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Seit einem Jahr ist bekannt, unhealthy store in welchem Ausmaß der amerikanische Geheimdienst NSA und das britische GCHQ das Internet überwachen. Von Grundrechtsbrüchen, pharmacy Überwachungshysterie und Spähradikalen war die Rede. Jetzt beginnt die Diskussion zu verhallen, scheinbar ohne Konsequenzen. Warum stört sich niemand daran und welchen Einfluss hat das auf unser vermeintlich freies Netz?

Wir werden überwacht. Ein Jahr ist diese schlichte Erkenntnis nun alt. Edward Snowden, der seitdem fast täglich vom Titelblatt einer Zeitung auf uns schaut, brachte einen Stein ins Rollen, der sich zwischenzeitlich zur gigantischen Lawine entwickelt hat. Dank ihm ist klar, dass Überwachung kein Produkt der Fantasie von ein paar Spinnern, sondern sehr real ist. „Wir sagen Ihnen nicht alles, was wir machen oder wie wir es machen – aber jetzt wissen Sie es“, brachte es Keith Alexander, Chef der NSA, auf den Punkt. In kaum einem Land war die Empörung über diese Enthüllungen so groß wie in Deutschland. Von Grundrechtsbrüchen ungeahnten Ausmaßes war die Rede, vom totalitären Überwachungsstaat und der Stasi 2.0. Neben der großen Überwachung war jedes andere Thema klein, beherrschbar und irgendwie zu banal.

Nun beginnt der kollektive Aufschrei langsam zu verhallen. Es kommen weiterhin neue Dokumente ans Tageslicht, aber das Interesse scheint verflogen. Wir alle wissen, was die NSA kann, und sind mittlerweile von der Einsicht übermannt, dass sie alles, was technisch möglich ist, auch tut. Von dem “Skandal“ bleibt nur das unbestimmte Gefühl zurück, dass etwas vollkommen schiefgelaufen ist. Der für seinen roten Irokesenschnitt bekannte Blogger Sascha Lobo sprach in einem seiner Vorträge von einem „Meteoriteneinschlag ins Netz“. Ein Einschlag, der ein großes Loch hinterlässt: „Das Internet ist kaputt“, schreibt er in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

Trotzdem ist seit Snowdens Enthüllungen wenig passiert. Ein ganzes Land ist sich in seiner Empörung einig, aber niemand zieht Konsequenzen. Einer repräsentativen Studie von Forsa zufolge wollen nur elf Prozent der deutschen Bürger ihr Kommunikationsverhalten nach der Überwachungsaffäre verändern, den Anbieter für E-Mail oder Telekommunikation haben bisher sogar nur zwei Prozent gewechselt.

„Es existieren häufig nicht genügend Kenntnisse, um notwendige Veränderungen auf der technischen Seite voranzutreiben“, versucht Johann-Christoph Freytag, Professor für Datenbanken und Informationssysteme an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU), dieses Missverhältnis zu erklären. Sein Kollege Volker Roth von der Freien Universität (FU) spricht vom Effekt der erlernten Hilflosigkeit. Dem Gefühl, ohnehin nichts gegen die übermächtige Bedrohung ausrichten zu können. „Außerdem glauben viele Leute, sie selber seien nicht wichtig genug, um ein Ziel zu sein.“

Häufig wird diese Unbekümmertheit mit dem fehlenden Verständnis für das Internet erklärt. Unsere Gesellschaft bestehe mehrheitlich aus Menschen, die der Idee einer digitalen Vernetzung nichts abgewinnen können. Widerstand wird höchstens von der Generation der “Digital Natives“ erwartet, die mit dem Internet aufgewachsen ist und seine technischen Möglichkeiten als selbstverständlich kennengelernt hat. „Studierende haben die Fähigkeit und in der Regel auch das politische Interesse, solche Prozesse zu analysieren und kritisch zu hinterfragen“, meint auch Saskia Sell. Sell ist wissenschaftliche Mitarbeiterin in der Arbeitsstelle Journalistik der FU und forscht unter anderem zur Kommunikationsfreiheit.

