Geschrieben von Christian Meckelburg, Susanna Ott, Susanne Schwarz, Charlotte Vollenberg und Vera Weidenbach

Berlin, 18. Juni 2012

Manche Themen haben es schwer, öffentliches Interesse zu erregen. Eines davon ist die Finanzierung von öffentlichen Gebäuden. Doch von eben dieser konnten die Berliner Medien im letzten Monat nicht genug bekommen, insbesondere die Studierendenproteste an der Hochschule für Schauspielkunst “Ernst Busch” erzeugten ein großes Medienecho. Die Studierenden hatten sich für den lange geplanten Neubau ihrer Schule eingesetzt, der erneut zu scheitern drohte. Dafür bekamen sie Unterstützung von Prominenten und machten durch eine medienwirksame Inszenierung auf ihr Anliegen aufmerksam – mit Erfolg.

Auch die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) hat mit ihren bestehenden Gebäuden und mit geplanter Bausubstanz allerhand zu tun. Kurz nach der Wende verfügte sie über rund 500 Gebäude. Heute seien es nur noch halb so viele, erklärt Ewald-Joachim Schwalgin, Leiter der technischen Abteilung der HU. Die Fakultäten und Institute waren damals über die ganze Stadt verteilt. Ziel seiner gebäudepolitischen Bemühungen sei es, dass die Fakultäten und Institute in einem räumlichen Zusammenhang stehen und als bauliche Einheit erkennbar sind.

Schwalgin bezeichnet sich selbst scherzhaft als den „obersten Hausmeister und ersten Baumenschen“ der Universität. Wer ein Anliegen bezüglich der Gebäude­situation hat, landet in seiner technischen Abteilung, die für alles zuständig ist, was mit Grundstücken, Gebäuden und dem Betreiben der einzelnen Bauten der HU zusammenhängt. In den rund 250 teils selbst unterhaltenen, teils angemieteten Gebäuden der HU herrschen ganz unterschiedliche Bedingungen vor. Die Ausstattung dieser Räume schwankt von porösem Ostcharme über spartanische Zweckmäßigkeit bis hin zu modernster Innenarchitektur.

Die 19-jährige Jurastudentin Leonie Adam mag die Verschiedenheit der Gebäude und wie sie mit der Stadt verwachsen sind. „Es ist der Charme der klassischen Architektur. Die Räume und Gebäude der HU mögen stellenweise verranzt und verstreut sein, aber genau das macht die Universität lebendig und lässt sie nicht als sterilen Konservierungsort des Wissens erscheinen“, sagt sie.Das derzeit bestehende Gesamtkonzept der technischen Abteilung wurde 2002 verabschiedet. Die gebäudepolitischen Entscheidungen folgen einem Zehnjahresplan. Schwalgins größtes Anliegen sei, erklärt er, die vier Standorte der Universität systematisch herauszubilden. Die vier Standorte sind das Quartier Adlershof, das Quartier der Landwirtschaftlich-Gärtnerischen Fakultät in Dahlem, das Quartier Mitte Süd vom Hauptgebäude bis zur Ziegelstraße bis zum Hausvogteiplatz sowie das Quartier Nord, das sich von dort aus bis zum Museum für Naturkunde erstreckt und auch das Gelände der ehemaligen Veterinärmedizin umfasst. Die häufig gebräuchliche Bezeichnung der Quartiere als “Campi” entspreche nicht den Tatsachen – denn von einer Campusuniversität, die alle universitären Gebäude auf einem Grundstück vereint, sei die HU weit entfernt. „Höchstens das Gelände der Veterinärmedizin ist ein Campus, das ist wirklich ein Grundstück mit Zaun drumherum“, so Schwalgin.

Die Aufteilung der HU bedeutet für Studierende, die mehrere Standorte besuchen mitunter lange Fahrtzeiten zwischen den Veranstaltungsorten. Wer von den Standorten in Mitte ins Quartier Adlershof muss, ist fast eine Stunde unterwegs. Versetzte Zeitpläne sind nötig, um das zu ermöglichen: In Adlershof beginnen und enden die Veranstaltungen zur ungeraden Stunde, nicht zur geraden, wie an den anderen Standorten. Für die Institute, die auf mehrere Quartiere verteilt sind, bedeutet dies einen gesteigerten Kommunikationsaufwand. Das findet auch Tobias Rosefeldt, Professor für Klassische Deutsche Philosophie an der HU: „Für uns als Institut wäre es natürlich schöner, wenn die Mitarbeiter alle beisammen sitzen würden.“ Die Philosophische Fakultät I, zu dem sein Fachbereich gehört, habe Büros in den Quartieren Mitte Süd sowie Mitte Nord. „Man sieht sich deswegen eben viel seltener, als man sich das wünschen würde“, gibt der Professor zu bedenken. Eine Campusuniversität wünscht er sich trotzdem nicht, eine solche sei „zu eng und zu sehr auf diesen Raum fixiert. Ich finde es gut, wenn man sich auch einfach Richtung Stadt verabschieden kann.“

