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Illustration: Lisa Lorenz

Ein Professor der HU relativiert Naziverbrechen? Wer im Januar die Plakate der Gruppe IYSSE sah, stutzte. Dabei verbirgt sich hinter ihnen etwas ganz anderes. Von einem Konflikt, der alles hat, was ein guter Roman braucht: Rufmord, Verschwörungen und falsche Unterstellungen.

Die taz nennt sie eine „Gruppe kritischer Studierender“, für die FAZ sind sie eine „kommunistische Sekte“ – die studentische Bewegung International Youth and Students for Social Equality, kurz IYSSE, polarisiert. Anfang 2014 bildete sich an der Humboldt-Universität (HU) eine Sparte der Organisation, die schon an einigen anderen deutschen Unis und auch international vertreten ist. Eine Handvoll Studierender sorgt seitdem für Aufsehen.

Die IYSSE ist die Jugendgruppe der Partei für Soziale Gleichheit (PSG), eine trotzkistische Kleinpartei, die die Errichtung einer sozialistischen Räterepublik fordert, herbeigeführt durch eine Arbeiterrevolution. Auf einem Flyer wirft die IYSSE der HU vor, die Geschichte umzuschreiben und systematisch nationalsozialistische Verbrechen zu relativieren. Der führende Kopf beim „erneuten Griff nach der Weltmacht“: Jörg Baberowski, Professor für Osteuropa-Geschichte .

Der hingegen spricht von einer Schmutzkampagne. Zitate würden aus dem Zusammenhang gerissen und streitbare Forschung diffamiert. Mittlerweile haben auch das geschichtswissenschaftliche Institut, dessen Fachschaftsinitiative und Professoren aus verschiedenen Fachbereichen, darunter HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz, Stellungnahmen veröffentlicht, in denen sie sich mit Baberowski solidarisieren.

Kolloquium beschützt von Sicherheitsleuten

Entzündet hat sich der Streit, als Baberowski im Februar letzten Jahres den Oxford-Historiker Robert Service zu seinem Kolloquium einlud. Service hatte 2009 eine Trotzki-Biographie geschrieben, die von trotzkistischen Gruppen als „antisemitisch“ und „unwissenschaftlich“ kritisiert wurde – entsprechend verärgert war die IYSSE über dessen Einladung. Die Gruppe schrieb einen offenen Brief an Baberowski und kündigte an, das Kolloquium zu besuchen. Daraufhin hängte der Historiker an die Tür des Raumes, in dem das Kolloquium stattfinden sollte, einen Zettel: Die Veranstaltung falle aus. Nur über das Sekretariat angemeldete Teilnehmer wurden informiert, wo sie tatsächlich stattfand.

Trotzdem sprach sich unter den Studierenden, die vor der falschen Tür gewartet hatten, schnell herum, dass das Seminar nicht ausgefallen war, sondern bloß in einen anderen Raum verlegt wurde. Als sie beim neuen Raum ankamen, erwartete sie der Wachschutz der HU. Sicherheitsleute verwehrten unangemeldeten Besuchern den Eintritt. Baberowski hatte sie organisiert. „Service hat mich gebeten, ihn vor den Leuten zu schützen“, rechtfertigt der Professor seine Maßnahme. Service habe schon in England mit dieser trotzkistischen Gruppe zu kämpfen gehabt. Dennoch sei es „keine glückliche Entscheidung gewesen“, so Baberowski. Bis heute rechtfertigt die IYSSE mit diesen Ereignissen die These, dass sich die HU in ein „ideologisches Zentrum für Krieg und Diktatur“ verwandle.

Die Fachschaft gründete einen eigenen Arbeitskreis – nur für Baberowski

„Diese Leute kommen mit extrem ideologisierten, politisierten Vorstellungen von außen in die Uni hinein. Man kann mit denen nicht reden“, sagt Nikolai Okunew von der Fachschaft des geschichtswissenschaftlichen Instituts. Die Fachschaft hat einen eigenen Arbeitskreis gegründet, mit dem sie Aufklärungsarbeit leisten möchte. „Es geht darum, jetzt ein Zeichen zu setzen und zu zeigen, dass wir unsere Lehre und Forschung nicht von politischen Gruppen diktieren lassen“, erklärt Alexander Schnickmann, ebenfalls Mitglied der Fachschaft. Schließlich, das berichten Okunew und Schnickmann, gefährde eine derartige Rufschädigung nicht nur Baberowski, sondern auch die wissenschaftlichen Mitarbeiter seines Lehrstuhls: Eine Abschlussarbeit bei einem Professor, der im Internet als rechter Propagandist bezeichnet wird? Da zögen zukünftige Arbeitgeber erstmal die Augenbrauen hoch.

