
Geschrieben von Stephan Strunz, Sara Schurmann
Die Schlagworte der Revolution sind passé. Die Zukunft der französischen Studierenden wird von Beziehungen und Geld bestimmt.
Jeden Tag besuchen über 1,4 Millionen junge Franzose die Universitäten des Landes. Sie lernen chemische Formeln und die historischen Hintergründe der europäischen Einigung, lesen Texte von Foucault oder besuchen Vorlesungen zu Quantenphysik. In den Semesterferien machen sie Praktika, viele von ihnen in jeden Ferien. Nebenbei servieren sie Kuchen in kleinen Cafés oder räumen Regale in Supermärkten ein, um sich eine Wohnung in der Hauptstadt finanzieren zu können.
Das Leben junger Franzosen unterscheidet sich auf den ersten Blick nicht sehr von dem Studierender in Deutschland. Auch das gehört zum studentischen Alltag in Frankreich: Für ein Fünftel der Studierenden wird sich das Studium nicht unmittelbar auszahlen. Laut Angaben des französischen Instituts für Statistik und Wirtschaftsforschung (INSEE) waren 2010 etwa 20 Prozent der Franzosen der Altergruppe zwischen 15 und 24 Jahren auch vier Jahre nach ihrer ersten qualifizierenden Ausbildung – in der Regel ein Studium an der Universität – arbeitslos. 2011 ist die Arbeitslosigkeit in diesem Alterssegment mit 22,8 Prozent noch weiter gestiegen.
In Deutschland suggeriert der Begriff Generation Praktikum seit Jahren einen ähnlichen Zustand. Die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland ist allerdings eine der niedrigsten in der Europäischen Union. Im Juni 2011 waren laut Statistischem Bundesamt 430.000 junge Menschen im Alter von 15 bis 24 Jahren erwerbslos, das entspricht einer Quote von knapp neun Prozent. Niedriger war sie nur in den Niederlanden mit sieben und Österreich mit acht Prozent.
Yves Bur kennt durch seine Arbeit als Präsident der Deutsch-Französischen Freundschaftsgruppe die Verhältnisse in beiden Ländern gut. Der Parlamentsabgeordnete der Regierungspartei UMP meint: „Das ist nicht nur ein heutiges Problem in Frankreich, wir kennen es seit vielen Jahren“.
Die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich hält er für ein strukturelles Problem des französischen Bildungssystems. Es gebe nicht genügend Ausbildungsplätze, wie es das duale deutsche Modell bieten könne, Universitäten und Wirtschaft seien nicht eng genug verzahnt, die Ausbildung zu theoretisch: „Die staatliche Ausbildung ist nicht genügend auf die Bedürfnisse der Betriebe abgestimmt.“
Dem stimmen auch Justine und Soukina zu. Die beiden studieren Kommunikation im dritten Jahr Licence an der Universität Sorbonne Nouvelle Paris 3. „Der Arbeitsmarkt und die Universität sind vollkommen voneinander losgelöst“, sagt Soukina. Die 22-Jährige hat schon fünf Praktika absolviert, im Februar beginnt sie ihr sechstes.
Justine geht die Jagd nach Praktika entspannter an, denn ihre Tante arbeitet bei dem deutsch-französischen Fernsehsender arte: „Kontakte sind das Nonplusultra. Ohne sie hast du kaum eine Chance auf ein gutes Praktikum.“ Sie hat erst zwei absolviert – eines davon in der PR-Abteilung des Senders arte. Sie hofft, dort in Zukunft auch in der redaktionellen Arbeit Erfahrungen sammeln zu können. Später möchte sie jedoch lieber ins Kulturmanagement. Aber sie weiß: „Ein Praktikum bei arte bringt Prestige.“ Und das erhöhe die Chance, einen guten Eindruck auf potentielle Arbeitgeber zu machen.