Universitäten waren die Keimzellen des Internets

Hochschulen haben ein besonderes Verhältnis zum Internet. Um ihre Computerressourcen effizient zu nutzen, begannen in den 70er-Jahren die ersten Universitäten in den USA, ihre Rechner untereinander zu vernetzen. Telekommunikationsunternehmen wollten damals eine zentral gesteuerte Struktur durchsetzen, die sich leicht kontrollieren ließe. Die Universitäten setzten ihr Modell einer Verbindung dagegen, die über eine Vielzahl von verschiedenen Knotenpunkten läuft und so keine Kontrolle zulässt – so ging von ihnen die revolutionäre Idee eines freien, weltweiten Netzes aus. Gewissermaßen waren sie dadurch die Keimzellen des Internets. Heute sind die meisten Forscher vollständig auf die Technologie angewiesen, nur dank der Vernetzung und dem schnellen Austausch lassen sich hochkomplexe Projekte realisieren. Auch deshalb stehen sie zumeist an vorderster Front, wenn es darum geht, die Freiheit des so bedeutenden Netzes zu sichern. So sollte man meinen, dass sich zumindest hier Protest regt.

An der HU ist davon bisher nichts zu sehen. In der Vorlesung zum Thema Datenschutz von Professor Freytag haben sich die Teilnehmerzahlen nicht verändert. Studierende scheinen auch sonst kein Problem mit der Überwachung zu haben. Eher das Gegenteil ist der Fall. Nach einer Studie des Marktforschungsinstituts GfK sinkt die Sensibilität für Datenschutz, umso jünger die Befragten sind. Während bei Berufstätigen die Erkenntnis einsetzt, auf bestimmte Dienste im Sinne der Privatsphäre zu verzichten, gaben die jungen Teilnehmer fast einhellig an, den Umgang mit ihren persönlichen Daten nicht ändern zu wollen.

Diese Haltung konnte der Medienpädagoge Daniel Seitz bei seinen Untersuchungen häufig beobachten. Er fragte sich, warum Jugendliche die Vollüberwachung nicht stört. An der generellen Protestmüdigkeit der Jugend könne das nicht liegen, war seine Hypothese. Als vor zwei Jahren das Handelsabkommen gegen Produktpiraterie (Acta) im Europäischen Parlament beschlossen werden sollte, gab es überraschend starken Widerstand. Mobilisiert durch virale Videokampagnen auf YouTube und organisiert über Facebook-Veranstaltungen zeigten die Digital Natives ihr Protestpotential. Sie stellten ihre Wut über die digitale Freiheitsbeschränkung nicht nur in den sozialen Netzwerken zur Schau, sondern trugen sie zu zehntausenden auf die Straße. Am Ende gab die Politik nach, die Pläne für das Abkommen wurden fallengelassen.

Die Schere im Kopf verhindert jede Form von Demokratie

„Damals wurde eine neue ‚Generation Netzpolitik’ ausgerufen“, erzählt Seitz. „Mit Prism hat sich nun bewahrheitet, dass Netzpolitik für Jugendliche nach wie vor kaum ein Thema ist.“ Bei Acta ging es um eine konkrete Sorge der Beschränkung von Inhalten im Internet. Die Gefahr der Überwachung ist wesentlich subtiler und nicht so leicht greifbar. Niemand kann sie spüren oder an einem bestimmten Merkmal festmachen, und doch ist sie zu jeder Zeit da. Seitz spricht von der „Schere im Kopf“. Dieses Modell beschreibt das Gefühl, beobachtet zu werden. „Wer über einen öffentlichen Platz geht, der von Kameras überwacht ist, verhält sich anders – ganz egal, ob auf der anderen Seite der Kamera jemand zuschaut oder nicht.“ Das Internet sei da keine Ausnahme. Wer permanent davon ausgehen müsse, dass jemand mitliest, kommuniziere unbewusst anders.

