Nina Breher, Isabelle Borchsenius, Ingeborg Morawetz, Philipp Sickmann

Der lateinische Spruch „Non Solus“ (nicht allein) ist auf dem Logo des multinational agierenden Wissenschaftsverlags Elsevier mit Sitz in Amsterdam zu erkennen. Unter einer prächtigen, von Weinreben umrankten Ulme steht ein Gelehrter. Das Logo repräsentiere die „symbiotische Beziehung von Verleger und Wissenschaftler“, heißt es auf der Internetseite des Verlags. Doch diese Partnerschaft scheint nun einen merklichen Schaden davongetragen zu haben. Denn zu Beginn dieses Jahres entfachte sich eine Debatte um die Praktiken des Verlags und um seine Stellung im Wissenschaftsbetrieb. Bis zum 4. Mai 2012 haben insgesamt 11.131 Wissenschaftler einen Boykottaufruf unterzeichnet, in dem sie ankündigen, zukünftig nicht mehr bei Elsevier zu publizieren und weder als Herausgeber noch als Editor für den Verlag tätig zu sein.

Der Streit um das Unternehmen entzündete sich an einem verzwickten Problem: Wissenschaftler, die unentgeltlich Artikel schreiben, publizieren ihre Arbeiten in Fachzeitschriften. Diese Zeitschriften werden von Verlagen wie Elsevier vertrieben und mit teils großen Profiten an die Universitätsbibliotheken verkauft. Die Universitäten zahlen also doppelt – zuerst für die Produktion, dann für die Wiedereinfuhr von Forschungsarbeiten -, während Verlage daran verdienen. Günther M. Ziegler, Mathematikprofessor an der Freien Universität Berlin (FU) fasst das Problem damit zusammen, dass „unsere Bibliotheken plötzlich sehr viel Geld bezahlen müssen – für Wissen, das von uns Wissenschaftlern selber produziert wurde.“ Besonders brisant ist im Falle des zur Reed Elsevier Group gehörenden Verlags der Gewinn von 944 Millionen Euro, den Elsevier im Geschäftsjahr 2011 eingefahren hat. Elsevier ist mit über 7000 Beschäftigten in 24 Ländern einer der führenden wissenschaftlichen Verlage. Derzeit werden von ihm etwa 2300 Journale (davon 50 in Deutschland) sowie knapp 20.000 Bücher und Nachschlagewerke verlegt.

„Das größte Problem ist, dass der Verlag Elsevier in der Art und Weise, wie er mit Bibliotheken Verträge abschließt, diese sozusagen ‘ausblutet’“, erläutert Ziegler. Er unterstützt den Boykott offen. Kurz nach Beginn des Protests gegen den Verlag im Januar 2012 hat er den Aufruf unterzeichnet und die Herausgeberschaft von zwei Elsevier-Zeitschriften (European Journal of Combinatorics und das Journal of Combinatorial Theory, Series A) beendet. Er rief zudem am 19. Februar 2012 auf dem Weblog SciLogs zur Unterstützung des Anliegens der Boykotteure auf. Sein Kollege Timothy W. Gowers von der Universität Cambridge hatte im Januar als erster seinen Unmut gegenüber Elsevier geäußert. Wenige Tage später wurde die Internetseite thecostofknowledge.com ins Leben gerufen, auf der sich seitdem Wissenschaftler dem Boykott beteiligen können. Inzwischen haben sich bereits über 10.000 Unterstützer dem Boykott angeschlossen, mehr als 550 davon lehren an deutschen Universitäten. Schon während der letzten fünfzehn Jahre hat es immer wieder Proteste gegeben, die sich explizit gegen Elsevier richteten. „Es gab Ende der neunziger Jahre große Probleme mit der Preispolitik von Elsevier, da der Verlag in dieser Zeit sehr selbstbewusst auftrat“, berichtet Andreas Degkwitz, Direktor der Universitätsbibliothek der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). „Elsevier hatte damals die Möglichkeiten, die Preise zu steigern, stark ausgereizt, und das hat ihnen eine sehr schlechte Presse verschafft“. so Degkwitz weiter. Infolge von internationalen Protesten reagierte Elsevier mit einer Senkung der jährlichen Teuerungsrate der Abonnements für seine Zeitschriften, die sich für die Bibliothek der HU nun zwischen moderateren 5 und 7 Prozent bewegt, erklärt Degkwitz.