„Die französischen Unternehmen trauen den Jugendlichen nicht genug zu“, so sieht es Bur. Wer Zugang zum Arbeitsmarkt erhalten will, brauche Berufserfahrung. Diese zu sammeln, sei allerdings schwierig. Wie in Deutschland führe der Weg dahin über Praktika. Der Übergang in einen Job könne aber mehrere Jahre dauern. So gebe es Unternehmen, die bis zu 30 Prozent ihres Personalbedarfs durch Praktikanten abdecken, weil es kostengünstiger für sie sei. Dem fielen dann auch Stellen zum Opfer, die als Einstiegsjobs für junge Absolventen dienen könnten, erklärt Bur.
Er sieht die Verantwortung für ihre Zukunft auch bei den jungen Franzosen selbst. Soziologie, Geschichte, Psychologie – „Das ist alles schön und gut“, sagt er. „Aber Studierenden glauben zu machen, dass sie einen sicheren Arbeitsplatz in einem speziellen Bereich bekommen, ist unverantwortlich.“ Momentan habe Frankreich 20.000 Studierende der Psychologie. Es gebe aber keine Arbeitsplätze für 20.000 neue Psychologen oder Psychiater in Frankreich.
Wer Naturwissenschaften studiert, hat bessere Chancen.Landärzte werden in Frankreich beispielsweise händeringend gesucht und teilweise sogar aus Osteuropa rekrutiert. Er empfiehlt den jungen Franzosen, sich bereits vor dem Studium Gedanken über die Lage auf dem Arbeitsmarkt zu machen. „Es ist nicht immer möglich, in dem Gebiet zu arbeiten, für das man ausgebildet wurde, aber man kann sich umorientieren und anpassen“, rät er. Flexibilität führt Bur daher als eine der wichtigsten Qualifikationen an, um heute auf dem Arbeitsmarkt Erfolg zu haben.
Die Universitäten müssten jedoch auch ihren Teil dazu beitragen, um den Abstand zum Arbeitsmarkt zu überwinden – und sich mehr an seinen Bedürfnissen orientieren. Genau hier liegt für Anne Souyris das Problem. Vor 20 Jahren hat sie selbst an der Universität Sorbonne Nouvelle Paris 3 studiert und unterrichtet nun dort, neben ihrer Arbeit für die Partei Les Verts (die Grünen) im Senat. „Die Universitäten heute sind sehr viel ärmer“, sagt sie. An den öffentlichen Universitäten gebe es eine unaufhaltbare Tendenz zur Privatisierung. Berufsvorbereitende Masterprogramme, sogenannte Masters Professionels, seien für Universitäten zu rentablen Bereichen geworden. „Wenn man nicht in einem Bereich studiert, für den sich Firmen interessieren, gibt es nur noch die Möglichkeit, eines staatlichen Masters und für diese gebe es überhaupt kein Geld mehr”, meint Souyris. Dies äußere sich unter anderem darin, dass die Dozenten schlecht bezahlt würden. Die Konsequenz ist der Verlust qualifizierten Lehrpersonals – ans Ausland, andere Berufe oder besser zahlende private Schulen – und somit eine verschlechterte Lehre.
Das Studium in Frankreich ist zwar grundsätzlich kostenlos, im Bachelor müssen die Studierenden ähnlich wie in Berlin nur eine Verwaltungsgebühr bezahlen. Jene Master, die von Firmen ausgerichtet werden, sind mit rund 600 Euro pro Jahr aber doppelt so teuer. Das verschärft die Ungleichheit im Bildungssystem auf mehreren Ebenen. Nicht jeder kann sich solch einen Masterstudiengang leisten.