Trotz vieler kürzlich eröffneter Neubauten wie dem Grimm-Zentrum oder dem Gebäude in der Georgenstraße 47 – das verschiedene bisher verstreute, fachlich aber nah beieinander liegende Institute bündelt – werde beim Ausbau der vier Quartiere der Schwerpunkt vor allem auf die Sanierung der bereits existierenden Häuser gelegt, erklärt Schwalgin: „In den bestehenden Gebäuden fehlt es an Arbeitsräumen, an Aufenthaltsräumen, Cafés – an Infrastruktur einfach.“ Das Problem sei, dass die Gebäude mit wenigen Ausnahmen historisch gewachsen und nicht auf den heutigen Studienbetrieb ausgerichtet seien. Ein gutes Beispiel hierfür ist der Westflügel des Hauptgebäudes, Unter den Linden 6, der seit 2009 saniert wird und das Kuriosum einer provisorischen Zeltmensa auf der Wiese des Innenhofs mit sich brachte. Nach Informationen der technischen Abteilung könne erst im Frühjahr 2014 mit erkennbaren Erfolgen der planmäßigen Sanierung gerechnet werden. Es sollen dann Aufenthaltszonen mit Sitz- und Arbeitsmöglichkeiten, Tischen, W-LAN und Computeranschlüssen geschaffen werden. Eine Ausnahme ist die Mensa Süd, die bereits 2013 in Betrieb genommen werden soll.

Schwalgin freut sich darauf besonders. Der Innenhof könne dann wieder als Wiese genutzt werden: „Das Zelt muss verschwinden. Das wird sofort abgebaut und die Wiese wird wiederhergestellt.“ Neben dem Vorteil, einen Ort zur Erholung für die Studierenden direkt an der Universität zu haben, hebt er einen Aspekt besonders hervor: „Diese Wiese auf dem Innenhof war auch politisch nach der Wende ein ganz plakatives Projekt, da das vorher der Exerzierplatz war. Wir haben den Beton weggebrochen und Rasen gesät. Sehr symbolisch.“ Trotz der Bemühungen sind nicht alle Gebäude der HU in einem guten Zustand. Lynn Sörensen, Studentin der Philosophie im zweiten Semester, kritisiert die Lage: „Obwohl ich noch nicht lange hier bin, habe ich schon viele Situationen erlebt, in denen die grundlegendste Ausstattung der Räume fehlte. Es gab einige Zeit kein elektrisches Licht. Das sind Dinge, die nicht als Luxus gelten können.“ Die 20-Jährige ist der Meinung, einige Fakultäten seien stärker betroffen als andere. Sie selbst besucht unter anderem Kurse in der Invalidenstraße 110 und klagt über die Überfüllung der Räume: „Wenn hier ein Seminar stattfindet, bleibt einigen Teilnehmern meist nichts anderes übrig als im Türrahmen oder auf dem Flur der Stimme des Dozenten zu lauschen.“ Tobias Rosefeldt kann das bestätigen: „Was bei uns schlecht aussieht, ist die Seminarsituation.“ Teilweise fänden Seminare in Hörsälen statt, die auf Vorlesungen, nicht jedoch auf Seminare ausgerichtet seien. Auch das Gegenteil sei manchmal der Fall – gerade Dozierende, die besonders beliebte Themen behandeln, müssten häufig mit überfüllten Hörsälen leben. Dennoch sieht er die Situation gelassen: „Meine Veranstaltungen liefen okay, ich kann mich nicht beschweren.“

Insgesamt diagnostiziert Schwalgin jedoch einen „enormen Nachholbedarf bei der Instandsetzung“, der sich auf über 400 Millionen Euro belaufe. In einem Bericht vom Dezember 2010 schätzt die Berliner Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft den Sanierungsrückstand sogar auf 450 Millionen Euro. Doch die Finanzierung der Instandhaltung und der Neubauten ist seit 2007 anders geregelt als zuvor, denn seitdem haben sich die gesetzlichen Rahmenbedingungen geändert. Zuvor wurden universitäre Bauvorhaben durch das Hochschulbauförderungsgesetz, das den Hochschulen finanzielle Unterstützung von Bund und Ländern zuwies, geregelt. Doch 2007 wurde im Zuge der Entflechtung der Zuständigkeiten von Bund und Ländern der Hochschulbau ausschließlich zur Ländersache erklärt.

