Ungarn Spezial

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Fotoausstellung im Collegium Hungaricum

Im Collegium Hungaricum Berlin, dem ungarischen Kulturinstitut kann man derzeit eine Fotoausstellung des ungarischen Fotografen György Stalter besuchen. Dieser stellt hier zwei seiner Arbeiten einander gegenüber – Fotoportraits des Berliner Stadtteils Neukölln denen des 8. Bezirks „Nyolcker“ in Budapest. Die Vernissage fand am 9. Dezember 2011 statt, im Anschluss diskutierten Vertreter aus Politik und Wissenschaft über das Thema Integration als europäisches Problem. Marett Klahn ist Projektkoordinatorin der Ausstellung und hat selbst ungarische Wurzeln. Die 23-Jährige studiert an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) Asien- und Afrikawissenschaften und arbeitet seit drei Jahren für das Collegium Hungaricum.

Danksagung an die Unterstützer des Ungarn-Projektes

Nun ist sie da: Unsere Nr. 204 mit dem Ungarn Spezial. Wir besuchten im Oktober Budapest, Pécs und Szeged. Vor Ort berichteten wir über das neue Mediengesetz, was es für Ungarn bedeutet und wie die Menschen damit umgehen. Wir danken ganz herzlich unseren Unterstützern, die dieses Projekt ermöglichten:

Weiter geht es

Nach der Großdemonstration vom Nachmittag war für die unauf-Redaktion der Tag noch lange nicht zu Ende. Zurück im Hostel wurden wir vom Balkon aus überraschend Zeugen eines großen Fackelzuges von schwarz uniformierten Rechtsradikalen. Wohlgeleitet von Polizeiautos liefen sie über Budapests Hauptverkehrsstraßen. Von Gegendemonstranten behelligt wurden sie zumindest dort nicht – es gab keine. Auf dieses unschöne Erlebnis folgte der Aufbruch: Daniela und Christian nahmen den Zug nach Pécs (Europäische Kulturhauptstadt 2010), Caspar und Leonard fuhren weiter nach Szeged, eine Universitätsstadt an der Grenze zu Serbien. Dort sind wir gut angekommen und starten mit dem Programm. So steht in Szeged unter anderem ein Treffen mit Studenten und Dozenten des Verfassungsrechts auf der Liste, außerdem besuchen wir gemeinsam mit unserer Partner-Redaktion vom Germanistischen Magazin zwei Zeitungen und hoffen, noch etwas vom Hungerstreik mitbekommen zu können, den Studierende gegen Orbáns Hochschulreformpläne abhalten.

„Viktor, so war das nicht abgemacht!“

Der Himmel über Budapest ist an diesem Sonntag besonders stark bewölkt. Es ist der 23. Oktober, ungarischer Nationalfeiertag zum Gedenken an die Niederschlagung des Aufstands 1956. Auf der Elisabethbrücke im Herzen der Stadt hat sich die Demonstration „Don’t you like the system? Protest!“ angekündigt, sie wird von der Organisation „One Million for the Freedom of Press in Hungary“ veranstaltet. Auf einer großen Leinwand strahlt die ungarische Nationalflagge, sie bietet einen eindrucksvollen Kontrast zum tristen Himmel. In ihrer Mitte prangt eine Orange, das Symbol für die Regierungspartei Fidesz. Eine Animation lässt diese im nächsten Moment verschwinden und zeigt dafür einen schwarzen Kreis, der immer wieder durch die Gesichter verschiedener Redner gefüllt wird.

Politiker und Parteien – wer ist wer in Ungarn?

Wer ist Viktor Orbán? Was ist der Fidesz? Und wieso sprechen alle über Zweidrittelmehrheiten? Um eine einschätzende Einführung in Ungarns politische Landschaft zu geben und damit ein besseres Verständnis der anderen Artikel zu ermöglichen, antwortet der folgende kurze Überblick auf diese und andere Fragen zum politischen Ungarn. Ähnlich wie Deutschland ist auch Ungarn eine parlamentarische Demokratie. Auch hier werden die Abgeordneten durch eine Mischung aus Personen- und Verhältniswahl (Parteilisten) bestimmt. Die letzten Wahlen fanden 2010 statt und brachten diese Kräfte ins Parlament:

Kampf um jedes Mittel

Gulyás Márton ist der Direktor und Manager der „Krétakör Foundation“ (Krétakör = dt. Kreidekreis), einer unabhängigen, innovativen Theatergruppe, die im Jahr 1995 von dem Schauspieler und Regisseur Árpád Schilling gegründet wurde. Heute gehört sie zu einer festen Größe der zeitgenössischen ungarischen Theaterszene. Die Krétakör-Produktionen werden inzwischen zu vielen Gastspielen und großen Festivals ins Ausland eingeladen. So inszenierte Árpád Schilling inszenierte unter anderem auch schon an der Schaubühne Berlin. Vor wenigen Tagen hatte das neue Stück der Theatergruppe „Undankbare Biester“ in der Bayrischen Staatsoper in München Premiere. Das Stück gehört zum Zyklus „Crises“ und thematisiert in einem dreiteiligen Aufbau (zwei Filme und einer Oper) Misshandlungen im familiären Umfeld. Jeweils aus der Sicht der Mutter, des Vaters und des Sohnes wird das ernste Thema durch eine Collage iim Rahmen des theatral-performativen Tryptichons aufgegriffen. Das Thema basiert jedoch auf erschreckenden Zahlen. In Ungarn werden täglich acht Kinder misshandelt und zwei Kinder pro Monat sterben an den Folgen. Im Jahr 2009 konnten bei einer Unterschriftenaktion jedoch nur 10.000 Stimmen gegen die Misshandlung von Kindern gesammelt werden – gegen die Misshandlung von Tieren unterschrieben immerhin 300.000 Ungarn, berichtet Gulyás Márton. Diese Tatsache war für die Theatergruppe „Krétakör“ die ausschlaggebende Motivation den Zyklus „Crises “ zu inszenieren.

