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Barbylon Berlin

Schon immer zieht das Berliner Nachtleben Menschen aus der ganzen Welt an – mittlerweile auch Investor*innen. Die Mieten steigen, erste Bars kapitulieren. Droht ein Verlust der Kneipenkultur?

„N‘aaabend“ schallt es dröhnend in das Lokal und mit einem Schwall der kalten Winterluft betritt ein Mitte fünfzig-jähriges Paar lächelnd eine Urberliner Eckkneipe an der Weserstraße in Neukölln. Neuer Enthusiasmus durchdringt die Kneipe und die Gäste, die kurz vorher noch müde in ihre halbleeren Biergläser schauten, begrüßen die beiden freudig.  Simone, die Wirtin, die seit mehr als vier Jahren hier arbeitet, umarmt das Paar und macht sich sofort daran zwei kleine Biergläser zu befüllen, während sie sich nach dem Wohlbefinden der Neuankömmlinge erkundet. Man kennt sich. 

Szenenwechsel: Ein dünner, trüber Lichtschein fällt auf eine Flasche Berliner Pilsner, die auf einem abgewetzten Tisch Marke Flohmarkt steht. Auf der Karte beginnen die Cocktails bei 8,50 Euro, im Hintergrund brummt ein Stimmengewirr aus Englisch und Deutsch. Hier, im Prenzlauer Berg, unweit des Mauerparks, ist manches anders: Kneipen heißen hier Bar oder Lounge und in dieser wird man das Gefühl nicht los, einer Galerieeröffnung beizuwohnen. Die jungen Gäste sind auffallend modisch gekleidet, vereinzelt stehen Tische um einen weiß getünchten Flur herum; die Wände sind nackt. Die Einrichtung hat provisorischen Charakter. Nur wenige Gäste kennen sich. Auch die Barkeeperin, die erst seit einigen Monaten hier arbeitet, gibt zu, dass es hier nur wenige Stammkunden gebe, an deren Gesichter oder Namen sie sich erinnern könne. Kommunikation mit Gästen laufe größtenteils über Getränkebestellungen. 

Viele Kollegen sind “kaputtgegangen”

Die heterogene Barkultur gehört zu den urbanen Besonderheiten unserer Hauptstadt. Das Bewertungsportal Yelp listet derzeit 5042 Treffer für Bars im Raum Berlin auf. Für jeden Geschmack scheint etwas dabei zu sein: Da ist die rustikale Metallbar, die urige Eckkneipe in dritter Generation, die von einem DJ live bespielte Szenebar, der illustre Studierendentreff oder die glanzvolle Lounge über den Dächern der Hauptstadt. Schon lange zieht das Berliner Nachtleben Menschen aus Deutschland und der ganzen Welt an. Der Hype ist eigentlich eine Chance für die Betreiber*innen: Mehr Menschen bedeuten mehr Gäste und somit auch mehr Umsatz. Doch wird dieser Boom für viele Alteingesessene, insbesondere in beliebten Bezirken, allmählich zu einem Problem. 

Im Neuköllner Kiez um Simones Kneipe sind laut Berliner Wohnungsmarktreporten die Mieten seit 2009 durchschnittlich um 76 Prozent gestiegen. Viele Wirt*innen stehen finanziell unter Druck. Einerseits wollen sie ihre Preise nicht erhöhen und dadurch Stammkunden verlieren, andererseits fürchten sie, besser zahlenden Nachmieter*innen weichen zu müssen. Eine bedenkliche Entwicklung, die vor allem alteingesessene Lokale trifft. Setzen sich nur die umsatzstärksten Bars und Konzepte durch, werden insbesondere Menschen mit geringem Einkommen, wie Studierende das Bier nicht mehr in der Eckkneipe genießen können, sondern mit dem Kasten auf die Couch verbannt. Vorausgesetzt sie finden eine Wohnung.

Viele ehemalige Kolleg*innen „sind kaputtgegangen“, sagt Simone und schenkt dabei einen Pfefferminzschnaps ein. Gegen den Zuzug von Studierenden in Neukölln habe sie jedoch nichts. Im Gegenteil, „Studenten waren ja schon immer hier“, sie freut sich über die neuen Gesichter, die am Wochenende ihre Bar besuchen und auch mit ihren Stammgästen ins Gespräch kommen. Der Ansturm von Tourist*innen macht der Wirtin jedoch zu schaffen. „Da kommst du dir vor wie im Zoo“, gesteht sie. „Die wollen hier gar nicht sitzen, sondern ihre Zigaretten in irgendwelchen Schmuddelkerzen ausdrücken.“ Dabei deutet sie erregt auf den Tresen und die Tische vor ihr, als wolle sie sagen, seht her, es ist hell und sauber bei mir. Warum viele junge Leute lieber ein paar Euro mehr für das Bier ausgeben, um in einer abgedunkelten Bar zu sitzen, versteht sie nicht. „Es wird keine Kiezkneipe mehr geben, wenn dieser Trend weitergeht“, schließt Sabine resigniert. 

