Am vergangenen Donnerstag feierten Die NSU-Monologe im Heimathafen Neukölln Premiere. Dokumentarisches Theater, order  das berührt – doch reicht die bloße Emotionalisierung für eine Auseinandersetzung mit dem NSU-Skandal aus?

Am Eingang ein Sicherheitsmann, order  neben der Kasse Broschüren zu Rechtsextremismus, auf dem Plakat eine demonstrierende Menschenmenge. Bereits beim Betreten des Heimathafen Neukölln ist klar: L’art pour l’art wird es während dieser Uraufführung nicht zu sehen geben. Die NSU-Monologe, eine Produktion des Theaterkollektiv „Bühne für Menschenrechte“, haben den Anspruch, politisch zu sein. Dafür bedienen sie sich weder jener dramaturgischen Metaphern noch der semantischen Doppelbödigkeit, in die sich das zeitgenössische Theater vielfach und bisweilen selbstgefällig verstrickt. Die NSU-Monologe gleichen deshalb eher auf die Bühne gebrachtem Journalismus mit dokumentarischem Anspruch als einem typischen Theaterstück. Szenenbild, Maske oder Kostüme gibt es nicht, die vier Schauspieler stehen den ganzen Abend hindurch am gleichen Fleck und sprechen in ihre Mikrophone, während Cello und Klavier im Hintergrund musikalische Impulse geben. Vorgetragen werden Ausschnitte der Interviews, die das Produzententeam mit den Ehefrauen von Enver Simsek und Mehmet Kubasik führen durfte, das Skript für die Eltern Halit Yozgats basiert auf Quellen aus deren privatem Umfeld. Simsek, Kubasik und Yozgat wurden in den Jahren 2000 bis 2006 von der rechtsextremen Gruppe, die sich selbst als „Nationalsozialistischer Untergrund“ betitelte, erschossen.

Einleitend betonen die Organisatoren, dass es sich um wortwörtliches Theater handle, der Bühnentext den Aussagen der Angehörigen also direkt entspreche. Die politische Agenda der Bühne für Menschenrechte ist dennoch klar erkennbar, denn durch die thematische Gruppierung des Inhalts werden Zusammenhänge gezogen und Schwerpunkte gesetzt: Das Leben in der Türkei, Anekdoten aus dem Alltag mit dem Ermordeten, der Anschlag selbst, besonders eindringlich die Ermittlungen und Verdächtigungen in der Zeit danach. Die Angehörigen prangern das Verhalten der Ermittler an und werfen ihnen vor, dem Verdacht auf einen fremdenfeindlichen Hintergrund nicht nachgegangen zu sein, während die Familien selbst mit Schuldvorwürfen belastet wurden. Das Stück problematisiert somit nicht nur Rassismus in seiner extremen und gewaltvollen Form, sondern hält zudem Gesellschaft und Behörden Stigmatisierung und vorschnelle Verurteilung vor. An dieser Stelle misslingt den NSU-Monologen die Gratwanderung zwischen Empathie und undifferenzierter Emotionalisierung. Schimpftiraden über namentlich genannte Ermittler sind angesichts der Umstände zwar verständlich. Auf diese Weise jedoch die kommentarlose Verselbstständigung einer subjektiven Wahrnehmung zum exemplarischen Beispiel zuzulassen, erscheint ebenso vorschnell. Weil das Stück die NSU-Morde als Symptom gesellschaftlicher Umstände versteht, ist überhaupt fraglich, ob eine Historiographie der Ereignisse ausschließlich aus Opferperspektive möglich ist. Polizisten, Anwälte, Nachbarn – sie alle werden zwar kritisch erwähnt, das Wort gewährt man ihnen jedoch nicht. Eine Berücksichtigung anderer, mitunter abweichender Perspektiven, hätte dem Stück eine Tiefe verliehen, die man nunmehr vermisst. Anstatt in Mitleid zu verharren, wäre der Zuschauer so vielleicht in bester Theatermanier zur Auseinandersetzung mit dem eigenen gesellschaftlichen Gewissen auf emotionaler und intellektueller Ebene angeregt worden.

Zaghafte Standing Ovations gönnt der Saal den NSU-Monologen am Ende dennoch. Doch wofür wird geklatscht und gestanden? Sicherlich für das Engagement der Bühne für Menschenrechte, den Einsatz der Schauspieler, den Mut der interviewten Angehörigen. Dass das junge Publikum sich auch ein Stück weit die Schuldgefühle von der Seele klatscht, dieses Gefühl wird man dennoch nicht los.

Die NSU-Monologe / NSU-Monologlari. Informationen zu weiteren Aufführungen sowohl auf deutsch als auch auf türkisch findet ihr auf heimathafen-neukoelln.de. Der Eintritt beträgt 15€, ermäßigt 10€ an AK und im VVK (zzgl. VVK-Gebühr).

Von Luise Mörke