Sind Studierende arm? Die UnAuf hat bei den zwei größten Berliner BAföG-Beratungen nachgefragt. Die sagen: Wer vom BAföG lebt, ist ärmer dran als beim Jobcenter

Als Tobias Roßmann aus dem BAföG rausfiel, schlug er sich eine Weile frustriert mit miesen Jobs durch. „Ich wurde falsch beraten. Mich rauszunehmen, wäre nicht notwendig gewesen“, meint Roßmann heute. Er entschied sich, es besser zu machen, und arbeitet nun selbst seit sechs Jahren als studentischer BAföG-Berater an der Humboldt-Universität.

Die BAföG-Beratung ist Teil der allgemeinen Sozialberatung des Referent_innenrats. Im Erdgeschoß der Monbijoustraße 2b weisen selbst gebastelte bunte Plakate an den Türen den Weg zur jeweiligen Sprechstunde. Anna Ilgert, die gern mal ihren Hund zur Arbeit mitbringt, ist hier ebenfalls BAföG-Beraterin. Sie schätzt die ungezwungene Atmosphäre der Beratungsstelle.

Das System BAföG

Rund 1500 Kommiliton*innen lassen sich jährlich von Ilgert, Roßmann und zwei weiteren Kolleg*innen zum Thema BAföG beraten – Tendenz steigend.

Das Bundesausbildungsförderungsgesetz (BAföG) wurde 1971 eingeführt und verpflichtet den Rechtsstaat dazu, „soziale Unterschiede durch eine differenzierte Sozialordnung (auszugleichen) und durch Gewährung individueller Ausbildungsförderung auf eine berufliche Chancengleichheit hinzuwirken.“

Der aktuellen Rechtsprechung zufolge geht das mit einer Höchstzahlung von 735 Euro im Monat, von der man die Hälfte später zurückzahlen muss – die gesamte Rückzahlungssumme ist auf 10 000 Euro gedeckelt. Die meisten der 556.000 BAföG-Empfänger*innen erhalten 499 Euro im Monat – viele von ihnen gehen einem Nebenjob nach. Wer BAföG erhält, steht nicht nur unter finanziellem Druck, sondern muss auch beim Studium punkten: Kohle gibt es nur gegen genügend Credits. Die Absolvierung des Studiums in Regelstudienzeit wird vom BAföG-Amt vorausgesetzt.

Keine Credits, keine Kohle

„Die BAföG-Verlängerung ist quasi unser Hauptgeschäft“, erzählt Roßmann. „Viele Studis kommen zu uns und haben nach dem vierten Fachsemester die geforderten 120 Credits nicht erreicht. Gemeinsam gehen wir durch, woran das liegen könnte.“ Ilgert wundert sich, wie viele Studierende nicht glauben, dass ihr Anspruch auf BAföG legitim sei: „Viele denken, sie holen sich einen Vorteil. Wir versuchen ihnen dann zu erklären, dass sie sich keinen Vorteil verschaffen, nur weil sie Geld dafür bekommen, dass sie Kinder haben oder chronisch krank sind.“

Roßmann erzählt, dass viele Studis kranker aus seiner Sprechstunde herausgingen, als sie hineingekommen seien. „Einmal war eine Sportstudentin bei mir, die ihre Credits nicht in Regelstudienzeit erreichte. Das BAföG wollte sie rauskicken. Obwohl sie vor zwei Jahren einen schweren Unfall gehabt hatte, ihr Becken genagelt war und deswegen regelmäßig zur Physiotherapie ging, sah sie sich nicht als ‚chronisch krank‘. Genau das wäre allerdings ein triftiger Grund für die Verlängerung des BAföG gewesen, den wir dann auch gemeinsam rausgearbeitet haben“, erklärt Roßmann. Ilgert sieht in solchem Verhalten auch den Leistungsdruck den Gesellschaft und Bachelorstudium aufbauen, am Werk. „Es ist heute unglaublich schwierig sich einzugestehen, dass man nicht perfekt ist und nicht mithalten kann“, erzählt sie.

Der Studi als Sozialfall?

Neben der Tatsache, dass sich Studierende schwer damit tun, nicht ins Hochleistungskonzept Bachelor zu passen, spielt beim Thema BAföG auch die Scham davor eine Rolle, als Sozialfall zu gelten.

Maria Rohde ist seit 2012 Diplom-Sozialarbeiterin und -pädagogin bei der Sozialberatung des Studierendenwerks Berlin. Ihr Büro hat sie im ersten Stock des Studierendenwohnheims am Franz-Mehring-Platz. Hier erinnert alles sehr an einen Arztbesuch. Die gleiche Raufasertapete, die gleiche Einrichtung und dieselben bekannten Boulevardblättchen im Wartezimmer, wo man freundlich gebeten wird, doch bitte noch eine Weile Platz zu nehmen. Den „Patienten“, die hier auf einen Termin warten, bereitet die Gesundheit vielleicht weniger Probleme, doch dafür drückt der Schuh an anderer Stelle.

