An der HU können Berliner Studierende ab sofort das Studium Oecologicum absolvieren. Sabine Kunst, Christoph Schneider und Studierende des Nachhaltigkeitsbüros eröffneten das neue Zertifikatsprogramm und diskutierten über den Klimawandel, die Transformation und die Rolle der Humboldt-Universität. Um dem Klimawandel entgegenzutreten, fordern die Organisator*innen eine gesellschaftliche Transformation

In der voll besetzten Heilig-Geist-Kapelle der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät begrüßt Präsidentin Sabine Kunst zunächst die interessierten Studierenden, die zum ersten Termin der Ringvorlesung gekommen sind. Sie spricht über Nachhaltigkeit, den Klimawandel und lobt das Nachhaltigkeitsbüro, das sich in den letzten Jahren für ein Studium Oecologicum eingesetzt hatte. „Ich begrüße die neue Bewegung, bei der Nachhaltigkeit nicht nur durch Schnacken, sondern mit aktiver Handlung verfolgt wird“, sagt Kunst. Die Präsidentin lobt das Engagement und sieht einen großen Mehrwert für die Humboldt-Universität: „Es ermöglicht individuelle Schwerpunkte auf das Thema Nachhaltigkeit.“ Zudem werde die interdisziplinäre Zusammenarbeit an der HU vorangetrieben.

Studium Oecologicum bringt 10 Punkte für den überfachlichen Bereich

Christoph Schneider, Professor für Klimageographie, ist der akademische Ziehvater des Projekts. „Dinge an der HU sind immer etwas komplizierter, heute ist das fast eine Trauerfeier“, leitet er ein. „Es ist traurig, dass wir das nicht schon vor zehn Jahren hatten.“ Schneider spielt auf auf die KOSMOS-Vorlesungen an, die gut zur Nachhaltigkeitsvorlesung passen und als Ergänzung zum Programm gesehen werden können. Die Portfolios, die zu den Leistungsanforderungen der Ringvorlesung und damit zum Studium Oecologicum gehören, dürfen demnach auch zu den KOSMOS-Vorlesungen geschrieben werden.

Das neue Zertifikat Studium Oecologicum ist ein Angebot für alle Studierenden der Humboldt-Universität, aber auch für andere Berliner Studierende und interessierte Berliner*innen. Um es erfolgreich zu erlangen, müssen 10 LP eingebracht werden. Die Hälfte, also 5 LP, können durch die Ringvorlesung abgedeckt werden. Hier müssen fünf Portfolios zu den Vorlesungen abgegeben werden, außerdem müssen die Teilnehmer*innen ein wissenschaftliches Poster präsentieren. Die weiteren 5 LP können über ein oder mehrere Semester in bestimmten Lehrveranstaltungen gesammelt werden, eine Übersicht dieser Kurse ist im Vorlesungsverzeichnis zu finden. Die 10 LP können berlinweit im überfachlichen Wahlpflichtbereich angerechnet werden.

Die Heilig-Geist-Kapelle war voll besetzt, viele interessierte Studierende mussten stehen oder auf Tischen sitzen.

Nach diesem organisatorischen Input geht Christoph Schneider auf den Klimawandel ein, bereits seit Jahren startet er die Ringvorlesung auf diese Weise. Doch in diesem Jahr gibt es eine Besonderheit: Der Klimawandel ist durch Fridays For Future wieder im öffentlichen Diskurs. Dank des Engagements von Greta Thunberg, Luisa Neubauer und tausender Schüler*innen in Deutschland und der Welt bewegt das Thema viele Menschen. Vielleicht auch deshalb zeigt Schneider das Logo der Scientists for Future. „Die Farben stellen die Temperaturentwicklung der vergangenen Jahre dar“, sagt der Professor. Mehr als 26.000 Wissenschaftler*innen haben sich der Organisation Scientists For Future angeschlossen und bestätigen damit die Forderungen der Kinder und Jugendlichen von Fridays For Future. Schneider fügt hinzu: Bereits 1897 sei der anthropologische Klimawandel klar gewesen. Doch das sei nur die Spitze des Eisbergs.