Saskia Sell sieht das als große Gefahr. Sie schätzt besonders die offene Art, mit der sich viele junge Menschen online begegnen und ihre Einstellung teilen. „Das zeugt von einer Angstfreiheit, wie sie hier vermutlich erst die dritte oder vierte Nachkriegsgeneration entwickeln konnte.“ Das diffuse Gefühl der Überwachung dagegen sorge für eine Veränderung des Kommunikationsverhaltens und nehme die Unbefangenheit im Austausch mit anderen. „Die letzte Konsequenz ist eine Gesellschaft des Schweigens“, fasst Sell zusammen. „Das ist nicht nur beklemmend, es verhindert auch jede Form von Demokratie.“

„Überwachung führt unweigerlich zur Selbstzensur“

Deshalb ist es auch ein Fehler, zu denken, man selbst sei nicht betroffen, findet Volker Roth. Ein grundlegendes Recht unserer Gesellschaft sei nicht nur die Freiheit des Denkens, sondern auch die Freiheit der Kommunikation. Er kann die Theorie der Schere im Kopf nur bestätigen: „Überwachung führt unweigerlich zu einer Selbstzensur.“

„In Zukunft wird die Fähigkeit mit Verschlüsselung umzugehen, mindestens so wichtig sein, wie die Fähigkeit ein Auto sicher durch den Verkehr zu lenken“, erklärt Roth. „Es ist essentiell, dass wir aktiv werden, um unsere Kommunikation zu schützen.“ Diese nimmt mittlerweile unfassbare Ausmaße an. Der technologische Fortschritt hat die Hürden, sich mitzuteilen und seine Meinung zu äußern, immer weiter gesenkt. Schon 2007 fand 97 Prozent der weltweiten Kommunikation über das Internet statt.

Über acht Terabyte E-Mails werden an der HU täglich verschickt

An der HU hat sich die per E-Mail transportierte Datenmenge binnen fünf Jahren verdoppelt. Jeden Tag werden über die Leitungen des Computer- und Medienservices (CMS) der HU mehr als acht Terabyte E-Mails verschickt. Geleitet wird der CMS vom 62-jährigen Professor für Informationsmanagment Peter Schirmbacher. Schon seit Jahren spricht er die Gefahren von Überwachung an, stieß aber bisher nur selten auf offene Ohren. Die Enthüllungen von Edward Snowden hätten Datenschutz erstmals in das Bewusstsein der breiten Masse gebracht. Schirmbacher spürt die gestiegene Sensibilität für das Thema, wünscht sich aber gerade von Studierenden, dass sie noch deutlich größer wäre.

Wenn er persönlich online kommuniziert, fühlt er sich schon lange nicht mehr sicher. „Eine E-Mail ist wie eine Postkarte. Jeder kann mitlesen.“ Eine Nachricht werde über unzählige Knotenpunkte geschickt, bis sie ihren eigentlichen Empfänger erreicht. An jedem dieser Punkte können Unbefugte mit geringem technischen Aufwand die Daten abfangen und mitlesen. Forschern, die ihre Ergebnisse an Kollegen verschicken wollen, empfiehlt er daher, auf E-Mails vollkommen zu verzichten. Nur über speziell gesicherte Server des CMS gäbe es zumindest eine hohe Wahrscheinlichkeit, die Daten sicher zu übertragen. Vielen ist dieser Weg allerdings zu aufwendig. Angeboten wird deswegen auch eine kostenlose Verschlüsselung, mit der über das Universitätsnetzwerk und auch mit Vertretern anderer Universitäten sicher kommuniziert werden kann. Dafür müssen beide Personen ein entsprechendes Zertifikat beantragt und auf ihrem Computer installiert haben. Die E-Mail wird dann auf dem Gerät des Senders so verschlüsselt, dass nur der Empfänger die Nachricht lesen kann.

Am Ende, so sagt es Schirmbacher, sei die Nutzung immer eine Abwägung zwischen persönlicher Bequemlichkeit und Sicherheit – bisher entscheiden sich die meisten für den Weg des geringsten Widerstands. In der Verwaltung der HU besitzen 800 Mitarbeiter einen verschlüsselten E-Mail-Zugang, die meisten, weil es durch eine Dienstanweisung vorgeschrieben ist. Von den 30.000 Studierenden sind es noch deutlich weniger, eine verschlüsselte Kommunikation ist so selbst innerhalb der Universität kaum möglich.

