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Illustration: Lisa Frühbeis

Forscher befinden sich häufig in einem Konflikt zwischen Wissensdrang und ethischen Grenzen. In dieser Serie widmen wir uns deswegen umstrittenen Forschungsprojekten an Berliner Universitäten. Diesmal: Die Gen-Schere.

Das Molekül Crispr tauscht defekte Gene gegen gesunde ein

„Wir befinden uns gewissermaßen in der Steinzeit und haben gerade die Schere erfunden“, patient so beschreibt Ralf Kühn, Forscher am Max Delbrück Centrum für molekulare Medizin in Berlin-Buch, die aktuelle Stimmung in der Genforschergemeinschaft. Seit 2012 sorgt dort ein Molekül namens „CRISPR/Cas“-System (im Folgenden Crispr) für Aufsehen.

Crispr funktioniert wie eine Schere: Das Molekül durchsucht die DNA nach einem vorher von den Forschern bestimmten Ziel-Gen, schneidet dieses aus dem Erbgut heraus und ersetzt es im Idealfall durch ein neues Gen. Dieses Prinzip eröffnet zahlreiche Möglichkeiten der Anwendung, die Bekämpfung von Erbkrankheiten zum Beispiel.

Die Idee, defekte Gene mit gesunden zu tauschen, ist nicht neu. Was Crispr allerdings von seinen Vorgängertechnologien unterscheidet, ist seine beeindruckende Präzision beim Ausschneiden der Gene. Allerdings sei bei momentanem Forschungsstand nach dem gezielten Schnitt erstmal „Schluss mit der Präzision“, dämpft Ralf Kühn die hohen Erwartungen. Crispr finde zwar mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit sein Ziel-Gen – ob dann im Anschluss auch die korrekte Variante eingebaut wird, sei noch etwas unsicher.

“Crispr-Explosion”

In der Tier- und Pflanzenwelt konnten Forscher mit der Gen-Schere schon einige Organismen „optimieren“. Mehrfach gelang es beispielsweise, Weizenpflanzen resistent gegen Mehltau zu machen. Die Erfolgsraten nehmen zwar, grob gesagt, mit steigender Komplexität des Organismus ab. Doch in der Forschergemeinschaft besteht große Hoffnung, diese Beschränkungen überwinden zu können.

Das enorme Interesse am Thema zeigt sich auch an der Publikationswelle, in Fachkreisen als „Crispr-Explosion“ bekannt. Im letzten Jahr erschienen über 600 wissenschaftliche Veröffentlichungen, die sich mit dem Molekül befassten. Das drückt sich auch in dem finanziellen Aufwand für die entsprechende Forschung aus – während 2013 in den USA noch 10 Millionen Dollar zur Verfügung standen, waren es ein Jahr später bereits 85 Millionen.

In Laboratorien auf der ganzen Welt wird derzeit mit und an Crispr geforscht. Die zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten sind aber nicht überall gleich streng reguliert. Während in China bereits an nicht lebensfähigen Embryonen nachgewiesen wurde, dass Crispr auch bei menschlichen Stammzellen anwendbar ist, wäre eine solche Untersuchung in Deutschland und einigen anderen EU-Ländern aufgrund der strengen Gesetzeslage nicht durchführbar gewesen.

Mit der Frage nach der Leistungsfähigkeit und den potentiellen Möglichkeiten von Crispr geht die Diskussion über die Risiken einher, die langfristen Folgen und vor allem die ethischen Grenzen, die sich bei der Forschung auftun. Eine Debatte, die global geführt wird.

Langfristige Folgen sind nicht absehbar

Im März dieses Jahres riefen unter dem Titel „Don’t edit the human germline“ (zu Deutsch: „Verändert nicht die menschliche Keimbahn“) führende Wissenschaftler in den Journalen Science und Nature dazu auf – aus ethischen Gründen und wegen unbekannter Auswirkungen – auf die Forschung mit menschlichen Keimzellen zu verzichten. Und auch das GermanStemCellNetwork, ein Zusammenschluss von Stammzellforschern in Deutschland, hat sich in diesem Jahr deutlich gegen entsprechende Versuche ausgesprochen.

Auch was die Forschung an Pflanzen und Tieren angeht, rufen Wissenschaftler zur Vorsicht auf. Denn Crispr ermöglicht massive Eingriffe in Ökosysteme, wie etwa das Ausrotten all jener Moskitos, die Malaria übertragen. Obwohl hinter dieser Idee eine gute Absicht steht, sind die langfristigen Folgen nicht absehbar. Daher fordert Jeantine Lunshof, eine renommierte Bioethikerin aus den Niederlanden, auch für die Anwendung bei wilden Lebewesen dringend stärkere Regeln. „Vom ethischen Standpunkt aus sollten wir nicht fragen, was Crispr für Menschen tun kann, sondern was die Menschen mit Crispr tun können.“