Angelika Lex, Elsevier Vice President Academic and Government Relations, erklärt diesbezüglich, die Preissteigerungen würden sich durch wachsende globale Investitionen in Forschung und Entwicklung rechtfertigen, die pro Jahr um 4 Prozent oder mehr steigen würden. Elsevier produziere zudem auch weiterhin Printmedien, für den Online-Bereich seien neue Kostenstellen entstanden. Zu dem Vorwurf, Elsevier würde die Bibliotheken ausbluten, erklärt Lex, dass diese Anschuldigungen emotionaler Natur seien und nicht auf Fakten beruhen würden. Der Langzeiterfolg Elseviers hänge vom Langzeiterfolg der Wissenschaftler ab, so Lex. Michael Seadle, geschäftsführender Direktor des Instituts für Bibliotheks- und Informationswissenschaft der HU, weiß zu berichten: „Elsevier hat über die Jahre ein Riesengeschäft gemacht.“ In den Bereichen Naturwissenschaft, Medizin und Technologie habe der Verlag die wichtigsten Magazine systematisch aufgekauft. „Das ist ein Monopol“, so Seadle weiter. „Ein solches Monopol hat Elsevier heute im praktischen Sinne für viele dieser Zeitschriften im technischen Bereich“, so Seadle.

Der aktive Boykottunterstützer Ziegler erläutert, dass viele Wissenschaftler ihre Beiträge in nur einer angesehenen Fachzeitschrift veröffentlichen würden, sodass ihre Kollegen wenig Entscheidungsfreiheit hätten. Wenn sie einen bestimmten Aufsatz benötigen, müssen sie auf die Zeitschrift zurückgreifen, in der dieser publiziert wurde. So können sie nicht einfach zu günstigeren Alternativen wechseln, da in diesen nicht die gesuchten Inhalte stünden. Hinzu kommt, dass Elsevier-Zeitschriften insbesondere in naturwissenschaftlich-technischen Bereichen ein sehr großes Ansehen genießen. Die Publikation in solch einschlägigen Journalen ist für Forscher deshalb karrierefördernd. Degkwitz betont: „Die ‘Währung’ in Forschung und Wissenschaft sind vorrangig Anerkennung und Renommee.“ Seadle bestätigt dies: Für Wissenschaftler, die auf der Suche nach einer Stelle oder einer Professur sind, „ist das, was wirklich zählt, wissenschaftliche Veröffentlichungen in Zeitschriften mit gutem Ruf.“ In vielen Bereichen seien dies nun einmal Elsevier-Zeitschriften.

Ausschlaggebend ist für den Ruf einer Zeitschrift der sogenannte Journal Impact Factor. Dieser misst, wie häufig Artikel einer Zeitung in anderen einschlägigen Journalen zitiert werden. Hieran misst sich auch das Renommee der Autoren. Insbesondere für junge Wissenschaftler ist es daher schwierig, dem Angebot einer Veröffentlichung für Elsevier eine Absage zu erteilen. Kilu von Prince, wissenschaftliche Mitarbeiterin und Doktorandin am außeruniversitären Zentrum für Allgemeine Sprachwissenschaft in Berlin, sagt: „Als junger Wissenschaftler muss man sich schon überlegen, wen man da genau boykottiert.“ Sie hat den Aufruf unterschrieben, aber als Linguistin aus einer sicheren Warte heraus: „Bei Springer hätte ich schon dreimal darüber nachgedacht“, scherzt sie über das Verlagshaus, das ebenfalls zu den großen Wissenschaftsverlagen zählt.´Von Prince weiß, dass man „gerade in der Phase, in der einen noch nicht jeder kennt“, darauf achten müsse, „dass man ein paar einschlägige Publikationen hat.“ Auch Seadle stimmt dem zu: „Wenn es zu einer Entscheidung für Berufungen oder für Habilitationsverfahren kommt, wird immer wieder größerer Wert auf die wichtigen Elsevier-Zeitschriften gelegt als auf die Open Access-Zeitschriften.“

So sind Veröffentlichungen bei Elsevier kein Muss, innerhalb der Wissenschaft herrscht jedoch Zugzwang. „Elsevier zwingt niemanden, in Elsevier-Zeitschriften zu publizieren oder Elsevier-Zeitschriften herauszugeben. Für die Renommeebildung können Publikationen in Elsevier-Zeitschriften allerdings hilfreich sein – vor allem dann, wenn es um wichtige Zeitschriften eines Fachgebiets geht“, gibt Degkwitz zu bedenken. Verlage seien nun einmal privatwirtschaftlich, der Wissenschaftsbereich hingegen nicht. Das Problem sei vielmehr die Monopolbildung, die zu hohen Preisen führt: „Für diese können die Wissenschaftler nichts.“ Hier wird der Grundkonflikt deutlich, an dem sich die Wut der Publizierenden entfacht. Wissenschaftler erhalten von den Verlagen in der Regel kein Geld für ihre Artikel oder nur eine symbolische Vergütung. Finanziert werden die Forschenden von Steuergeldern. Gleichzeitig nutzt das private Unternehmen Elsevier seine Stellung auf dem Zeitschriftenmarkt, um seine Produkte möglichst gewinnbringend an Bibliotheken zu verkaufen.