Das unfreie Netz

Wo früher die Universitäten Vorreiter waren, sind sie heute höchstens noch Durchschnitt. Neue, revolutionäre Ideen sucht man vergebens. Das Netz hat sich längst – wie gewünscht – verselbstständigt. Als Preis dafür büßt es zumindest in manchen Teilen seine Freiheit ein. Geheimdienste, Unternehmen und sogar die Politik haben Entwicklern den Rang abgelaufen und entscheiden über die Frage, in welche Richtung sich das Internet entwickelt. Es ist zum Netz der Überwachung, dem Inbegriff der Unfreiheit geworden, wie es die Schriftstellerin Juli Zeh in einem Brief an Bundeskanzlerin Angela Merkel formulierte.

„Große Datenmengen können heute häufig in kurzer Zeit erzeugt, weitergegeben und mit anderen Daten verknüpft werden, so dass der Einzelne seine Kontrollmöglichkeit verliert“, formuliert es Informatiker Freytag. Er sieht die zentrale Herausforderung in der digitalen Welt darin, den mächtigen Werkzeugen zur Datenverarbeitung mindestens genauso mächtige Werkzeuge zum Schutz der Privatsphäre an die Seite zu stellen. Wer offline Informationen über sich preisgibt, tue das nur aus Vertrauen zu seinem Gegenüber. Ein Äquivalent dafür fehle im Internet: „Rechnern kann man nicht vertrauen.“ Nur ein gesellschaftlicher Konsens über die Bedeutung von Privatsphäre, gerade bei der Auswertung und Weitergabe persönlicher Daten, könne das fehlende Vertrauen wettmachen.

Auch Schirmbacher wünscht sich an der Universität eine grundlegende Diskussion darüber, welche Bedeutung IT-Sicherheit haben soll. Verschlüsselung müsse eigentlich Standard, und nicht Ausnahme sein. Gerade bei Forschungsdaten stelle sich die Frage, wie diese sinnvoll abzusichern sind. Wichtig seien verbindliche Standards und unabhängige Kontrolleure der Sicherheitsinfrastruktur. Um das zu erreichen, solle zuerst einmal im Akademischen Senat der HU eine neue IT-Ordnung beschlossen werden, die aktuelle stammt noch aus dem Jahr 1996.

„Wir müssen am politischen Klima arbeiten“

Wenn schon im Kleinen die Änderungen so langsam ablaufen, ist es kaum verwunderlich, wie wenig die gesellschaftliche Diskussion in Schwung kommt. Wir laufen den technischen Entwicklungen eher hinterher, als sie anzuschieben. Dabei stellt uns Überwachung vor grundlegende Fragen über unser Verständnis von Demokratie, Datenschutz und Privatsphäre – doch niemand hat Lust, sie zu beantworten. Es geht um staatliche Kontrolle, Regulierung, das Verhältnis von Freiheit und Sicherheit, Netzneutralität, Urheberrecht und vor allem darum, wie wichtig uns unsere persönlichen Daten sind. Es steht die Entscheidung an, welches Internet wir in Zukunft wollen. Eine Entscheidung, deren Konsequenzen sich in unserer Generation niemand entziehen kann. Darum ist es Zeit, diese Frage endlich anzugehen. „Wir müssen jetzt aktiv sein. Wenn niemand mehr über Überwachung nachdenkt, wenn sich Gewöhnung einstellt, ist es zu spät“, meint Seitz.

Universitäten waren schon einmal Ausgangspunkt der revolutionären Idee eines freien Netzes. Sie könnten es heute ein zweites Mal sein. Doch wenn sie ihren digitalen Führungsanspruch im 21. Jahrhundert zurückgewinnen wollen, müssen sie sich beeilen. Es geht darum, wer seine Visionen einer virtuellen Gesellschaft der Zukunft als Erster über die Ziellinie bringt. Wenn Universitäten keine Lösungen finden, sollten sie beginnen, die richtigen Fragen zu stellen. Verschlüsselung kann dabei ein Ansatz sein, aber wird alleine nicht reichen. „Dieses Hochrüsten ist ein rein reaktives Verhalten. Es kann aus pragmatischen Gründen kurzfristig sinnvoll sein, langfristig ist es aber eher kontraproduktiv“, sagt Sell. „Wir müssen am politischen Klima arbeiten, an den Ursachen der Überwachung und nicht an den Symptomen.“ Die Aussichten auf einen knappen Zieleinlauf werden mit jedem Tag schlechter.

Geschrieben von Niklas Maamar, Lena Fiedler und Alena Maschke