Von der Relativität der 7 Minuten

 

In Zeiten von Tinder sind sieben Minuten echtes Interesse geradezu ein Bekenntnis, stelle ich fest, als ich mit einem flatternden Gefühl im Bauch meinen Begrüßungsdrink herunterkippe. Dieses Speed Dating Treffen, das mir gegen 18,50€ die wahre Liebe und einen Cocktail inklusive verspricht, habe ich schließlich auf einer seriösen Website gebucht. Online wirbt sie mit Empfehlungen von RTL — Speed Dating ist auch nur ein Kind der Popkultur. In dem eigens angemieteten Hinterraum eines italienischen Restaurants warte ich mit neun anderen Singles im Alter von 20 bis 35 auf weitere Anleitungen. „Die Methode wurde Ende der 1990er Jahre in den USA entwickelt“, erzählt uns Nadja, eine der beiden Moderator*Innen. Ihr männlicher Kollege ergänzt: „Im Rahmen der Partnersuche geben wir Euch die Möglichkeit innerhalb von sieben Minuten euren potenziellen Partner in einem lockeren Flirt-Gespräch kennenzulernen.“ Der Clou daran sei, dass es sich um eine reine Kontaktplattform ohne vordergründig sexuelle Absichten handele. Die Teilnehmer*Innen wirken gegenüber diesen beiden so harmonierenden Arbeitskollegen wie verzweifelte Eremiten, deren Wunsch nach Zweisamkeit sie bis hierher getrieben hat. Als es ans Dating geht, sollen wir folgende Regeln einhalten: Nur Vornamen nennen, kein Smalltalk, bitte abstrakte Fragen stellen und nicht allzu persönlich werden. Ganz unpersönlich lerne ich nun der Reihe nach fünf Männer kennen. Mit Thomas mache ich mich über die Situation lustig; Lukas fragt mich nach meiner Lieblingsblume und ich Simon nach seinem liebsten Disney-Film; Jan und ich erörtern die Zukunft des Bio-Marktes und Jochen erzählt mir, dass er schon zum dritten Mal bei einem Speed Dating dabei ist. Die Ehrlichkeit, mit der hier viele nach echten Gefühlen suchen, rührt mich zutiefst. Als letzte Anweisung wird uns aufgetragen, Zuhause über unseren Online Account Sympathiepunkte zu vergeben; wer sich ähnlich hoch bewertet, kann danach in digitalen Kontakt treten. Damit ist der Spaß nach einer knappen Stunde vorbei und die Noch-Singles gehen alleine ihres Weges. Was bleibt, ist das Bedürfnis, eine Persönlichkeit wahrzunehmen und nicht nur angenehme Unterhaltungen zu führen. Liebe muss authentisch sein; in meiner Stammkneipe ohne Sperrstunde und Zeit bis zum Morgengrauen ist sie das vielleicht eher.