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Professor Herfried Münkler ist in politischen Talk-Runden gern gesehener Gast | © Heinrich Böll Stiftung / Stephan Röhl

 

Ist Herfried Münkler ein Sexist, click  Militarist und Wessi-Chauvinist? Seit dem anonymen Blog „Münkler-Watch“ ist die Vorlesung des Politikwissenschaftlers in aller Munde. Unser Autor besucht die Veranstaltung wöchentlich und findet: Mehr Diskussion zwischen Professor und Studierenden ist nötig.

Klickt man sich durch die Seiten von “Münkler-Watch” oder resümiert die Kommentare der großen deutschen Presseorgane, sick so begegnen einem in regelmäßigen Abständen dieselben prägnanten Begriffe: Sexismus, ask Militarismus, Wessi-Chauvinismus. Das sind die Anschuldigungen, mit denen sich Herfried Münkler dieser Tage konfrontiert sieht. Aber sind sie berechtigt?
Angesichts des Mangels an Anhaltspunkten für Münklers Schuld kommentiert Anja Kühne vom Tagesspiegel im Anschluss an die vergangene Vorlesung: “Für „Münkler-Watch“ war es kein guter Tag“. Und auch Nils Markwardt bemerkt in seinem Beitrag auf Zeit Online, dass die Blogger von „Münkler-Watch“ die Vorwürfe „schlichtweg nicht belegen“ können.
Als Hörer der Vorlesung „Politische Theorie und Ideengeschichte“ und jüngst aufmerksam gewordener Leser des besagten Blogs kann ich diesen Eindruck bestätigen. Klar, Münkler tritt nicht explizit für eine Aufhebung von Geschlechterstigmatisierungen ein, äußert sich aber in keiner Weise diskriminierend gegenüber einem bestimmten Geschlecht. Ein Beispiel auf „Münkler-Watch“, das den Professor als Sexist outen soll, ist seine Thematisierung der „Trosshuren“, die im Mittelalter für die „sexuelle Versorgung“ der Landsknechte zuständig waren. Die Blogger nehmen scheinbar Anstoß daran, dass Münkler solche Inhaltspunkte nicht direkt im Anschluss als böse Relikte längst vergangener Zeit brandmarkt. Eine solche sachliche Auseinandersetzung mit geschichtlichen Tatsachen kann wohl kaum Rückschluss auf die persönliche Haltung des Wissenschaftlers geben.

Auch in Sachen Militarismus und Wessi-Chauvinismus gelingt es nicht, stichhaltige Beweise zu liefern. So drängt sich der Eindruck auf, dass die Blogger den ihnen verhassten, konservativen Professor mit Hilfe aus dem Kontext gerissener Zitate zu diffamieren versuchen, um auf eigene Inhalte aufmerksam zu machen. Das gleicht, wie es wiederum Nils Markwardt charakterisiert, einer „roten Parodie des Schwarzen Kanals“, die in diesem Fall freilich nicht die Regeln fairen politischen Diskurses einhält.

