zeigt andere Wohnformen.
Es ist der erste Tag in Berlin. Statt auf einer Stadtrundfahrt die neue Wahlheimat zu erkunden und neue Bekanntschaften zu machen, sitzt man seit einigen Stunden frustriert in einem Internetcafé. Die Luft ist stickig, von draußen dringen Geräusche schwatzender Passanten und vorbeifahrender Autos herein. Der Monitor surrt leise und zeigt Internetseiten mit Wohnungsangeboten der Hauptstadt.
Mit der Suche nach einer Bleibe in Berlin ist man alles andere als allein. 2010 stieg die Bevölkerungszahl der Spreemetropole zum sechsten Mal in Folge. Allein im letzten Jahr wuchs die Hauptstadt um 0,5 Prozent auf 3.460.700 Einwohner, wie aus einer Pressemitteilung des Statistischen Bundesamtes vom 08. Juli 2011 hervorgeht. Gerade in den Herbstmonaten, wenn Tausende neue Studierende an die Universitäten strömen, ist der Trubel auf dem Berliner Wohnungsmarkt besonders groß. Die verbreiteste Wohnform unter deutschen Studierenden war laut einer Erhebung des Deutschen Studentenwerks (DSW) aus dem Jahr 2009 die Wohngemeinschaft (WG). Mehr als ein Viertel aller Hochschulbesucher Deutschlands teilte sich mit Mitbewohnern eine Wohnung.
Auf der Suche nach einer passenden Wohngemeinschaft klickt man auf vielversprechende Angebote wie: 20 Quadratmeter Altbau, Friedrichshain, 250 Euro warm. Nach einem kurzen Blick auf die Beschreibung des Bietenden gibt es jedoch nichts mehr zu Lachen: „Ich bin Ulf und schwimme gerne. P.S. Eure Leiche wird nie gefunden werden.“ Dabei gibt es durchaus Alternativen zum üblichen studentischen WG-Leben. Die Erhebung des DSW zeigt ebenso, dass im Jahr 2009 23 Prozent aller Studierenden bei ihren Eltern wohnten. Ein weiteres Fünftel entschloss sich, mit dem Partner zusammenzuziehen. Den Schritt allein in eine eigene Wohnung wagten 17 Prozent aller Studierenden, während zwölf Prozent einen Platz im Studentenwohnheim fanden. Oft fällt die Entscheidung über die konkrete Art des Wohnens aber nicht bewusst, sie ist vielmehr dem Zufall überlassen.
Wie überraschend die Suche nach einer Berliner Bleibe verlaufen kann, zeigt sich, wenn man mit Johan Andersson über seine ersten Monate in der Stadt spricht. Wie viele andere suchte auch der 21-jährige Schwede eine Wohnung in Berlin, als er sein Auslandssemester an der Humboldt-Universität (HU) antrat. Nach mehreren kurzfristigen Aufenthalten bei Freunden oder in Herbergen gab ihm ein Bekannter den entscheidenden Tipp: er kenne den Besitzer eines Yogacenters in Niederschönhausen, in dem einige Besucherwohnungen zur Verfügung stünden. Andersson zog kurzerhand ein. „Alle Leute im Haus waren sehr nett, aber natürlich war es auch komisch, dort zu wohnen. Mir kam es seltsam vor, täglich Männer mit langen Bärten und Turbanen zu sehen“, stellte er im Nachhinein fest. Die Mietkosten von 380 Euro im Monat nahm der Student in Kauf, um endlich richtig in Berlin anzukommen. „Mein Lieblingsplatz in der Wohnung war ein Sessel in der Nähe des Schreibtischs. Da habe ich fast alles gemacht: gegessen, studiert und am Computer gearbeitet“, sagt er.
