Soziale Medien verändern die Art, wie wir studieren. Online-Tools zur gemeinsamen Textbearbeitung oder Recherche kennen und nutzen fast alle. Weniger bekannt ist: Es ändert sich nicht nur, wie, sondern auch, was wir studieren.

Die Informationswissenschaft hat das digitale Zeitalter eingeläutet. Kontextualisiert und verstanden wird es aber in den Geisteswissenschaften. Obwohl kaum eine Epoche je über eine schlüssige Erzählung ihrer selbst verfügte, hat jede ihre eigenen heuristischen Werkzeuge und Artefakte hinterlassen. Beides zusammen macht eine schlüssige Erzählung möglich. Im digitalen Zeitalter sind soziale Medien beides: Artefakt und Werkzeug. Das verändert unsere Forschungslandschaft. “Plattformen wie Facebook, Twitter oder Instagram werden zu Forschungsobjekten und deren Kommunikationsdaten zu Quellen”, sagt Rüdiger Hohls, Historiker an der Humboldt-Universität (HU). “Besser gesagt, in einigen Fächern wie den Politik-, Kultur-, Medien- oder Sozialwissenschaften sind sie das schon längst.”

Hohls ist eine der Schnittstellen zwischen Forschung und sozialen Medien an der HU. Er forscht nicht nur zur Digitalisierung der Geisteswissenschaften, sondern ist auch für das unter Historiker*innen beliebte soziale Fachnetzwerk H/Soz/Kult verantwortlich. Gegenwärtig steht nach Hohls Einschätzung der Werkzeugcharakter sozialer Medien, vor allem als Kommunikationsplattformen, noch im Vordergrund. Bis sie selbst zum Forschungsgegenstand werden, müsse Hohls zufolge noch Zeit vergehen.

“Medialen Nebel und Hypes der Gegenwart müssen sich erst beruhigt haben, damit wir mit zeitlicher Distanz und nüchternem Blick auf Ereignisse und Strukturbrüche schauen können”, sagt Hohls. In der Geschichtswissenschaft könnten dann Techniken wie die automatisierte Vernetzung, wie Facebook sie benutzt, wenn es uns Freund*innen vorschlägt, zum Standard werden. Solche Überlegungen setzen voraus, dass Forscher*innen später Zugriff auf die Big Data Pools der kommerziellen Anbieter haben werden. Ob das so kommt, ist fraglich. Bereits heute stoßen nicht nur Historiker*innen auf Hürden, sobald sie nutzerbezogene Daten aus kommerziellen Erhebungen verwenden wollen. Als Geschäftsgeheimnisse sind solche Erhebungen häufig nur gegen Geld oder gar nicht verfügbar. Anders verhält es sich mit Daten, die im Rahmen nichtkommerzieller Projekte erhoben werden. Das zeigt das Projekt artigo von Hubertus Kohle, Experte für Digitale Kunstgeschichte an der Ludwig- Maximilians-Universität in München. Mit artigo hat er eine Plattform geschaffen, auf der Freiwillige spielerisch Kunstwerke mit Schlagworten (tags) versehen und somit große vernetzte Datenmengen erschaffen, die prinzipiell für alle möglichen Anwendungen bereitstehen. Etwas mehr als zehn Millionen Bilder sind bisher über artigo mit einem beschreibenden Datensatz versehen worden.

Die tags könne man natürlich sehr gut zur Klassifizierung der Kunstwerke verwenden, sagt Kohle. “Allerdings könnte es sinnvoller sein, die Aussagen der Freiwilligen über historische Objekte selbst zu historisieren. Das heißt, es kann untersucht werden, wie sich die Wahrnehmung von Kunstwerken über Jahrzehnte hinweg verändert.”, so Kohle weiter.

Hier tritt der Doppelcharakter sozialer Medien zutage. artigo, als Werkzeug allein, hat enormes Potenzial für die Kunstwissenschaft. Fruchtbar weit darüber hinaus wird es erst, wenn Netzwerk und Nutzer*innentexte in den Mittelpunkt rücken. Soziale Medien werden so zum Artefakt. “Soziale Medien-Plattformen sind als Forschungsprojekt ein riesiges Thema”, sagt Mareike König, Abteilungsleiterin der Digital Humanities am Deutschen Historischen Institut Paris. Über spezialisierte Netzwerke wie artigo hinaus würden Geisteswissenschaftler*innen sich längst zum Beispiel mit der “Extraktion von Meinungen und Gefühlen (sogenannte Sentiment Analysis) in Facebook-Einträgen oder Tweets” beschäftigen.

“Im Bereich der Wissenschaft wird etwa Followerverhalten untersucht, wobei man festgestellt hat, dass sich analoge Hierarchien in den sozialen Medien widerspiegeln: So folgen auf Twitter sehr viel mehr Doktoranden und Post-Docs unilateral Professoren als umgekehrt”, so König. Ob sich aus alledem irgendwann eine schlüssige Erzählung unserer Zeit formen lässt, hängt von einigen Faktoren ab. Dazu gehören der zukünftige Umgang von Politik und Wirtschaft mit dem Rohstoff Daten, vor allem aber die Wandlungsbereitschaft von Universität und Studierenden.