Einer Privatisierung im Bildungssektor steht ein Großteil der Franzosen skeptisch gegenüber. Es gebe ein fast traditionelles ideologisches Misstrauen, wie Anne Souyris es nennt. Die Idee des Humanismus stehe in Frankreich im Vordergrund. Die Bildung solle den Menschen nicht nur auf die Arbeit vorbereiten, sondern in erster Linie zu einem aufgeklärten Bürger formen, der reagieren und selbstständig denken kann. „Es geht zuerst darum, ein freies Individuum zu schaffen, bevor es darum geht, ein Individuum für die Arbeitswelt auszubilden“, sagt Souyris. Darin sieht sie einen Unterschied zum deutschen System. „Das Problem ist, dass dem System eine Dichotomie innewohnt.“ Man müsse das eine oder das andere machen. Und anstatt die Gleichheit zu fördern, wie es die Intention des französischen Bildungssystems sei, teile es die Gesellschaft in zwei Klassen. Denn jegliche manuelle, körperliche Arbeit werde durch diese Ideologie entwertet.
„Das ist es, was die Franzosen so nie wollten. Aber in Wirklichkeit haben wir trotzdem unsere Klassen, das ist das Problem“, erklärt sie. Es sei wirklich eine schöne, intelligente, konstruierte, prestigeträchtige und ambitionierete Ideologie, aber gleichzeitig leugne man, dass sie nicht funktioniere. „Es gibt immer noch die sozialen Kasten und Menschen, die nicht emanzipiert sind. Und im Endeffekt ist es schlimmer als in Deutschland, denn zusätzlich findet man keinen Job.“
Laut Florian könnten Privatisierungen im Bildungssektor durchaus helfen, Universitäten und Unternehmen enger miteinander zu verknüpfen und so den Übergang vom Studium in den Job erleichtern. Er ist 20 Jahre alt und studiert seit acht Semestern. Die eine Hälfte der Zeit hat er Recht an der Universität Panthéon-Assas Paris 2 und die andere Journalismus an einer privaten Universität studiert. Nun hat er sich auch noch für Kommunikation entschieden.
Ihm sind aber auch die mit der Privatisierung verbundenen Gefahren bewusst: Deswegen müsse der Staat auch das Monopol in der Bildung behalten. „Das gesamte Ausbildungssystem in Frankreich ist darauf ausgerichtet, Chancengleichheit zu garantieren – sagt die Regierung. Die Realität sieht ganz anders aus.“ Es sei schon schwierig genug, überhaupt von einer Universität an eine andere zu wechseln, weil diese als unterschiedlich gut angesehen würden. „In Wahrheit ist das System in Frankreich sehr elitär“, resümiert Florian.
Für Anne Souyris hat die Privatisierung den ohnehin schon immensen Unterschied zwischen den Universitäten, die in Frankreich eine breite Volksbildung gewährleisten, und den Grandes Écoles, den Eliteschulen für Führungszirkel, noch vergrößert. Vor 50 Jahren verließ man als Student die Sorbonne und hatte eine prestigereiche Ausbildung in der Tasche. „Heute verlässt man die Sorbonne und ehrlich gesagt: Das ist gut, wenn man Professor werden will. Aber um wirklich einen hoch qualifizierten Job zu bekommen, bringt es nichts“, urteilt Anne
Souyris.
Auch an anderer Stelle prallen Ideal und Wirklichkeit aufeinander. Die kostenlose öffentliche Hochschulbildung sei zwar erhalten worden, habe aber aufgrund fehlenden Geldes immer mehr Probleme und Fehler. „Was bleibt, ist weniger gut, auch wenn es Exzellenzsektoren gibt“, sagt Souyris. „Der Punkt, an dem es nicht mehr so weiter gehen kann, ist bald erreicht.“
Justine hofft trotzdem, dass es sich auszahlen wird, in Paris zu studieren. In den Seminaren gebe es zwar oft nicht genug Platz für jeden, aber die Sorbonne Nouvelle sei bekannt, zumindest bekannter als die Universitäten in der Provinz. „Die Studierenden aus der Prozinz haben noch schlechtere Karten“, urteilt sie. Wenn ein Personalchef die Auswahl zwischen drei Bewerbern habe, einer komme von einer Universität aus der Kleinstadt, einer von der Sorbonne Nouvelle und einer von einer Grande École, dann entscheide er sich mit Sicherheit für den Studenten der Grande École, sagt Justine.
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