Projektbeschreibung

Auf der Suche nach der „Innensicht“

Nass vom Regen, der auch vor einer begeisternd schönen Stadt wie Budapest nicht Halt macht, sind wir zurück im „Hostel-Hauptquartier“ und sammeln die Ergebnisse eines langen Tages.

Danielas Einblicke in die „chaotischen Verhältnisse“ der ungarischen Kulturpolitik eröffneten den Reigen des zehnstündigen Interviewmarathons. Im Astoria Hotel unterhielt sie sich mit der ungarischen Schriftstellerin Krisztina Tóth. Die preisgekrönte Wortakrobatin berichtete von den Veränderungen in den ungarischen Medien und der damit einhergehenden Angst. Eine befreundete Radiojournalistin, die sie am Abend zuvor gefragt hatte, ob sie nicht mit zum Interview kommen wolle, sagte ihr mit der Begründung ab, dass sie Angst vor eventuellen Konsequenzen hätte. Dafür stieß aber Endre Balogh, der Präsident des Verbandes der jungen Schriftsteller dazu. Ein Gemisch aus Französisch, Ungarisch und Deutsch braute sich über dem Tisch zusammen und wurde zum Erklärungsversuch der verworrenen Kulturpolitik. Die Filmindustrie löste als Gesprächsgegenstand die alternative Theaterszene ab, und diese wiederum das Verlagswesen und die Probleme für Autoren, sich auf einem kleinen Literaturmarkt wie dem ungarischen zu behaupten.

Ein langes Gespräch mit dem Prorektor der Andrássy-Universität, Professor Stephan Okruch, folgte. Er hatte viel zu berichten, denn die Universität ist der „Exot unter Europas Hochschulen“, wie er sich ausdrücke. Die einzige deutschsprachige Universität im nicht deutschsprachigen Ausland wurde im Vorfeld des ungarischen EU-Beitritts 2001 durch eine Donauländer-Partnerschaft gemeinsam von den konservativen Regierungen von Baden-Württemberg, Bayern, Österreich und Ungarn gegründet. Nach diesen eher politisch geleiteten Anfängen steht sie inzwischen fest auf eigenen Beinen – und sitzt in einem Palais aristokratischer Pracht. Ein Professor kommt auf sieben Studenten. Das sind Zustände…und zwar welche, von denen Studierende in Deutschland wohl nur träumen können. Dafür sind allerdings 700 Euro Semestergebühr fällig. Attraktiv ist das Angebot für Studierende aus diversen Ländern – von Afghanistan bis Brasilien. Studieren kann man besondere Masterprogramme wie Internationale Beziehungen oder Mitteleuropa-Studien.

Ein eher mildes Bild vom Pressegesetz, seinen Auswirkungen und der politischen Situation Ungarns malten die beiden Sprecher der Studierendenschaft im anschließenden Gespräch im herrschaftlichen Andrássysaal – ihrer täglichen Lernumgebung. Sie betonen besonders, dass man nach einiger Zeit „Innensicht“ auf Ungarn einen anderen Blick bekommt als die anscheinend schnell urteilenden Westeuropäer von außen. Oder gar als „Amerikanische Menschenrechtsaktivisten, die vorher noch nie in Ungarn waren, aber hier anrauschen, um den Leuten zu erzählen, wie sie mit den Roma umzugehen hätten.“

Eine wesentlich kritischere „Innensicht“ hat der bekannte frühere Radiomoderator Attila Mong. Mehrere Stunden saßen wir mit ihm im Café, weil er so umfassend und spannend über seine Erlebnisse in der ungarischen Medienwelt zu berichten wusste. Nachdem er eine „Schweigeminute für die Pressefreiheit“ in seiner Morgensendung abgehalten hatte, leiteten die Senderchefs ein Disziplinarverfahren gegen ihn ein. Dies ist zwar ohne Ergebnis geblieben, doch sein Vertrag wurde nicht verlängert. Trotz vieler solcher Erfahrungen und geharnischter Kritik an Mediengesetz und Verfassungsreform will auch er Premierminister Orbán nicht vollkommen verurteilen: „Er ist sehr klug und will das beste für das Land. Aber er macht Fehler.“

Geschrieben von Daniela Sophie Michel und Leonard Wolckenhaar

Im Original veröffentlicht: Ungarn, 20.Oktober 2011, nach einem ereignisreichem Tag