„Es geht nicht nur um Klimawandel, der homo sapiens verändert den Planeten über weite Strecken“, sagt Schneider und zeigt auf eine Weltkarte über die Entwicklung von Anbauflächen. „Wo kommen wir an die Grenzen des Planeten?“, fragt er. Es folgt ein Exkurs über das Konzept der planetary boundaries, die planetaren Grenzen. Dieses sieht neun verschiedene ökologische Grenzen vor, dessen Überschreitung das Ökosystem und damit die Lebensgrundlage des Menschen gefährden. Fünf davon seien bereits heute überschritten, insbesondere der schnelle Verlust von Biosphäre, also der Artenvielfalt, sei dramatisch. „Der Klimawandel muss immer in den Kontext gesetzt werden“, sagt Schneider.

Während er zunächst die Temperaturkurve der vergangenen 1000 Jahre zeigt, zoomt er in einer Folie auf den Zeitraum von 1860 bis heute. „Die Zeitspanne von 1892 bis 1987 war die Zeitspanne meiner beiden Großväter“, leitet er ein. Dann zeigt er seine eigene Lebensspanne, die 1965 startete. Und die eines typischen Studierenden, der*die 1995 geboren ist. „Wer ein Mal in zehn Jahren über den großen Teich geflogen ist, hat sein CO2-Budget schon verbraucht“, mahnte Schneider. Besonders auffällig: Die Temperaturkurve steigt im gesamten Zeitraum dramatisch, schießt in der nahen Zukunft sogar nach oben. „Die dramatischen Änderungen kommen noch“, sagt er. „Die, die es dann wirklich ausbaden müssen, sind schon da, können auch demonstrieren und tun es zum Glück auch.“

Beim Thema Klimawandel geht es ums Ganze

Im Anschluss geht der Geographie-Professor auf verschiedene Szenarien ein und zeigt verschiedene Temperaturmodelle. „Das Problem ist nicht, dass wir mehr Wohlstand wollen, sondern dass wir Wohlstand über materiellen Besitz definieren“, sagt Schneider. Er spricht über den Club of Rome, über die Great Acceleration und zeigt eine Populationskurve aus einer im Jahr 1972 erschienenen Studie von Dennis L. Meadows, die sehr schnell steigt und irgendwo zwischen 2000 und 2100 abbricht, weil die Ressourcen ausgehen. Die Grenzen des Wachstums heißt diese Studie, sie ging als „Bericht des Club of Rome zur Lage der Menschheit“ in die Geschichte ein. Eine ähnliche Studie kam 2014 zu erschreckend nahen Ergebnissen. „Deshalb haben Schülerinnen das Recht, zu demonstrieren, denn es geht ums Ganze“, sagt Schneider. Es sei ein Muss, die Emissionen zu senken bis ins Negative. Dazu sei ein Kohleausstieg 2038 schlicht und ergreifend zu spät.

Schneider sind besonders zwei Punkte wichtig. Er sieht eine immense Verantwortung an dieser Stelle, auch und vor allem als Deutsche. Und er fordert mehr Radikalität. „Sie müssen radikal werden, denn wenn man einen Ausstieg erst 2038 verhandelt, reicht es einfach nicht“, sagt er und fügt hinzu: „Damit meine ich nicht militant, sondern radikal.“

Als nächstes steht eine Podiumsdiskussion auf der Tagesordnung. Larissa Lachmann vom Nachhaltigkeitsbüro moderiert ein Podium mit Josef Kaiser (Netzwerk n), Tim Kiesler (Demeter Baden-Württemberg), Saskia Peter (BAUM Consult) und Georg Liebig (Umweltpädagoge). Zu Beginn geht es um die Rolle des Studium Oecologicum in der nachhaltigen Transformation. „Wir stecken in einer Sackgasse“, sagt Josef Kaiser und lobt die Fridays-For-Future-Bewegung. „Auch für mich selbst kann ich viel besser zu Entscheidungen stehen, weil das Thema (Klimawandel, Anm. d. Red.) diskutiert wird“, sagt er. Das Studium Oecologicum sei großartig, da es optimale Möglichkeiten biete, um Inhalte und Didaktik zu vermitteln und gemeinsam im Rahmen der Lehrveranstaltung Lösungen zu entwickeln. Besonders wichtig: Das Gefühl vermittelt zu bekommen, dass jede*r etwas ändern könne. „Das ist Bildung, die ansteckt und motiviert“, sagt er. So stecke großes Potential in der Bildung, weil sie Druck macht, ändern müsse es aber die Politik.

