Berlinale_PosterWenn in Berlin heimische Personen oder kundige Besucher*innen ein Plakat der diesjährigen Berlinale sehen, erinnert sie das Werbemotiv an eine der fragwürdigsten architektonischen Leistungen Berlins: die riesenhaft anmutende Unterführung der Charlottenburger Messekreuzung im viel kritisierten Stil der 70er Jahre. Ein absolut unwirtlicher Ort, den alle Kenner*innen meiden. Charakteristika des Bauwerkes sind arg in ihren Funktionen eingeschränkte Aufzüge und Rolltreppen, eine schummrige Beleuchtung, sowie ein im gesamten Gebäude gegenwärtiger beißender Uringeruch. Erfahrene Menschen laufen lieber unter Lebensgefahr über die starkbefahrenen vier Spuren, als sich diesem Bauwerk auszusetzen. Im Herbst weht es die Blätter in dieses in knalligem orange gekachelte Loch, wo sie scheinbar auch bis zu ihrem Zerfall liegen bleiben. Aus einem slowakischen Dorf stammende Bettler haben dort seit längerer Zeit in großer Zahl ihr Quartier. Was treibt also die von den Internationalen Filmfestspielen beauftragte Agentur dazu, ausgerechnet dieses Motiv zur Umgebung des Werbebären zu machen? Ist es ein missglückter Versuch, in den Alltag der Berliner*innen einzudringen? Wollten sie schlicht und einfach dem Braunbären ein würdiges Zuhause in diesem finsteren Wald von Säulen geben? Wollten sie zur glamourösen, geradezu künstlich erscheinenden Parallelwelt rund um den roten Teppich am Potsdamer Platz bewusst einen Gegenpol, der das reale Berlin zeigt, bieten? Aber warum fehlen dann die Obdachlosen und ihre Schlafsäcke, die leider durchaus stadtbildprägend sind? Seit Jennifer Lawrence dort für eine Szene in „Tribute von Panem 2“ in die Knie gehen musste, dürfte es in dieser Bärenhöhle nicht gerade steriler geworden sein. Aber vielleicht hat das Motiv auch etwas anderes erreicht: So hell erstrahlt ist die Welt dort unten für gewöhnlich das ganze Jahr nicht.

Plakat: Velvet Creative Office © Internationale Filmfestspiele Berlin