Henrik, ein Schriftsteller aus Amsterdam, lebt seit Kurzem in Berlin und jobbt in einer Bar am Oranienplatz. Er erzählt, dass seine Heimatstadt schon seit Längerem vor den gleichen Problemen wie Berlin stehe: Der Immobilienkauf durch Investoren nehme zu, die Mieten würden teurer, viele Wohnungen und Gebäude nur noch an die Zahlungskräftigsten vermietet oder als Geldanlage genutzt. Immer mehr Anwohner und lokale Betreiber seien so aus Amsterdam verdrängt worden. Dies sei einer der Gründe, warum er ursprünglich nach Berlin gekommen sei, doch die aktuelle Situation betrachte er mit Sorge.

Nach Informationen der ZEIT landet Berlin auf dem ersten Platz der beliebtesten Investitionsziele für ausländische Immobilien-Kapitalgeber in Deutschland. Und während die Mieten stetig steigen, sinkt der Anteil an günstigen Wohn- und Gewerbeflächen. Der Stadt gelingt es nicht, die Bedarfslücke zu füllen. Gab es 2005 noch knapp über 200 000 Sozialwohnungen, hat sich die Zahl bis heute auf rund 100 000 beinahe halbiert. Nicht nur Anwohner*innen werden aus ihren Wohnungen und ihrem sozialem Umfeld verdrängt. Auch Bars verlieren ihr Publikum und sind den steigenden Mieten ausgeliefert. Dem Hotel- und Gaststättenverband Berlin zufolge waren es 2017 bereits 400 Schankwirtschaften, die in den letzten fünf Jahren schließen mussten. Der öffentliche Raum verändert sein Gesicht. 

Inklusion statt Exklusion

Beim populären Barhopping geht es beispielsweise nicht mehr um die Bindung und Nähe zum eigenen Kiez. Es ist vielmehr Ausruck einer Entwicklung, die Lokalitäten als Event konzipiert. Bars werden konsumiert,  wie Fahrgeschäfte in Freizeitparks – ebenjene Bindung und Nähe zum Kiez und seinen Bewohner*innen geht verloren. Bars, an deren verschlossenen Türen erst geklingelt werden muss, ehe Türsteher*innen prüfen, ob Einlass gewährt wird, schotten sich in eine Blase ab, zu der ein exklusiver Zugang herrscht. 

Das Wort Kneipe kommt etymologisch aus dem Mittelhochdeutschen und bedeutet Zusammendrücken. Eine Kneipe schafft allerdings nicht nur physische, sondern auch soziale Nähe. Die verschiedenen Milieus – vom Arbeitenden bis zum Studierenden und (Klein-)künstler*innen – begegnen sich. Selbst wenn sich nicht immer miteinander unterhalten wird, nehmen sie sich gegenseitig im öffentlichen und sozialen Raum wahr und bekommen ein Gespür für die Existenz und das Leben der anderen. 

Bars sind Orte der Ein- und Abkehr, der Erholung von stressigen Tagen und für viele Arbeitende die Eingangspforte in das heiß ersehnte Wochenende. Neben Restaurants sind es vor allem Bars, die eine Gegend mit Leben füllen. Hier wird gequatscht, geflirtet, gestritten und gelacht. Man philosophiert von links nach rechts, von Aristoteles bis Žižek. Eigentlich sind Bars das Facebook, Tinder und Reddit des Vor-Internet-Zeitalters: Fremde werden Freunde oder auch nicht – anything goes. Kneipen und Bars können einer gesellschaftlichen Polarisierung entgegenwirken und uns gleichzeitig vom Druck des alltäglichen Lebens entlasten. Sie schaffen Räume, in denen der Einzelne durch Kommunikation mit unterschiedlichen Individuen sich selbst erfährt, wandelbar wird und den Anderen wahrnimmt. Soziokulturelle und ökonomische Mauern können aufgehoben werden und formen so das Fundament für einen milieuübergreifenden Austausch. Ein Plädoyer für eine egalitäre und freie Barkultur ist auch ein Plädoyer für den Erhalt einer solidarischen und selbstbestimmten Stadt. Frei nach Goethe: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein.”

 

Autoren: Max Skowronek & Felix Ferlemann