Auch für Lena Kainz verlief die Suche nicht einfach. Sie suchte auf Grund der Entfernung zu ihrem Heimatort ausschließlich über das Internet. „Ich konnte nicht für jede Wohnungsbesichtigung 600 Kilometer weit fahren“, erzählt die gebürtige Straubingerin. Vor Beginn ihres Studiums an der HU bewarb sich die 21-jährige Studentin in mehr als 40 Berliner Studentenwohnheimen und bekam lediglich eine Rückmeldung. „Ich musste sofort zusagen, ohne das Zimmer auch nur auf Fotos gesehen zu haben“, sagt sie. „Am Anfang überwog das Glücksgefühl, eine Unterkunft zu haben. Allerdings hätte ich dort nach einer regulären Besichtigung nie zugesagt.“ Das Wohnheim empfand sie als unpersönlich und trist. Dafür stimmte der Mietpreis: für 170 Euro hatte sie ein Zimmer mit guter Verkehrsanbindung. Die Wohnung teilte sich Kainz mit drei anderen Frauen. „Ich hatte eine chinesische, spanische und deutsche Mitbewohnerin. Wir waren ein bunt zusammengewürfelter Haufen, aber gerade deshalb hatten wir eine unvergessliche Zeit“, erzählt sie. Ob sie eine Unterkunft im Studentenwohnheim weiterempfehlen würde? Die Studentin nickt, „als Übergangslösung auf jeden Fall.“
Isabel Kupskis Wohnsituation ist ebenfalls ungewöhnlich. Allerdings traf sie die Entscheidung für ihre derzeitige Wohnung ganz bewusst. Zu Beginn ihres Jurastudiums zog sie zunächst in eine Wohngemeinschaft. „Meine Mitbewohner und ich hatten sehr unterschiedliche Lebensrhythmen. Ich studierte, sie nicht. Wir haben uns deshalb kaum gesehen“, erzählt Kupski. Wir haben uns kaum gesehen“. Während ihres Freiwilligen Sozialen Jahres in Norwegen hatte die Hamburgerin in einem anthroposophischen Projekt mit Jugendlichen mit Behinderungen zusammen gelebt. Zurück in Deutschland, in ihrem neuen Zuhause in Berlin, wurde ihr schnell klar, dass ihr der Trubel fehlte. Isabel bewarb sich um ein Zimmer im anthroposophischen Wohnprojekt in der Bornstraße 11, dessen Wurzeln 30 Jahre zurückliegen. Das Haus bietet Platz für insgesamt 28 Bewohner, die dort meist in Wohngemeinschaften von zwei oder drei Personen leben. Der Trubel, den ein Zimmer in diesem Wohnprojekt mit sich bringt, stört sie nicht. „Hat man Lust auf Gesellschaft, findet sich immer jemand. Wenn man lieber alleine sein möchte, zieht man sich eben zurück“, erzählt Kupski. „Nur, wenn mal wieder die Waschmaschine besetzt ist, nervt das ein wenig. Die steht nämlich im Dachgeschoss und das ist ein weiter Weg, den man ungern umsonst zurücklegt.“ Für ihr Zimmer zahlt sie 250 Euro im Monat. Günstig für den Berliner Mietspiegel, im Gegenzug wird erwartet, dass man sich engagiert, in der Anthroposophie ebenso wie im alltäglichen Miteinander, „denn hier geht es schließlich um alle“, betont die Studentin. Das Projekt richtet sich ausschließlich an junge Menschen, die sich gerade in der Ausbildung befinden. Ist dieser Lebensabschnitt beendet, treten die meisten aus der Gemeinschaft aus. Sie kommen aber oft als Gäste zurück.