„Politiker sind Raubtiere, keine Pflanzenfresser”

Der in Budapest lebende, 50-jährige Schriftsteller István Kemény hat bereits zahlreiche Lyrik und Prosatexte veröffentlicht und dafür einige wichtige Preise und Stipendien erhalten. Schon während seines Studiums der Geschichte und ungarischen Literatur war er eine bekannte Figur im literarischen Leben der Hauptstadt . Nicht umsonst war er Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, veröffentlichte seine Gedichte in der Zeitschrift „Kafka“ und gewann im Jahr 2007 den Laurel-Preis der Republik Ungarn. Gestern traf ich ihn im traditionsreichen Centrál Kávéhá, und wir sprachen über seine zuvor schriftlich formulierten Antworten auf meine Fragen zur Politik und Kultur des Landes.

Geteilte Einsichten

Die Tage vergehen und die unauf-Redaktion eilt von einem Gespräch zum nächsten. Die Gruppe teilt sich auf, denn anders ist der immer voller werdende Terminplan nicht zu bewältigen. Kreuz und quer geht es durch die Stadt. Ob Klinikdirektorin, Feuilletonist oder NGO-Aktivistin sie alle haben so nun gemeinsam, in Budapest von der unauf interviewt worden zu sein. Die Mittagspause fällt aus, denn postwendend geht es weiter zum Medienrat. Viel gehört hatten wir schon von Journalisten – sie werden von dieser Behörde kontrolliert. Doch natürlich wollten wir auch die offizielle Seite befragen. Pressesprecher Dr. Ocskó stand ausführlich Rede und Antwort – und betonte, dass bislang noch kein einziger Journalist von seiner Behörde verfolgt wurde.

“Katasztrófa!“ – Interview zur Lage der Roma

„Amerikanische Menschenrechtsaktivisten rauschen hier an und meinen allen erzählen zu können, wie man mit den Roma umzugehen hat“, polemisierten Andrássy-Studenten im unauf-Interview. Sie forderten mehr „Innensicht“ auf ungarische Probleme. Die unauf machte sich daraufhin auf die Suche nach Bürgerrechtlern mit „Innensicht“ und hat die Budapesterin Erzsébet Mohácsi getroffen, Vorsitzende der NGO „Chance for Children Foundation.“ Die CFCF führt den juristischen Kampf um die gesetzlich vorgeschriebene Gleichberechtigung der Roma im Bildungsbereich – denn der Staat selbst kümmert sich darum kaum. 2005 wurden in weniger als 200 der 3.000 ungarischen Schulen die Roma-Kinder gemeinsam mit den anderen Kindern unterrichtet. Von den 10 Millionen Einwohnern Ungarns sind über 600.000 Angehörige der Roma-Minderheit, fast alle haben die ungarische Staatsbürgerschaft. Immer wieder ist das Thema „Roma in Ungarn“ mit traurigen Schlagzeilen auch in der deutschen Presse zu finden. Zuletzt sorgte das Dorf Gyöngyöspata für internationale Aufmerksamkeit negativster Art: Der dortige Bürgermeister rief die rechtsradikale Bürgerwehr anstelle der Polizei zu Hilfe, um auf terrorisierende Weise zu verhindern, dass der angebliche „Zigeunerterror eine Bürgerkriegssituation erzeugt.“ Im UnAuf-Interview schildert Frau Mohácsi nun aus den Erfahrungen ihrer Arbeit eine andere Sicht auf die Lage der Roma in Ungarn und Europa. Ein Wort ist immer wieder laut und deutlich zu verstehen, schon bevor unsere Begleiterin Adrienn vom Germanistischen Magazin „GeMa“ in Szeged den engagierten Vortrag ins Deutsche übersetzt: „Katasztrófa!“