Laut Informationen der HU-Bibliotheksverwaltung werden seit 2009 rund 50 Prozent des gesamten Literaturerwerbungsbudgets zur Beschaffung elektronischer und gedruckter Zeitschriften ausgegeben. Während die Bibliothek der HU die entstehenden Kosten laut Degkwitz aufgrund einer guten Finanzierungslage derzeit auffangen kann, sind Teuerungen für kleinere Einrichtungen ein Problem. Seadle berichtet von einem Fall an einer amerikanischen Universität: „Es gab am Ende in der Bibliothek für Physik keinen Cent, um Monographien zu kaufen. Alles, was diese Physik-Bibliothek hatte, musste sie in Zeitschriften stecken.“ Auch für Bibliotheken in ärmeren Ländern in Asien oder Afrika seien Seadle zufolge Anschaffungen nur schwer zu bewerkstelligen. In einem offenen Brief an die Forscher trat Elsevier Anfang Januar den Anschuldigungen entgegen. So heißt es, die Preise pro Seite in den Journalen seien effektiv gesunken. Was sich allerdings erhöht habe, sei die Anzahl der Journale. Dies betrifft dann die sogenannten „Bündel“, die hunderte von Elsevier-Zeitschriften in einem Paket sammeln und von den Bibliotheken gekauft werden. Diese Bündel sind ein optionales Angebot der Verlage und ein Weg für Bibliotheken, Rabatte auf die Zeitschriften im Paket zu erhalten. So zahlen sie letztendlich einen deutlich geringeren Preis pro Zeitschrift.

Doch auch diese Geschäftspraxis wird von Forschern gescholten. Ziegler kritisiert die Bündel als intransparent und unflexibel. „Da werden immer wieder Verträge abgeschlossen mit Klauseln, die den Bibliotheken schon gar nicht erlauben zu sagen, was in den Verträgen eigentlich drin steht.“ Laut eines den Boykott betreffenden Artikels der Mathematiker Douglas N. Arnold und Henry Cohn gewähre Elsevier zudem nur bedingt Einsicht in die Verträge. Lex von Elsevier merkt hingegen an, der Verlag führe mit jeder Bibliothek transparente Verhandlungen. In vielen Fällen würden die Bibliotheken selbst aus verschiedenen Gründen nicht wollen, dass Details der Vereinbarungen für andere einsehbar wären. Auch würden die Zahlen zu falschen Interpretationen führen, da die Institutionen an sich sehr unterschiedlich seien.

Hinzu kommt, dass die Verträge für Bündel über einen Zeitraum von mehreren Jahren abgeschlossen werden. Allerdings relativiert Bibliotheksdirektor Degkwitz die Aussagen zur Unflexibilität: „Für die e-Journal-Pakete, die Bibliotheken für ihre Hochschulen lizenzieren, gibt es keine Preisbindung, sondern die Paketpreise werden üblicherweise verhandelt.“ Einzelne Zeitschriften könnten abbestellt, und andere dafür hinzugenommen werden. Die Flexibilität des Verlags orientiere sich bei der Zusammensetzung der Bündel jedoch an deren Größe, die immer an ein bestimmtes Budget gekoppelt seien, so Degkwitz weiter. Auch Lex merkt an, die Bündel würden in vielen verschiedenen Größen angeboten, die zu hohen Rabatten pro Titel führen würden. In vielen Fällen könnten die Bibliotheken ihre Titel selbst auswählen und kombinieren. Das dem zugrundeliegende Prinzip sei, dass eine Institution mehr Inhalt erhält, je mehr Geld sie ausgeben möchte, erläutert Lex. Nach dem neuerlichen Boykott scheint Elsevier den Forderungen der Forschergemeinde entgegenzukommen: Nach dem offenen Brief Anfang Februar beschloss Elsevier bereits Ende desselben Monats eine Reihe von Maßnahmen. So kündigten die Vizepräsidenten des Verlages an, dass der Listenpreis für wichtige Titel in der Mathematik gesenkt werden solle.