Durch den Wegfall des Bundesanteils an der Bauförderung ist die Universität mehr denn je auf Mittel angewiesen, die das Land bereitstellt, und das sei laut Schwalgin immer zu wenig. Wer vom Land finanziert werden will, müsse das Bauvorhaben eigenständig vorbereiten und lange Wartezeiten in Kauf nehmen, erklärt er. Der finanzielle Bedarf werde ermittelt und angemeldet, um in einem Verfahren von der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft sowie von der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt geprüft zu werden. Sobald ein bewilligtes Bauvorhaben an der HU vier Millionen Euro übersteigt, gelange es in den Landeshaushalt, informiert Thorsten Metter, Leiter der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft. Alles was darunter liege, führen Berliner Hochschulen mit eigener Bauabteilung – und somit auch die HU – in Eigenregie durch.

Schwalgin verrät, dass er ein Absinken des Bauvolumens an der HU um schätzungsweise 12 bis 15 Millionen Euro erwarte, wenn das Land den weggefallenen Bundesanteil nicht kompensiert. Das Bauvolumen der HU bewegte sich in den letzten fünf Jahren zwischen 40 und 60 Millionen Euro jährlich. Wie entschieden wird, welche Bauten, Renovierungen und Sanierungen vom Land bewilligt werden, weiß Metter: „Die angemeldeten und detailliert beschriebenen Vorhaben erhalten eine Priorisierung nach folgenden Kriterien: Vorhaben vermeidet drohende Schließung, Vorhaben dient der abgestimmten Standortentwicklung, Vorhaben dient der Reduzierung der laufenden Kosten, Prioritätswünsche der Hochschule.“

Die Schwierigkeit hierbei sei oftmals auch die Konkurrenz, in der sich die Berliner Hochschulen bewegen, weiß Schwalgin. Eine zeitnahe Chance auf Bewilligung von größeren Bauvorhaben werde oftmals auch dadurch erschwert, dass die Gelder auf alle Hochschulen der Stadt verteilt werden. Insgesamt steht für die Finanzierung der für die Jahre 2012 bis 2021 geplanten Bauvorhaben an den Berliner Hochschulen eine Summe von etwa 960 Millionen Euro zur Verfügung. Auch bei der Planung selbst läuft nicht immer alles wie gewünscht. Auf den Ausbau des Standortes Adlershof beispielsweise habe die Universitätsleitung ursprünglich nicht gehofft. Der Leiter der technischen Abteilung räumt ein, die räumliche Trennung des Standorts Adlershof von den anderen Fakultäten sei ein Problem, das man nicht wegdiskutieren könne. Gleichwohl beschreibt er die Zusammenlegung als eine Erfolgsgeschichte. In der Stadtmitte habe sich keine Lösung für die verstreuten mathematisch-naturwissenschaftlichen Institute finden lassen. Außerdem konnte die Ausbaufähigkeit der bestehenden Einrichtungen in Berlin-Mitte nicht gewährleistet werden, informiert die Internetpräsenz der HU. Die Trennung von den übrigen Teilen der Universität unterlag dem Argument, in Adlershof ein konzentriertes Zentrum für die Naturwissenschaften herzustellen.

Eines der HU-Bauvorhaben in der Vorbereitungsphase, das vom Land unterstützt wird, ist der Neubau eines Forschungshauses der Biologie und Lebenswissenschaften im Quartier Mitte-Nord. Von den bisher genutzten Räumen seien nämlich einige nur angemietet, erläutert Schwalgin. Mithilfe eines Architekturwettbewerbs der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft wurde 2010 die konkrete Gestaltung des Projektes festgelegt. Der Baubeginn ist laut des dazugehörigen Exposés der Senatsverwaltung bereits für 2012 vorgesehen. Im Allgemeinen setzt die technische Abteilung der HU allerdings nicht nur auf Landesgelder: „Ich hoffe, dass wir es auch in Zukunft schaffen, intern Geld bereit zu stellen.“ Selbst­finanzierung, Drittmittel und Sonderfinanzierungsmodelle etwa über Bankkredite könnten in Zukunft eine noch größere Rolle spielen, führt der Abteilungsleiter aus. „Auf das Land zu hoffen, dass in absehbarer Zeit der Goldesel kommt, tun wir nicht“, schließt er.

Hinterlasse einen Kommentar


neun − = 3

Räume für Ideen

  • Titelgeschichten

Hauptsache ein Dach über dem Kopf: An der Universität erschweren Baustellen und Raumknappheit das Studium. Welche Ziele verfolgt die Gebäudepolitik der HU?