closeDurch die Neugestaltung unserer Seite im April 2014 werden alte Artikel nicht immer korrekt dargestellt. Wir bitten Fehler bei Bildern, Autoren und der Formatierung zu entschuldigen.

 Links Marius Stolz und rechts Arne Fleckenstein vom YouTube-Kanal „Was geht ab?!“ | Foto: privat

Marius Stolz und Arne Fleckenstein sind Redakteure des YouTube-Netzwerks Mediakraft und produzieren täglich Videos für den hauseigenen Nachrichtenkanal. Mit der UnAuf sprachen sie über ihren Heimvorteil, case gute Kommentare und die Zukunft vom Online-Videojournalismus.

UnAuf: Vor zwei Jahren wurde „Was geht ab?!“ gegründet. Wie kam es zu der Idee, einen netzwerkeigenen Newskanal zu schaffen?

Marius Stolz: Die Hauptintention von Mediakraft war es, ein größeres Angebot im Bereich Bildung zu schaffen und Nachrichten zu verbreiten.

Arne Fleckenstein: Vorher gab es kaum etwas in die Richtung, insbesondere nicht von Leuten produziert, die direkt von YouTube aus kommen. Das Problem ist: Unsere Zielgruppe der 12- bis 20-jährigen erreicht man mittlerweile auch im Fernsehen nicht mehr gut, im Print schon lange nicht mehr. Wenn wir die noch mit Informationen zu politischen Inhalten versorgen wollen, dann müssen wir dahin gehen, wo sie sind – und das ist YouTube. Außerdem können wir dort mit relativ wenig Aufwand täglich zwei Videos hochladen. Das ist auch die Idee hinter dem Kanal: Etwas zu liefern, was bisher es bisher noch nicht gab, aber sehr wichtig ist – nämlich Nachrichten für junge Leute.

UnAuf: Auch die „klassischen“ Nachrichtenanbieter wie etwa die Tagesschau ziehen mit eigenen Online-Angeboten nach. Wie unterscheidet ihr Euch davon?

Marius Stolz: Wir sind schon in der Welt zu Hause, an die die sich erstmal gewöhnen müssen. Das ist ein großer Vorteil. Den klassischen Medien fehlt da der direkte Bezug zu den potentiellen Zuschauern. Ein Fernsehsender kommt immer von außen dazu und hat dadurch eine ganz andere Wirkung. Wir haben zwar von der klassischen Fernsehwelt wenig Ahnung, aber wir wissen, wie unsere Plattform und die Community funktionieren. Außerdem bieten wir Themen, die in den klassischen Medien keine große Rolle spielen, aber für unsere Zuschauer wichtig sind.

UnAuf: Wie wählt Ihr eure Themen aus?

Marius Stolz: Das ist eine Mischung aus eigenem Interesse und dem, was die Community nachfragt. Wir Produzenten konsumieren ja auch die „normalen“ Medien. Wenn wir dann über bestimmte Themen nicht viel mitbekommen, fragen wir uns oft: „Was ist da eigentlich genau los?“ Da wird die Recherche dann auch ein bisschen intensiver und aufwendiger.

Arne Fleckenstein: Wir sind weniger investigativ unterwegs, sondern übernehmen das Vorselektieren aus den diversen Nachrichtenquellen, in denen wir recherchieren. Unser Job ist es, die Komplexität zu reduzieren und Informationen verständlich und interessant zu präsentieren.

UnAuf: Besteht in Eurer Zielgruppe kein Interesse mehr daran, sich über die klassischen Kanäle zu informieren?

Marius Stolz: Ich denke, dass der Wechsel von älteren zu neueren Informationsmedien, also von Print zu Online, ein ganz natürlicher Prozess ist. Verändert hat sich vor allem der Kontakt zu den Nutzern – je direkter der ist, desto schneller und genauer erfährt man, was das Publikum interessiert. Und das beeinflusst dann natürlich die Themenlage. Schnelles Feedback und Flexibilität sind das Neue und Attraktive am Internet-Journalismus. Ob hingegen ein bestimmter Zeitungsartikel auch wirklich gelesen wird, das erfährt der Redakteur nicht direkt. Gleiches gilt für Radio und Fernsehen.

Arne Fleckenstein: Außerdem gibt es eine riesige Auswahl an Nachrichten. Und während in Zeitungen dann gewissermaßen das ganze Programm vorgeschrieben ist, kann man sich bei uns die Themen herauspicken, die einen wirklich interessieren.

UnAuf: Wie eng ist Euer Kontakt zur Community? Und was landet in den Kommentarspalten?

