Studium auf Rezept

Ein neues Hochschulgesetz in Frankreich sorgt für Proteste

Leere Hörsäle, volle Straßen – in Frankreich herrscht derzeit Ausnahmezustand. Proteste beherrschen die Titelseiten der Zeitungen. Neben zahlreichen Generalstreiks, die sich gegen Macrons angestrebte Liberalisierung der Wirtschaft richten, protestieren viele Studierende gegen eine Hochschulreform, die seit März beschlossene Sache ist.

Im Mittelpunkt der umstrittenen Hochschulreform vom 8. März steht die Neuausrichtung der Studienplatzvergabe. Ein Online-System soll mithilfe eines personalisierten und aufwändigen Auswahlprozesses evaluieren, welches Studienfach am besten zu den Studieninteressierten passt. Eine schriftliche Begründung für zehn Wunschfächer sowie ein Begründungsschreiben der Schule sollen für eine bessere Verteilung der Studienanfänger*innen sorgen. Die endgültige Entscheidung über die Aufnahme der Studierenden in ihr Wunschfach soll bei den Hochschulen liegen. Das stößt auf Widerspruch.

Louise Buffetrille kennt sich aus im französischen Bildungssystem. Sie hat drei Jahre lang in Montpellier studiert und sieht die Entwicklungen kritisch: „Vor der Reform konnten Studierende direkt nach der Schule in die Uni und konnten sicher sein, einen Platz zu bekommen“. Mit dem neuen Gesetz würden die Schüler*innen auf ihre Schulnoten reduziert. In ihren Augen stellt das eine Einschränkung der Bildungsfreiheit dar: „Jede*r sollte ihr oder sein Wunschfach wenigstens ausprobieren dürfen. Jetzt liegt die Entscheidung nicht mehr bei den Schüler*innen.“

Thomas Lehmann hingegen befürwortet das neue Gesetz. Der gebürtige Franzose hat En Marche Berlin mitbegründet und an der Humboldt-Universität studiert. „Die Leute protestieren, weil sie denken, dass das neue Gesetz ein Auswahlverfahren einführt, obwohl das nicht stimmt. Sie sagen, wir haben ein egalitäres System, in dem alle zur Uni gehen können. Fakt ist aber, dass es in Fächern wie Jura zu Überkapazitäten kam.“ Längst nicht alle Studierenden konnten so ihre Wunschfächer belegen.

Lehmann verweist auch auf andere Defizite: „Wir haben in Frankreich eine Durchfallquote von 60 Prozent, weil die Studenten nicht wissen, was das Studium voraussetzt“, so Lehmann. Eine bessere Aufklärung würde die Schüler*innen auf dem Weg in ein erfolgreicheres Studium unterstützen.

Ein Hauch von 68 weht derzeit durch die Straßen von Paris. Buffetrille ging selbst bereits vor zwei Jahren auf die Straße, als Überkapazitäten durch Losverfahren gelöst werden sollten. Sie plädiert für eine demokratische Lösung und beklagt bei den aktuellen Einsätzen das Eingreifen der Polizei: „Sie lösen die Proteste ohne Grund auf, obwohl die Studierenden das Recht haben, zu streiken. Die Polizei startet sehr oft mit Gewalt und manche der Studierenden reagieren dann natürlich auch mit Gewalt.“

Thomas Lehmann sieht das Grundproblem in der politischen Kultur an französischen Unis: „Die studentischen Organisationen in Frankreich sind politischer und organisierter als in Deutschland, die extreme Linke ist auch dahinter“. Er versteht die Proteste als überspitzte Form politischen Aktivismus: „Ich kann die Studenten schwer verstehen, wenn sie nur wegen des Hochschulgesetzes protestieren. Ich glaube, es steckt mehr dahinter.“ Er berichtet von Sachbeschädigungen und dem Verschwinden von Hochschulmaterial in Paris. „Das ist ein sehr aufgeladener Protest, der sich auch nicht lohnt, weil das Gesetz schon beschlossene Sache ist“.

Wie bereits vor knapp 50 Jahren gehen die Studierenden in ganz Frankreich wieder auf die Straße, mitten in der Prüfungsphase werden Unis besetzt. Doch während damals zehntausende Menschen aus Protest den Hörsaal verließen, handelt es sich heute um eine klare Minderheit. „Die Studenten von 68 haben für die Emanzipation des Individuums in der Gesellschaft protestiert und heute sehe ich nur einen politischen Aktivismus, der wenig mit Freiheit zu tun hat“, meint Thomas Lehmann. Louise Buffetrille kritisiert die Medien, die mit 68er-Vergleichen Schlagzeilen machen, anstatt das große Ziel zu beleuchten: Die Bekämpfung des elitären Zwei-Klassen-Bildungssystems – ein Problem, das weit über die Studienplatzvergabe hinausgeht.