Weiterhin sollen 14 Zeitschriften aus dem Zeitraum von 1995 bis vier Jahre vor dem aktuellen Tag frei zugänglich gemacht werden. Elsevier richtet sich hier explizit an die Mathematikergemeinde, da im Umfeld von Mathematikprofessor Timothy Gowers der Ursprung des aktuellen Boykotts liegt und Mathematiker bislang mit circa 2000 Boykotteuren die zahlenmäßig größte Gruppe stellen. Zuletzt zog Elsevier in den USA auch die Unterstützung für den “Research Works Act” zurück, ein Gesetzesentwurf, der es erschweren sollte, Werke über Open Access-Netzwerke zugänglich zu machen. Der Bibliotheks- und Informationswissenschaftler Seadle sieht in den Zugeständnissen keine ausreichenden Maßnahmen: „Ich sehe diese Änderungen als einen Versuch, uns zu überzeugen, dass Elsevier freundlich ist. Nicht als eine wesentliche Änderung in der Geschäftspraxis von Elsevier.“ Auch Ziegler gehen diese Schritte nicht weit genug: „Was wir brauchen, sind langfristige Zusagen von Elsevier, die sagen, dass das Business-Modell sich wirklich so ändert, dass wir die Flexibilität haben zu sagen, die Zeitschriften, die wir brauchen und die wir wollen und gut finden, bekommen wir zu einem fairen Preis zugänglich gemacht.“

Eine aktuelle Entwicklung, die große Verlage wie Elsevier auf lange Sicht dazu bringen könnte, ihre Geschäftsmodelle anzupassen, ist die Idee von Open Access. Dies ist das Schlagwort für die öffentliche Zugänglichmachung von Publikationen ohne Bezahlbarrieren oder sonstige Hindernisse. Durch die Möglichkeiten von Veröffentlichungen im Internet sind die Ergebnisse wissenschaftlicher Forschung theoretisch für alle Menschen jederzeit erreichbar. Open Access ist ein Service, der mittlerweile auch von Verlagen angeboten wird.Trotz eines Anstiegs von Open Access-Veröffentlichungen und Plattformen seit Jahren betont Degkwitz: „Das Open Access-Publizieren hat den Markt in den letzten Jahren sicher in starkem Maße beeinflusst, jedoch keine Verlagsmonopole ‘brechen’ können.“ Der Marktanteil solcher Publikationen liege noch immer im einstelligen Bereich.

In Deutschland ist in Paragraph 38 des Urheberrechtsgesetzes festgeschrieben, dass ein Verleger oder Herausgeber ein ausschließliches Nutzungsrecht an zu Sammlungen beigetragenen Werken erwirbt. Der Autor darf sein Werk nach Ablauf eines Jahres anderweitig vervielfältigen, jedoch nur, „wenn nichts anderes vereinbart ist“. Das Gesetz garantiert dem Autoren also ein Recht der Nutzung seiner Werke für Open Access nur, wenn dies im Vertrag nicht namentlich ausgeschlossen wird. In Deutschland gibt es dennoch eine von Bündnis 90/Die Grünen ins Leben gerufene Gesetzesinitiative, die bewirken soll, dass ein Verleger eine Zweitveröffentlichung nach Ablauf einer angemessenen Zeitspanne nicht ausschließen kann: „Wir brauchen das gesetzliche Zweitverwertungsrecht, weil die Vertragspraxis der großen Verlage faktisch eine Zwangslage produziert, die zum Buy-Out, zur Hergabe aller Rechte führt“, erklärt Konstantin von Notz, Grüner Bundestagsabgeordneter sowie Sprecher für Innen- und Netzpolitik der grünen Bundestagsfraktion.

Der Elsevier-Boykott sei für ihn „auch die Folge der Enttäuschung über das Ausbleiben vielfältigerer Formen von Open Access.“ Von Notz zufolge heiße es, dass bereits jetzt betriebswirtschaftliche Auswirkungen durch den Boykott entstanden seien. Der Bibliotheks- und Informationswissenschaftler Seadle gibt zu bedenken, dass sich die Lage in einer Welt, in der wir in Deutschland keinen Einfluss auf Elsevier in den Niederlanden haben, so bald nicht ändern werde. Auch der Mathematiker Ziegler steht dem Vorhaben kritisch gegenüber, denn die Debatte um Copyright und Open Access sei ein internationales Problem: „Was eine deutsche Regelung bewirken könnte, ist überhaupt nicht klar. Wenn, dann müsste man auf europäische Regelungen schauen.

