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Felix Schwenzel hat Architektur studiert und arbeitet als Web-Entwickler. Auf seinem Blog wirres.net schreibt er über Netzthemen und alles, tadalafil was ihn sonst noch interessiert – mittlerweile seit fast 14 Jahren. Die UnAufgefordert sprach mit ihm darüber, warum Überwachung durch den Staat gefährlich ist, sich trotzdem niemand wehrt und die Demokratie am Ende doch gewinnt.

UNAUFGEFORDERT: Vor ziemlich genau einem Jahr wurde enthüllt, dass weltweit ein Großteil der Kommunikation im Internet überwacht wird. Haben Sie damit gerechnet?

FELIX SCHWENZEL: Ja. Meine These ist, dass viele schon von den Abhöraktivitäten der Geheimdienste wussten. Die Vorstellung, Amerikaner können alles mitbekommen, was sie wollen, ist eigentlich uralt. Es ist auch nicht neu, dass Vater Staat weiß, was wir machen. Wir haben schon immer in einer Überwachungsgesellschaft im weiteren Sinne gelebt.

Schon immer? Auch vor dem Internet?

Ich denke schon. Geheimdienste sind ja angeblich eines der ältesten Gewerbe der Welt. Seit es Herrschaftsformen gibt, gibt es auch Überwachung. Das Internet hat nur die Möglichkeiten zur Überwachung vereinfacht. Überwachung, und damit einhergehend Unterdrückung, ist also nichts Neues. Wir in der westlichen Welt haben nur das Glück, im Moment zwar unter der Überwachung, aber nicht unter Unterdrückung zu leiden.

Ist Überwachung eine Gefahr für die Demokratie?

Ich halte nichts davon, ständig die Demokratie-Apokalypse an die Wand zu malen. Andererseits ist ein fortwährender Grundrechteabbau der Demokratie sicherlich nicht förderlich. Insofern besteht natürlich eine Gefahr. Die Situation erinnert mich ein wenig an die 70er-Jahre und Instrumente wie die Rasterfahndung. Das hat die Demokratie damals verkraftet, und ich glaube, die Überwachung von heute verkraftet sie auch. Solange wir uns dagegen wehren.

Sehen Sie denn in der Gesellschaft den Willen, sich gegen Überwachung zu wehren?

Die Hoffnungen auf einen Aufschrei in der breiteren Bevölkerung nach den Enthüllungen von Edward Snowden haben sich bisher ganz offensichtlich nicht erfüllt. An das Narrativ “Wer nichts zu verbergen hat, hat auch nichts zu befürchten“ glaubt noch immer eine große Mehrheit. Bei ganz vielen Menschen besteht das Gefühl, das Thema Überwachung gehe sie nichts an. Dazu kommt eine Aversion gegen technischen Fortschritt. Es ist gesellschaftlich akzeptiert, sich nicht mit diesen Problemen beschäftigen zu wollen. Die Grundhaltung, nicht davon betroffen zu sein, ist sehr verbreitet.

Tatsächlich ist es ja größtenteils auch so. Bei uns fehlt eben die Unterdrückung, kaum jemand spürt die Folgen der Überwachung. Viele akzeptieren die Idee, Freiheitsbeschränkungen in Kauf zu nehmen, um uns vor Bösewichten zu schützen. Das falsche Bild vom Supergrundrecht Sicherheit lässt sich noch immer gut verkaufen.

Überwachung wird gerne mit Radioaktivität verglichen. Niemand kann sie sehen, niemand kann sie riechen oder hören. Wo sind die Strahlenopfer?

Die Opfer gibt es ganz bestimmt. Ilja Trojanow (deutscher Schriftsteller, Anm. d. Red.), der sich kritisch mit Überwachung befasst hat, wurde eine Zeit lang an der Einreise in die USA gehindert. Jeder von uns kann auf einer No-Fly-Liste landen, weil irgendein Analyst meint, man könnte gefährlich sein. Darüber denken die meisten Menschen gar nicht nach, weil es an ihrer Lebenswirklichkeit vorbeigeht.

Wie kann man die Gefahr sichtbar machen?

Wir brauchen starke Bilder, um das Thema für den Ottonormalbürger interessant zu machen. Es geht darum, nicht auf einer intellektuellen, sondern emotionalen Ebene zu kommunizieren.

Protestieren wir also nicht, weil wir das Internet nicht verstehen? Ist es wirklich Neuland?

Grundsätzlich ist das Internet für uns totales Neuland. Wir hätten diesem Merkelwort nicht mit Arroganz begegnen sollen, sondern mit dem Eingeständnis, dass es stimmt. Wir laufen nicht nur den technologischen Entwicklungen hinterher, sondern auch den gesellschaftlichen. Wir alle, nicht nur die Politik.

Muss jetzt nicht auch Druck auf die Politik ausgeübt werden?