„Wir beraten Studierende in allen Lebenslagen – aber vor allem zur finanziellen Situation“, erzählt Maria Rohde. „Im Gespräch gehe ich alles Mögliche durch: Unterhalt der Eltern, BAföG, Stipendien, Studienkredite, Sozialleistungen et cetera“, sagt sie.

Ob es Studierenden peinlich sei, die Sozialberatung in Anspruch zu nehmen, vermag Rohde nicht zu beurteilen. Schließlich hätten diese ja bereits eine Hemmschwelle überschritten, bevor sie in der Tür ihres Büros stünden. Vorstellen könne sie es sich aber schon: „Ich habe gerade neulich mit einer Kollegin darüber geredet, dass viele Studenten, die sich bei uns beraten lassen, natürlich nicht als Sozialfall gelten wollen. Das könnte der Name Sozialberatung natürlich implizieren.“ Aber ein anderer Name käme nicht in Frage. Schließlich beschreibe er genau ihre Tätigkeit. Eine generelle Scham wegen der prekären finanziellen Situation sehe sie aber schon, so Rohde.

Das kann Ilgert von der studentischen BAföG-Beratung an der HU nur bestätigen: „Finanzierungsfragen sind sehr essentiell. Wenn‘s da brennt, dann brennt‘s richtig.“ Gefühlt kämen die meisten Studierenden in ihre Beratung, weil sie es von einer „Freundin“ empfohlen bekommen hätten. „Viele fragen uns, ob wir ein geschlossener Raum sind, das heißt, dass die Sachen, die besprochen werden, vertraulich behandelt werden. Das ist natürlich selbstverständlich, aber manche Leute wissen das nicht. Hier hilft es, klar zu kommunizieren, dass wir von der Beratung auch Studierende sind und nichts mit dem BAföG-Amt zu tun haben, sondern eine externe Stelle sind. Das ist eine sehr wichtige Information für die Leute.“

BAföG-Berater*innen fordern mehr Personal  

Die Berater*innen des Studierendenwerkes und der studentischen Sozialberatung wünschen sich ausreichend Zeit, um gut zu beraten. Rohde versucht, sich eine Stunde Zeit für ein Beratungsgespräch zu nehmen. Für eine Komplettberatung sei das auch nötig, doch hätte sie gerne die Möglichkeit, länger und intensiver zu beraten: „Mit vier Kollegen sind wir hier aus- , ja, eigentlich schon überlastet.“ Wegen Zeitmangels und fehlender Erreichbarkeit würden viele Gespräche mit ihr nicht zustande kommen.

Das sei auch der Grund, warum die Sozialberatung außer einigen Vorträgen keine Werbung mache, gesteht Rohde ein. „Wir trauen uns nicht, Werbung zu machen, weil die große Angst besteht, dass wir dann überrannt werden. Ich kann mir nämlich sehr gut vorstellen, sollten wir wirklich Werbung machen, würde unser Angebot viel stärker in Anspruch genommen werden.“

Ilgert und Roßmann überlegen ebenfalls, ihre Werbung einzustellen, damit die Zahlen der Studierenden nicht noch weiter steigen. „Wir haben zwei zusätzliche Stellen beim StuPa angefordert und bewilligt bekommen (Die Mitarbeiter*innen der Sozialberatung des RefRats werden aus dem StudentInnenschaftsbeitrag bezahlt, über dessen Verteilung das Stupa abstimmt. Anm. d. Red). Wir hoffen nun, dass das HU-Präsidium und die Verwaltung die bald bewilligen“, so Roßmann.

Was tut die Politik?

Von Seiten der Politik wünschen sich Ilgert und Roßmann mehr Mut zu strukturellen Reformen. Roßmann hält das BAföG „grundsätzlich für ein gutes System“, es benötige allerdings eine „große Reform“. Der BAföG-Satz sei viel zu niedrig berechnet, meint Roßmann. Für die Kranken- und Pflegeversicherung müsse man in Deutschland mindestens 73 Euro zahlen – der BAföG-Satz liege hier bei 71 Euro. Die günstigste Einzimmerwohnung vom Studierendenwerk koste 290 Euro – BAföG gebe 250 Euro für die Miete. Das sei einfach zu niedrig bemessen. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung lasse außerdem viel zu lange mit der versprochenen BAföG-Erneuerung auf sich warten. Laut Roßmann können Studierende erst zum Wintersemester 2019/20 mit einer Aufstockung des Satzes rechnen.

Maria Rohde vom Studierendenwerk kann die These vom „armen Studierenden“ unterschreiben. „Vergleicht man die Regelsätze, ist der Student, der nur von BAföG lebt, ärmer, als jemand beim Jobcenter“, sagt sie. Doch ganz so schlimm sei es dann doch nicht. Es gehe schließlich um einen überschaubaren Zeitraum: „Ist ein Ende in Sicht, wird die Situation sicherlich nicht immer als so schrecklich empfunden. Aber arm ist der Student schon.“