Baberowski erzählt, dass ihn bereits amerikanische Kollegen auf die Vorwürfe hin angerufen hätten. „Das hat solche Formen angenommen, dass ich im Grunde jeden Tag nur noch mit der Sekte beschäftigt war“, sagt der Historiker. Immer wieder träten bei seinen Podiumsdiskussionen und Vorträgen Menschen auf, die ihn als sogar als „Holocaustleugner“ beschimpfen würden. Die IYSSE ist für ihn bloß ein kleiner Teil eines eigentlich größeren Netzwerks von Trotzkisten, die es auf ihn abgesehen hätten.

Die IYSSE im StuPa

Eine breitere Öffentlichkeit unter HU-Studierenden bekam die IYSSE, als sie für die Wahlen des Studierendenparlaments (StuPa) im Januar mobilisierte. Zahlreiche Plakate, Flyer, Videos auf Youtube und sogar eine Veranstaltungsreihe – eine derart große Werbekampagne hat in den letzten Jahren wohl keine andere studentische Gruppe auf die Beine gestellt.

Auf ihrem Wahlkampf-Flyer belegte die IYSSE Baberowskis militaristische Ambitionen mit einem Zitat, das der Professor bei einer Podiumsdiskussion beim Deutschen Historischen Museum im letzten Oktober gesagt haben soll. Dort plädierte er gegen Interventionen in Bürgerkriege wie in Afghanistan oder dem Irak. Der entscheidende Halbsatz, „dann soll man die Finger davon lassen“, fehlt aber auf dem Flyer – dort klingt es, als befürworte er die Kriege. Die Podiumsdiskussion kann auf der Internetseite des Museums angehört werden.

Alexander Schnickmann von der Fachschaft besuchte eine Veranstaltung der umstrittenen Gruppe, die im Rahmen des StuPa-Wahlkampfes stattfand. Dort seien Zitate aus dem Kontext gerissen und Autoren angeführt worden, die in der Forschung nicht ernst genommen würden. Außerdem seien kaum Studierende anwesend gewesen. Und tatsächlich: Bei der Veranstaltung am 19. Januar im Hörsaal 2002 im Hauptgebäude der HU kamen auf 30 ältere Herren ungefähr zehn Studierende. Ob von denen in Zukunft eine Gefahr ausgehe? Baberowski wartet ab: „Ich hoffe, dass ihnen die Luft ausgeht und es ihnen langweilig wird.“

Einen Sitz bekam die Gruppe bei der StuPa-Wahl. Der wird von Sven Wurm belegt, dem Sprecher der IYSSE an der HU. Bereits in der ersten Sitzung des neu gewählten Parlaments am 15. April reichte er einen Antrag ein: Das StuPa solle Stellung beziehen gegen „Zensur und Einschüchterung kritischer Studierender“. Der Antrag wurde abgelehnt.

Anmerkung des Autors: Ich habe mit zwei Mitgliedern der IYSSE gesprochen. Bedauerlicherweise stimmten sie einer Veröffentlichung ausgewählter Zitate nicht zu. Ihrer Meinung nach entsprächen die Zitate nicht dem Inhalt des Gesprächs. Auch nach Erklärung des Kontextes bestanden meine Gesprächspartner auf ihrer Weigerung. Außerdem sei vereinbart gewesen, ihnen den ganzen Artikel vor Veröffentlichung zu schicken, damit sie ihn autorisieren könnten. Das stimmt nicht. Mein Wortlaut: „Bevor der Artikel veröffentlicht wird, schicke ich euch eure Zitate, damit ihr sie autorisieren oder ablehnen könnt.“ Der Satz ist auf meinem Diktiergerät gespeichert. 

 

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen UnAufgefordert (Nr. 230, April 2015).