Es fehlt nicht der Druck, sondern die Lösungsansätze. In der Diskussion um Internetsperren war der Wendepunkt der Diskussion ein Vorschlag der Netzgemeinde. Statt einfach „Nein“ zu sagen, hieß es: „Löschen statt sperren!“. Einen solchen Pragmatismus brauchen wir jetzt auch.

Außerdem müssen wir uns fragen, wer unser Gegner ist. Vom Staat zu verlangen, dass er uns vor Überwachung schützen soll, ist ein bisschen wie das Verlangen, dass der Staat uns vor Bürokratie beschützen solle.

Geht die Gefahr denn nicht viel eher von Unternehmen wie Google als vom Staat aus? Ein Großteil der Kommunikation im Internet läuft über die großen privaten Anbieter. Die sitzen direkt an der Quelle und haben es noch einfacher, Nutzer zu überwachen.

Das ist eines der klassischen Argumente von Leuten, die mehr in der physischen, als in der virtuellen Welt zuhause sind. Wer seine Daten freiwillig Facebook, Google & Co. anvertraut, könne über staatliche Überwachung ja nicht klagen. Dabei übersehen sie einen ganz wichtigen Punkt: Der Staat hat das Gewaltmonopol. Unternehmen können meine Daten auswerten und wirtschaftlich nutzen, der Staat kann mein Verhalten bestrafen. Sicher sind beide Formen der Überwachung unangenehm, aber Google kann mich wenigstens nicht in den Knast stecken.

Im Straßenverkehr haben wir schon gelernt, mit diesen Gefahren umzugehen. Wir lassen uns über das Radio oder Navigationsgeräten vor Blitzern warnen; wenn irgendwo eine Polizeikontrolle ist, fahren wir langsamer.

Im Internet ist die Gefahr genauso vorhanden. Wir haben aber immer noch nicht gelernt, uns zu schützen. Die Technologie ist noch nicht so weit, dass sie für die breite Masse kompatibel ist. Über den Airbag in seinem Auto muss sich keiner mehr Gedanken machen. Ende-zu-Ende-Verschlüsselung für eine E-Mail einzurichten, ist dagegen nach wie vor kompliziert. Ohne Fachwissen ist es fast unmöglich, das Internet frei und sicher zu nutzen. Viele Leute sehen das intuitiv und ziehen sich deshalb lieber aus dem Netz zurück.

Ist es denn überhaupt möglich, sicher zu kommunizieren?

Es ist möglich, aber wahnsinnig schwierig. Snowden hat es schließlich auch geschafft, Greenwald Interna aus der NSA zu schicken, ohne aufzufliegen. Letzlich ist es wie bei einer Wohnung. Egal, wie viele Schlösser an der Tür sind – eine Möglichkeit reinzukommen gibt es immer.

Verschlüsseln Sie Ihre E-Mails?

Ich versuche es, soweit es möglich ist. Das Problem ist eher, dass man kaum einen Kommunikationspartner zum Verschlüsseln findet. Außerdem habe ich ja nichts zu verbergen (lacht). Einer meiner Grundsätze ist, nichts in E-Mails zu schreiben, von dem ich mir nicht vorstellen kann, dass es öffentlich wird.

Was kann der Einzelne gegen Überwachung tun?

Es schadet auf jeden Fall nichts, zu lernen, wie man verschlüsselt und möglichst sicher kommuniziert. Genauso wie das Anschnallen beim Auto wird auch Verschlüsselung irgendwann Normalität. Nach einer Weile gewöhnt man sich daran und es ist nicht mehr ungewöhnlich, dass alle sich anschnallen. Wer Möglichkeit hat, sollte sie nutzen. Wer sie nicht hat, sollte sich darüber informieren.

Ein Blick in die Zukunft. Was werden wir in zehn Jahren über den NSA-Skandal sagen?

Die Technik entwickelt sich so rasant, dass man schon von Jahr zu Jahr kaum mithalten kann. Was an Erosion von Privatsphäre passiert, ist erschütternd. Trotzdem werden wir lernen, uns gegen Überwachung zu wehren. Es ist immer ein Wettlauf mit den Algorithmen der Geheimdienste.

Wahrscheinlich werden wir uns in zehn Jahren fragen, wie wir so blöd sein konnten, unverschlüsselte E-Mails zu schreiben. Genauso wie das Anschnallen beim Auto wird auch Verschlüsselung irgendwann in den Alltag Einzug halten. Nach einer Weile gewöhnt man sich daran. Erst wenn Verschlüsselung so tief in das System integriert ist, dass der Nutzer den Einsatz nicht mehr bemerkt, kann die breite Masse sicher kommunizieren. Sicherheit ohne Einschränkung der Bequemlichkeit muss das Ziel sein – als unsichtbarer Sicherheitsgurt.

Bis dahin hoffe ich, dass unsere Demokratie stark genug sein wird, die Geheimdienste wieder in ihre Schranken zurückzuweisen.

Vielen Dank für das Gespräch.