Arne Fleckenstein: Als ein Kumpel aus der Fernsehwelt zum ersten Mal unsere Kommentare gelesen hat, war er sehr überrascht davon, wie positiv die sind. Da es bei uns mehr um Inhalte als um Persönlichkeiten geht, tauschen sich die Leute – trotz teilweise heftiger Wortwahl – primär über die Nachrichten aus. Natürlich gibt es auch viele, die unsere Videos nur passiv konsumieren. Aber eben auch solche, die sich vorher schon mit den Themen beschäftigt haben, richtig mitdenken und sofort dazwischengrätschen, wenn wir etwas ungenau waren. Besonders gilt das für tagesaktuelle Themen.

Marius Stolz: Möchte man YouTube und Fernsehen vergleichen, muss man sagen, dass wir kein klassisches Lean-back-Medium sind, in dem nur in eine Richtung konsumiert wird. Zusätzlich zum Inhalt in Videoform gibt es eine Diskussion, an der man sich beteiligen kann. So haben wir einen aktiven Austausch und direktes Feedback – viel direkter als es zum Beispiel über Leserbriefe je sein könnte. Das ist unsere wichtigste Kontaktstelle zur Community. Denn wenn man direkt kommentieren kann und schnell eine Antwort erhält, dann fühlt man sich unmittelbar als Teil des Ganzen.

UnAuf: Zwischen Februar und Oktober letzten Jahres sind Eure Aufrufzahlen trotzdem von rund vier Millionen auf etwas über zwei Millionen gesunken. Wie erklärt Ihr Euch das?

Arne Fleckenstein: Der Kanal ist mit großen Persönlichkeiten gestartet, deren eigene Kanäle sehr bekannt sind und die allein durch ihren Namen und weniger über Inhalte für Aufmerksamkeit gesorgt haben. Im letzten Jahr haben wir einen Prozess durchgemacht, in dem Moderatoren und Zuschauer, die nur wegen des Namens hier waren, abgesprungen sind. Aber diejenigen, die wegen der Inhalte da waren, sind geblieben. Die Aufrufzahlen für Nachrichten sind leider in keinem Medium vergleichbar mit denen für Entertainment-Themen. Gerade auf YouTube ist der News- beziehungsweise Informationsanteil gegenüber Gaming-Kanälen oder V-Logs immer noch verschwindend klein und wächst auch nur sehr langsam.

UnAuf: Glaubt Ihr, YouTube wird sich als anerkanntes und seriöses Informationsmedium etablieren?

Arne Fleckenstein: Das wäre natürlich schön. Wobei man auf lange Sicht vielleicht eher von Webvideo generell sprechen sollte. Momentan ist YouTube der „Place to be“, aber vielleicht entwickelt sich ja nochmal eine neue Plattform. Wir würden uns das natürlich wünschen, denn in journalistischen Kreisen werden wir häufig nicht ernst genommen. Anscheinend ist es in Deutschland so, dass man irgendetwas schreiben muss, um seriös zu sein. Die Qualität des Inhalts scheint dabei gar keine Rolle zu spielen. Da viele von YouTube keine ernsthaften journalistischen Beiträge erwarten, nehmen sie die Videos dann auch nicht ernst. Das ist aber, wenn man sich in Ruhe damit auseinandersetzt, unsinnig und ändert sich langsam auch. Es kommen immer mehr gute und sehr gute Informationsangebote dazu. Irgendwann werden die Menschen das auch realisieren.

UnAuf: Wie geht es mit „Was geht ab?!“ weiter?

Marius Stolz: Wir haben angefangen, Nachrichten auch auf anderen Onlineplattformen wie Instagram und Twitter zu bringen, um unsere Zielgruppe noch besser zu erreichen und aktuell zu bleiben. Snapchat haben wir schon mit ganz guten Ergebnissen ausprobiert, auch ein Livestream wäre sicher interessant für uns. Grundsätzlich experimentieren wir mit allem, was das Netz so hergibt. Wir schauen quasi einfach, was kommt, und stellen uns dann darauf ein. Ein fester Zeitplan hilft uns da nicht weiter. Unser übergeordnetes Ziel bleibt es, die Zielgruppe mit Informationen zu erreichen. Auf welchem Kanal das letztendlich passieren wird, entscheidet die Community. Wir bleiben flexibel.

 

In der aktuellen UnAufgefordert (Heft 231) geht es um Medienkritik und den Vorwurf der Lügenpresse. Dieses Interview ist im Rahmen des Artikel „Medien im Kreuzfeuer“ entstanden.