closeDurch die Neugestaltung unserer Seite im April 2014 werden alte Artikel nicht immer korrekt dargestellt. Wir bitten Fehler bei Bildern, Autoren und der Formatierung zu entschuldigen.

 

Heinrich und Gudrun Himmler; Foto: Berlinale

Geschrieben von Angela Schuberth

Berlin, healing 13. Februar 2014

Wie kommt ein Film, der das Leben des ranghohen Nazi-Funktionärs Heinrich Himmler mit dokumentarischem Gestus nachzeichnet, zum Titel “Der Anständige”? Es ist eine verquere Vorstellung von Anständigkeit, die Himmler als Leitmotiv durch sein Leben begleitet. Vehement propagiert er immer wieder eine durch nationalsozialistische Brechung scheußlich entstellte Vorstellung von Integrität. Himmler betont, dass „die Deutschen sogar die Tiere“ beispielhaft behandeln würden – diese Zivilisiertheit sollen sie selbstverständlich auch bei den unterjochten Völkern anwenden: „Wir werden niemals roh sein, wo es nicht sein muss!“ Derartige Aussagen gehören zu Himmlers Standard-Repertoire. Der unschwer erkennbare Kontrast zur Realität – im Film immer wieder durch die Reibung von Zitat und Filmmaterial aufgegriffen – führt vor, wie vermessen Himmler sich selbst einschätzte, wie verhaftet er seiner menschenfeindlichen Ideologie war und wie er sich dabei dennoch gleichzeitig als Humanist gerieren wollte.

Dem bestialischen Wüten der Nazis wird im Film oft das idyllische Leben der Kleinfamilie Himmler entgegengestellt: „Püppi habe ich ein Paket geschickt.“, sagt Heinrich Himmler (Tobias Moretti) leicht militärisch, aber voller Fürsorge aus dem Off. Dann knallt es, während der Zuschauer immer noch auf zeitgenössische Aufnahmen von Exekutionen starrt. Als ein Bild von Tochter „Püppi“ Himmler auf dem Schoß ihres Vaters eingeblendet wird, zoomt die Kamera langsam in das Hakenkreuz auf Heinrich Himmlers Armbinde. Ein bedrohlicher, sehr eindringlicher Effekt. Ähnlich wirkt auch die Einblendung des Grundrisses des Konzentrationslagers Dachau oder die Bilder von marschierenden oder auf andere Weise kollektiv handelnden Massen, die in vielfältiger Konstellation eingebunden werden. Die Auswahl des Materials ist eklektisch und überbordend. Kaum hat man sich auf einzelne Szenen eingelassen, da reiht sich das nächste Zitat, die nächste Aufnahme, das nächste Foto in die Chronologie. Das ist zwar anstrengend, dafür aber maximal spannend.

Die israelische Regisseurin Vanessa Lapa benutzt für die chronologische Illustration von Himmlers Leben – bis auf sehr kurze Erläuterungen, die den jeweiligen Abschnitt einteilen – nur Material aus Briefen, Tagebüchern, Fotos von Heinrich Himmler und anderen Nazi-Funktionären, von seiner Frau und später auch von seiner Tochter, die die Regisseurin von verschiedenen Schauspielern vorlesen lässt und mit Bildmaterial unterstreicht oder kontrastiert. Zwar spannt ihre Lebensdarstellung von Himmler ein Narrativ auf, das sich mit Spannungsbogen erzählen lässt, doch bleibt die Darstellung in höchstem Maße wahrheitsgetreu und differenziert. Das macht diesen Film sehr beeindruckend und aufwühlend, denn er zeigt beispielhaft an Himmler, wie die NS-Elite sich eine Gesellschaftsordnung zurechtbog, die trotz ihrer offenkundigen Grausamkeit den Akteuren höchst plausibel erschien.

„Diese deutschen Soldaten, Offiziere, Generäle – sie waren anständig.“ Dieses Zitat Heinrich Himmlers wird am Ende des Films gekoppelt an Bilder von ausgemergelten Leichenbergen, wohl in einem Konzentrationslager, die abtransportiert werden. Schließlich überlagert Lapa ebendiese Bilder mit Zitaten von Marga Himmler, die auf die Frage, warum sie mit ihrem Mann nie über die Konzentrationslager sprach, antwortet: „Ich wusste nichts davon.“ Der Film bewies vorher durch die Darstellung der engen Liebesbeziehung von Marga Himmler und Heinrich Himmler, dass das eine Lüge ist. Den Unterschied zwischen Selbstbetrug und wirklicher Überzeugung zu erkennen, diese Aufgabe überlässt der Film dem Interpreten.

“Der Anständige”

Israel / Österreich / Deutschland 2014

Regie: Vanessa Lapa

Darsteller: Tobias Moretti, Sophie Rois, Antonia Moretti, Lenz Moretti, Pauline Knof

94 Min.