Permanente Panik

Mit dem Ziel über die ungarische Kulturszene und Kulturpolitik zu schreiben, bin ich nach Budapest gereist. Doch fünf Caféhäuser und einige Interviewpartner später ist dieser Text lediglich ein Versuch die ungarische Literatur-, Kunst- und Theaterszene zu umreißen. Denn durch eine derart „undurchsichtige und unsichere“ Leitung der Kulturpolitik, wie es die Schriftstellerin Noémi Kiss ausdrückt, ist es fast unmöglich eine einzige Antwort auf die vielen offenen Fragen zu finden. Es beginnt schon mit der Frage, ob die Geldnot des Landes zu einer indirekt-kulturellen Zensur oder zu einem flächendeckenden, aber nicht selektiven Abbau führt. Noémi Kiss, die nach der Veröffentlichung ihres bemerkenswert avantgardistischen Buches „Was geschah während wir schliefen“ von der FAZ als die „neue Stimme, die im Männerchor der ungarischen Gegenwartsliteratur kaum mehr zu überhören ist“ gefeiert wurde, glaubt an die „indirekte Zensur“ durch die Regierung. Vor gut einem Monat erhielt sie eine Email, in der ihr mitgeteilt wurde, dass ihr neues Buch anders als vereinbart nicht ins Deutsche übersetzt wird, sie vermutet nun, dass die ungarische Regierung die Mittel dafür gestrichen hat. Ereignisse wie diese verdeutlichen, dass die zentralisierte Kulturpolitik immer offener ihre Krallen ausfährt und Fördermittel für die Kultur kürzt, wo sie nur kann.

Eine Verfassung zwischen Datenschutz und Mittelalter

Nach dem umstrittenen Mediengesetz sorgt auch Ungarns neue Verfassung im Land wie in Europa für Kritik. Am 18. April 2011 hat das ungarische Parlament mit den Stimmen der Fidesz-Regierungskoalition, die im Parlament über eine Zweidrittel-Mehrheit verfügt, eine neue Verfassung verabschiedet. Die verabschiedete Verfassung ist von den Verfassungsmüttern und -vätern nicht als eine Weiterentwicklung der alten Verfassung gedacht sondern als Bruch. Die alte Verfassung wird von den Verfassern der Präambel der neuen ungarischen Verfassung nicht etwa deshalb für ungenügend gehalten, weil sie Ungarns Rolle in einer sich immer mehr verzahnenden Europäischen Union nicht gerecht werden kann oder sonst nicht mehr in die Zeit passt, sondern die alte Verfassung wird als seit jeher illegitim betrachtet. Die alte Verfassung ist für die Macher der neuen ein Produkt der kommunistischen Okkupation. Und der am 18. April verabschiedete Gesetzestext soll aufgrund der Illegitimität der 1949 entstandenen Vorgängerverfassung eine Art Nullpunkt darstellen.

Auf der Suche nach der „Innensicht“

Nass vom Regen, der auch vor einer begeisternd schönen Stadt wie Budapest nicht Halt macht, sind wir zurück im „Hostel-Hauptquartier“ und sammeln die Ergebnisse eines langen Tages. Danielas Einblicke in die „chaotischen Verhältnisse“ der ungarischen Kulturpolitik eröffneten den Reigen des zehnstündigen Interviewmarathons. Im Astoria Hotel unterhielt sie sich mit der ungarischen Schriftstellerin Krisztina Tóth. Die preisgekrönte Wortakrobatin berichtete von den Veränderungen in den ungarischen Medien und der damit einhergehenden Angst. Eine befreundete Radiojournalistin, die sie am Abend zuvor gefragt hatte, ob sie nicht mit zum Interview kommen wolle, sagte ihr mit der Begründung ab, dass sie Angst vor eventuellen Konsequenzen hätte. Dafür stieß aber Endre Balogh, der Präsident des Verbandes der jungen Schriftsteller dazu. Ein Gemisch aus Französisch, Ungarisch und Deutsch braute sich über dem Tisch zusammen und wurde zum Erklärungsversuch der verworrenen Kulturpolitik. Die Filmindustrie löste als Gesprächsgegenstand die alternative Theaterszene ab, und diese wiederum das Verlagswesen und die Probleme für Autoren, sich auf einem kleinen Literaturmarkt wie dem ungarischen zu behaupten.

Erste Begegnungen

Gestern durften wir an einer Gesprächsrunde mit Sándor Orbán, Geschäftsführer des “South East European Networkfor Professionalization of Media”, Balász Dénes, Vorsitzender der Ungarischen Bürgerrechtsvereinigung und einigen ERASMUS-Studierenden teilnehmen. Orbán und Dénes berichteten über die neuen Mediengesetze und über Konsequenzen für Journalisten, Leser und Zuschauer. Danach haben wir noch einige deutsche Medizinstudenten getroffen, die uns die Vor- und Nachteile Ihres Studiums in Budapest schilderten. Mehr über diese Themen gibt es hier im Laufe des Tages und bald in der Ungarn-Sonderausgabe zu lesen!

Die Reise beginnt

Schönen Gruß vom Frühstückstisch! Gleich springen wir auf und machen uns auf den Weg zum Flughafen, um schon kurz nach vier Uhr in Budapest zu landen. In den nächsten sechs Tagen werden wir für euch vor Ort mit Journalisten, Studenten, Wissenschaftlern und Schriftstellern über die neue ungarische Verfassung und das Mediengesetz sprechen. Nach der Ankunft treffen wir uns direkt mit Sandor Orbán, dem Programmdirektor des “South East European Network for Professionalization of Media”. Spannende Tage warten auf uns – und natürlich auf euch Leser!