Ziegler lädt seine Aufsätze auf das Online Open Access-Archiv arxiv.org. Auf diesen Dokumentenserver können naturwissenschaftliche Vorabdrucke zur freien Einsicht hochgeladen werden. Die Rechte an diesen Vorabdrucken, die zur Veröffentlichung vorgesehen sind, liegen zu dem Zeitpunkt meist noch beim Autor . Diese Möglichkeit sowie das Hochladen von Artikeln auf die eigene Homepage gestehe auch Elsevier den Wissenschaftlern mittlerweile zu, so Ziegler. Das Ziel aus Sicht der Wissenschaft müsse es seiner Meinung nach aber sein, „dass die Wissenschaft, die wir produzieren, zugänglich gemacht wird.“ Lex betont, Elsevier sei daran interessiert, den Zugang zu Publikationen in nachhaltiger Weise zu erleichtern. Zudem sei veranschlagt, den Wert der Arbeit Elseviers besser an die Forschergemeinde zu kommunizieren. Wie die Erfolgsaussichten des aktuellen Boykotts insgesamt zu bewerten sind, ist fraglich. 10.000 Protestteilnehmer weltweit, davon 15 HU-Wissenschafter, sind eine beachtliche Zahl. Seadle steht den Aussichten des Boykotts, etwas Grundlegendes an der Geschäftspraxis Elseviers zu verändern, jedoch kritisch gegenüber: „Die Frage ist, welche 10.000? Wenn es 10.000 Nobelpreisträger wären, das hätte eine Wirkung.“

Auch stellt sich die Frage, von wo eine Veränderung ihren Ausgang nehmen könnte. Seadle betont, der Protest sei wünschenswert und ein Anfang, jedoch müsse es eine strukturelle Unterstützung für den Boykott von Elsevier-Zeitschriften geben. In den USA habe es Bibliotheken gegeben, die Elsevier-Produkte abbestellt haben, diese jedoch wieder neu abonnieren mussten, nachdem Wissenschaftler ihre Forschung in Gefahr sahen und die Zeitschriften einforderten. „Bis wir uns entweder institutionell entscheiden, dass wir diese hohe Bewertung für Elsevier systematisch ablehnen, oder dass wir gleich hochwertige Zeitschriften im Open Access-Bereich oder mindestens kontrollierende Zeitschriften gründen, damit man Alternativen hat“, so Seadle, wären die Umstände für eine Änderung im deutschsprachigen Raum ungünstig. Als Bürger habe man wenig Chancen, etwas zu bewirken. Die großen Institutionen selbst müssten sich Seadle zufolge gegen Elsevier entscheiden.

Das grundlegende Dilemma der Situation ist die Notwendigkeit der Zeitschriften für die Forschung einerseits und die Klagen der Wissenschaftler über die Verlagspolitik andererseits. Degkwitz wäre theoretisch bereit, die Elsevier-Bündel abzubestellen, sollten die HU-Wissenschaftler dies fordern. Er glaubt aber nicht, dass es dazu kommen wird. Die von ihm geleitete Universitätsbibliothek sieht er in einer Sandwichsituation: „Universitätsbibliotheken haben den Versorgungsauftrag für aktuelle Literatur und Fachinformation. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler erwarten eine Versorgung, die ihre Bedarfe in Forschung und Lehre deckt und die natürlich auch impact-relevante Zeitschriften großer Verlage umfasst. Bei der bestehenden Marktsituation kann dies durchaus zu Differenzen führen.“

Wie erfolgreich der aktuelle Boykott gegen das Monopol des Verlags sein wird, wird sich so erst mit der Zeit zeigen. Eines hat sich jedoch deutlich offenbart: Privatwirtschaftliche Verlage und von öffentlichen Geldern finanziert forschende Wissenschaftler sind entzweit. Die vom Elsevier-Logo suggerierte Symbiose von Verlag und Wissenschaftler ist an der aktuellen Situation gemessen nur mehr ein leeres Versprechen. Diese Einheit wieder herzustellen ist ausdrücklicher Wunsch der Protestierenden. Gerhard Ziegler sieht Verlage als Dienstleister für wichtige Aufgaben, „die natürlich auch etwas daran verdienen können.“ Er glaubt daran, dass Forscher auch in Zukunft mit den Verlagen zusammen arbeiten werden: „Wir aus der Wissenschaft erwarten dafür, dass die Verlage mit und für uns arbeiten, nicht gegen uns.“


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