Dabei wäre es durchaus interessant gewesen, sich verstärkt mit den Positionen, die Münkler in regelmäßigen Abständen in der Öffentlichkeit zum Besten gibt, auseinanderzusetzen. Denn aus diversen Interviews, Vorträgen und Artikeln ergibt sich ein recht umfassendes Bild seiner politischen Standpunkte:
So argumentiert Münkler im Rahmen der vom Auswärtigen Amt initiierten Kampagne Review 2014 – Außenpolitik Weiter Denken für seine Auffassung, Deutschland solle offen zu seinen (ökonomischen) Interessen stehen, um die Diskrepanz zwischen öffentlicher Darstellung und real verfolgter Politik zu überbrücken. Was zunächst als Appell zu politischer Aufrichtigkeit wirkt, entpuppt sich als Aufruf zu militärischen Interventionen, sollte es notwendig sein auf diesem Terrain die eigenen Interessen zu verteidigen. „Deutsche Interessen“ müssten dabei stetig gegen die „eigenen Werte“ abgewägt werden.
Im selben Atemzug betitelt Münkler die „gewaltigen Flüchtlingsströme“ als „die größte sicherheitspolitische Herausforderung des 21. Jahrhunderts“. Wegen der „Überforderung sozialer Sicherungssysteme der europäischen Staaten“ und der damit einhergehenden Infragestellung der „sozialen Ordnung“ seien sie der „wirtschaftlichen Prosperität Europas“ abträglich. Das soll nicht missverstanden werden. Herfried Münkler ist deshalb noch lange kein Rechtspopulist. Aber es stellt sich die Frage: Wie möchte Münkler verstanden werden, wenn er feststellt, dass Europa „infolge seiner Wertbindungen nicht in der Lage“ sei, „diese Flüchtlingsströme an seinen Grenzen zu stoppen und zurückzuweisen, wie man dies bei einem militärischen Angriff versuchen würde“? Wie hat man sich unter diesen Vorzeichen eine von Münkler propagierte „präventive bzw. präemptive Stabilisierungspolitik in der europäischen Peripherie“ vorzustellen? Jedenfalls scheint Münkler, der im Beirat der Bundesakademie für Sicherheitspolitik sitzt, keine generelle Abneigung gegen militärische Interventionen zu haben. Bei einem Vortrag in der Heinrich-Böll-Stiftung bezeichnet er Drohnen und Giftgas als „humane Waffen“, mit der Begründung, diese würden weniger Opfer als konventionelle Waffen fordern. Drohnen und Giftgas seien typische Repräsentanten des „postheroischen Zeitalters“, in dem nicht mehr „Mann gegen Mann“ zu Felde gezogen würde, sondern ganz andere Formen der Kriegsführung die Oberhand gewonnen hätten. Drohnen-Kritiker werden von Münkler als „Anhänger des heroischen Zeitalters“ bezeichnet, die sich „nostalgisch“ nach alten Zeiten sehnen würden. Auch nach mehrfacher, skeptischer Prüfung des Redetextes bleibt Münklers absurde Unterstellung bestehen. Wie kann ein sonst so differenzierter Professor eine solche Auffassung vertreten? Wie plausibel erscheint es, dass das Hauptanliegen eines Drohnen-Kritikers die Renaissance heroischer, martialischer Zeiten ist?

Ähnlich kontrovers ist Münklers neuestes Buch „Macht in der Mitte“. Darin fordert er das „zur Zentralmacht Europas gewordene Deutschland“ dazu auf, „die ihm zugefallene Rolle auch zu spielen“. Was das bedeutet? „Die Europäer auf eine gemeinsame Linie zu bringen“ und „Europa zusammenzuhalten“. Im Duden findet man unter „Chauvinismus“: „den Glauben an die Überlegenheit der eigenen Gruppe“. Gepaart mit Münklers Vorstellung von Deutschlands Aufgabe in Europa und der Betonung deutscher Interessen, liegt der erhobene Vorwurf des „Wessi-Chauvinismus“ (freilich in einem entscheidend anderen Kontext) nicht fern.
Deutschland als Steuerungsmacht in Europa – diese Auffassung kann mit guten Gründen kritisiert werden. Denn sie steht im krassen Kontrast zur Auffassung der Europäischen Union als demokratisches Gemeinschaftsprojekt. Ein Projekt also, das ohne die Einbeziehung aller europäischen Bürgerinnen und Bürger kein solches wäre. Versuche, das europäische Projekt zum Elitenprojekt und zur reinen Interessenvertretung reicher europäischer Staaten zu degradieren, erfordern eine entschieden kritische Auseinandersetzung.

Ein anderer Vorwurf von „Münkler-Watch“ hat in der medialen Rezeption des Blogs leider wenig Aufsehen erregt: Münkler machte gleich in der Einführungsvorlesung des Sommersemesters klar, dass seine Vorlesung keinen Raum für Diskussion biete.
Im Medientrubel der letzten Wochen wurde also ein wichtiges Detail vernachlässigt, ohne das die gesamte mediale Arbeit gar nicht möglich wäre: Die offene Diskussion, als Mittel der freien politischen Meinungsäußerung. Hätte es diese von Anfang an gegeben, so wäre uns der ein oder andere Skandal um „Münkler-Watch“ erspart geblieben und man hätte sich schon frühzeitiger mit Inhalten befassen können. Inhalte, die durchaus diskutabel sind.
So bleibt nach einer Phase größter Hysterie, die wir alle mit Spannung als Bilderbuch-Beispiel ineffektiver politischer Debatten beobachten konnten, die Perspektive einer in Zukunft fruchtbarerer Auseinandersetzung über Themen, die für alle Studenten und Bürger gleichermaßen von Interesse sein sollten. Was wirklich nötig wäre, ist eine gemeinsame Diskussionsrunde zwischen Münkler und der Studentenschaft.
Denn welches Bild wirft es auf eine Universität, wenn ein Professor mehr mit politischen Würdenträgern als den eigenen Studenten diskutiert?