Die Transformation kann von der Uni ausgehen

Saskia Petersen sieht Potential in der Universität selbst. „In der Änderung von Gewohnheiten liegt eine große Chance. Menschen kommen neu an die Uni, besonders in Geographieumbrüchen liegen große Chancen für Veränderungen von Gewohnheiten“, sagt sie. Dies betreffe natürlich Mobilitätsfragen, aber auch andere Gewohnheiten wie den Plastikkonsum. „Gewohnheiten ändern sich nur, wenn wir das gemeinsam angehen“, antwortet Georg Liebig. Der Mitinitiator des Nachhaltigkeitsbüros erinnert sich an die Gründung vor sechs Jahren: „Wir waren eine Gemeinschaft, wir waren viele. So entsteht Veränderung“, sagt er. Außerdem sei es sehr wichtig, über Dinge zu sprechen: „Wenn wir darüber reden, kann der Transfer passieren, damit sich unser Verhalten ändert.“

Larissa Lachmann, Saskia Peter, Tim Kiesler, Georg Liebig und Josef Kaiser (von links) diskutierten über Nachhaltigkeit.

Eine große Möglichkeit sieht Saskia Petersen auch in der Vernetzung. „Ihr müsst als Multiplikatoren dienen und euer Wissen nutzen, um Leute außerhalb der Blase anzusprechen, auch bei Partys.“ Tim Kiesler fügt hinzu: „Es wird viel gequatscht, aber nicht viel gemacht. Es braucht Gretas, die auf den Tisch hauen und es muss sich auch was an der Uni ändern“, sagt er.

Mit dem kleinen Finger an der Notbremse

Saskia Petersen erinnert an die Rolle der Strukturen. „Ich sehe an der Uni motivierte Einzelcharaktere. Niemanden in der Verwaltung, aber euch, und das ist ein guter Anfang“, sagt sie. Irgendwann müsse man Strukturen schaffen, Klimakonzepte für nachhaltigen Energieverbrauch konzipieren. „Wir müssen den Bogen spannen von der Lehre in die Verwaltung, wir brauchen konkrete Umsetzungen wie dieses Cluster“, antwortet Josef Kaiser. „Das Gefühl, etwas zu gestalten und zu verändern, ist sehr wichtig“, fügt er hinzu. Einzelne Personen wie Greta würden den Diskurs verändern und letztlich die Notbremse ziehen, oder zumindest beginnen, mit dem kleinen Finger dran zu ziehen. „Ich kann nur daran glauben, was bleibt uns anderes übrig?“, fragt er.

Zwei Publikumsfragen drehen sich um die Wirkung kleiner Handlungen und um die Radikalität. „Wenn jeder nachhaltig transformiert, ist das Ding gelaufen“, sagt Georg Liebig. „Ich bin da immer etwas vorsichtig. Einerseits ja, die Verantwortung ist da, aber letztlich muss sich auch auf der Makroebene etwas verändern“, entgegnet Josef Kaiser. Radikalität hingegen sei wichtig, bei Gewalt höre es allerdings auf. „Schaut, was sich für euch richtig anfühlt. Aber es ist wichtig, dass keine Gräben in der Gesellschaft entstehen, radikal heißt nicht militant“, sagt Georg Liebig. Es sei wichtig, auch den Gegenüber zu verstehen.

Zum Schluss gehen die Diskutanten erneut auf den Gedanken der Transformation ein, bevor es an das Catering-Angebot von The Real Junk Food Project: Berlin geht. „Nutzt die Vorlesung inhaltlich gut und vernetzt euch, bildet Banden und schaut, ob ihr zusammen etwas reißen wollt“, appelliert Georg Liebig. „Ihr seid hier an der Uni und könnt die Uni verändern.“ Dazu passt der Titel der diesjährigen Ringvorlesung: Der Grüne Faden. Die Transformation beginnt.

Ein Einstieg in die Ringvorlesung ist jederzeit möglich, eine AGNES-Anmeldung nicht erforderlich. Die Vorlesungen finden donnerstags statt, regulär von 16 bis 18 Uhr. Veranstaltungsort ist das HU-Gebäude Am Hausvogteiplatz 5-7, Raum 0007. Für die Kosmos-Lesungen gelten andere Zeiten. Alle Infos gibt es im hier verlinkten Programm.

Fotos: Nachhaltigkeitsbüro der Humboldt-Universität zu Berlin

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