Warum das Zusammenleben in alternativen Wohnformen trotzdem bei vielen unbeliebt ist, weiß Talja Blokland. Sie ist Professorin für Stadt- und Regionalsoziologie an der HU. „Schuld hat, wenn man so will, die Individualisierung, also die Einstellung, dass der eigene Erfolg Priorität hat“, so Blokland. Partizipation gerate da meist ins Hintertreffen und werde erst dann in Erwägung gezogen, wenn nichts anderes mehr ansteht. Eine andere Möglichkeit des Wohnens ist der Schritt zurück zu den Eltern. Wiebke Danel hat sich dazu entschlossen. Während ihres Jurastudiums an der HU wohnte die 26-jährige Berlinerin zunächst in einer WG im Bezirk Prenzlauer Berg. Irgendwann wechselten die Mitbewohner und mit den Nachfolgern hatte sie kein Glück. Nach dem Abbruch ihres Studiums entschied sie sich dazu Kommunikationsdesign zu studieren und zog zurück ins Elternhaus nach Rudow. Eine ganz und gar freiwillige Entscheidung war das allerdings nicht – vielmehr überwogen die finanziellen Gründe. „Mit einer monatlichen Gebühr von 690 Euro an der Design-Akademie hätte ich mir ein Zimmer im Zentrum trotz meines Nebenjobs und der Unterstützung meiner Eltern nicht mehr leisten können“, sagt sie. Dennoch fühlt sie sich in einer luxuriösen Situation: Seit ihre Geschwister ausgezogen sind, ihr Vater seinen Arbeitsplatz ins Saarland verlegt hat und sie sich nur noch mit ihrer Mutter das Haus teilt, stehen ihr drei große Zimmer zur Verfügung. „Hier fühle ich mich frei, kann bequem Arbeit und Freizeit voneinander trennen“, meint sie. Bedenken, zu den Eltern zurückzuziehen, hatte die Studentin nicht – das Zusammenleben gestalte sich unkompliziert. „Meine Eltern akzeptieren mich so wie ich bin. Sie machen mir keine Vorschriften, in ihren Augen bin ich ein erwachsener Mensch.“ Wenn nächstes Jahr auch ihre Mutter in Saarland zieht, wird Danel Rudow nicht verlassen. Sie plant gemeinsam mit ihrem Freund das Haus zu übernehmen.
Der Partner spielte auch bei Rahel Lesemanns Entscheidung für ihre derzeitige Wohnsituation eine Rolle. Ihren Master in Psychologie wollte sie an einer privaten Universität in Berlin machen – und zog deshalb ohne ihren Freund in die Hauptstadt. „Dass ich in eine eigene Wohnung gezogen bin, war für meinen Freund und mich die unkomplizierteste Lösung für unsere Fernbeziehung. So kann er mich an den Wochenenden spontan besuchen“, erklärt sie. „Wenn er hier in Berlin wäre, würden wir aber auf jeden Fall wieder zusammenziehen.“ Unter der Woche schätzt sie ihre Einzimmerwohnung auf Grund anderer Aspekte. „Von großem Vorteil ist für mich vor allem die Ungestörtheit, die ich beim Lernen habe. Außerdem empfinde ich meine Wohnung als einen Ort der Entspannung, an dem ich meinen Alltag völlig unabhängig bestimmen kann“, sagt die Masterstudentin.
Für Patrick Rieck war die Entscheidung in eine eigene Wohnung zu ziehen nicht ganz so freiwillig. Bevor der 25-jährige Doktorand der Physik in eine Einzimmerwohnung in Ostkreuznähe zog, wohnte er in einer WG im Prenzlauer Berg, doch nach dem Auszug zweier Mitbewohner gab die Hausverwaltung zu verstehen, dass Kleinfamilien Vorrang gegenüber studentischen Wohngemeinschaften hätten. „Am Schluß war es schlichtweg einfacher, die Wohnung komplett aufzulösen“, sagt er. Hinsichtlich der bevorstehenden Arbeit für seine Promotion war die Tatsache, jetzt alleine zu wohnen, jedoch nicht ausschlaggebend. „Klar geht einem hier keiner auf’n Senkel, wenn man abends nach der Arbeit nach Hause kommt. Aber auch in meinen früheren WGs haben wir aufeinander Rücksicht genommen, wenn einer ungestört lernen wollte.“ Der beste Platz in seinem neuen Reich seien die Fenstererker, durch die man auf die belebte Straße blicken könne. So sei man hier eigentlich gar nicht alleine, meint er.
Ob nun allein, zu zweit, mit Freunden, dem Partner oder noch bei den Eltern: Studentische Wohnformen sind vielfältig. Oft ist der Wunsch nach Verwirklichung ausschlaggebend, oft die Suche nach Gemeinschaft, oft braucht man schlicht ein Dach über dem Kopf. Ohne jegliche gesellschaftliche Ressentiments sind Studierende heutzutage in der glücklichen Situation, nach der Wohnform zu suchen, die für sie die Richtige ist – aber nur, wenn die finanzielle Situation dies zulässt.
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