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Geschrieben von Vera Weidenbach

Berlin, drugs 14. Juni 2013

Am 12. Juni fand gegenüber der großen Baustelle des Stadtschlosses, shop wo bisher nur die Humboldt-Box von einer prachtvollen Zukunft kündet, eine Protest-Aktion gegen das Bauvorhaben statt.

Die beiden Protestgruppen “SchlossFreiheit“ und “NoHumboldt21“, eine bunte Mischung aus Architekten, Künstlern und Studierenden, vereinigten sich zu einem gemeinsamen Trauerzug, bei dem die “Schlossfreiheit“ symbolisch beerdigt wurde. Sie warfen ein Stück Rasen in die Spree, um an die Wiese zu erinnern, die sich bis zum Beginn der Bauarbeiten auf dem Schlossplatz befunden hatte.

Anlass dafür war die Grundsteinlegung für das Millionenprojekt, die auf dem Baustellengelände, hinter Containern, Absperrung und Polizeiwagen stattfand und  für die Öffentlichkeit nicht zugänglich war.

Zu den Feierlichkeiten hindurchgelassen wurden nur geladene Gäste, wie Bundespräsident Joachim Gauck, Berlins regierender Bürgermeister Klaus Wowereit oder Mitglieder von Stiftungen. In das wiederaufgebaute Stadtschloss soll das Humboldt-Forum einziehen, ein Museum für außereuropäische Kunst. Auch die Humboldt-Universität zu Berlin (HU) soll dort eine Etage zur Nutzung für Ausstellungen und Veranstaltungen erhalten. Die Mitglieder der Initiative “SchlossFreiheit“ kritisieren unter anderem die sehr hohen Kosten, die das Projekt verursachen wird. 590 Millionen Euro sind momentan für den Bau veranschlagt, damit ist das Stadtschloss das größte kulturelle Bauprojekt des Bundes.

Zur Finanzierung der Fassade will der Förderverein Berliner Schloss e.V.  insgesamt 80 Millionen Euro an privaten Spendengeldern sammeln. Arthur Kaiser, Mitglied der Piratenpartei und der Initiative “SchlossFreiheit“  ist aber dennoch davon überzeugt, dass der Steuerzahler den Großteil der Kosten übernehmen wird. „Es kann immer noch teurer werden und am Ende wird jeder von uns zahlen müssen“, meint Kaiser. Das Land Berlin sei zwar nur mit zwanzig Prozent beteiligt, aber Berlin sei nun einmal pleite und habe gerade erst die nächsten 400 Millionen Euro für den Berliner Flughafen locker machen müssen.

Doch der Protest richtet sich nicht nur gegen die Millionen, die auf dem Spiel stehen.

Mareike Heller verteilt Flyer für “NoHumboldt21“ an Passanten. Die 25-Jährige studiert Sozialwissenschaften an der HU und empfindet das Schloss vor allem als Denkmal für die imperialistische Geschichte Deutschlands: „Es soll Weltoffenheit symbolisiert werden, dabei betont das Gebäude gerade die koloniale Vergangenheit Deutschlands“, sagt sie. Vor allem solle darüber nachgedacht werden, um was für Kunst es sich handelt. Die Exponate, die während der Kaiserzeit vor allem geraubt oder unter kolonialen Herrschaftsverhältnissen gekauft wurden, in so einer Kulisse auszustellen, hält Heller für falsch. „Es ist widersprüchlich zu der Idee einer Weltkultur, die von allen so betont wird“, gibt die Studentin zu bedenken. Es wundere sie vor allem, dass die HU als Universität diesen Rahmen für sich beanspruche.

In einer Stellungnahme des Präsidenten der HU Jan-Hendrik Olbertz zur Grundsteinlegung wird das Konzept der Universität erläutert: Es werde keine dauerhaften, sondern nur Wechselausstellungen zu verschiedenen Themen geben.  Die Ausstellungen werden „nicht nur Präsentationen von Resultaten wissenschaftlicher Arbeit sein, sondern den Prozess des Forschens selbst vermitteln“, erklärt Olbertz weiter.

So solle ein Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit entstehen. Heller kritisiert an dem Konzept, dass das Stadtschloss nicht den geeigneten Boden für einen Dialog biete, da die Ausstellungen von Anfang an in eine koloniale Hülle gesteckt würden.

Auch Peter Wohlwender, findet dass Berlin kein Schloss mehr braucht. Der 25-Jährige studiert Architektur  an der Universität der Künste und fragt sich, was das Schloss über Berlin aussagt. „Die Schlossbefürworter argumentieren immer damit, dass Berlin seine Identität zurückgegeben werde. Hat Berlin denn eine preußische Identität? Hat sich Berlin seit dem Zweiten Weltkrieg nicht weiterentwickelt?“, gibt er zu bedenken.

Warum man sich nicht getraut habe ein zeitgenössisches Gebäude zu bauen und damit die Chance genutzt habe neue Akzente in Berlins Mitte zu setzen, fragt Wohlwender. Das hätte seiner Meinung nach viel besser zu einer weltoffenen und vielschichtigen Stadt wie Berlin gepasst.

Kaiser stimmt ihm zu. Die Rekonstruktion sei vor allem ein Fake. „Nur die Fassade wird historisch und auf der anderen Seite ist es ein modernes Gebäude“, meint der Demonstrant kopfschüttelnd.

Die meisten der Demonstranten glauben nicht, dass man den Bau noch stoppen kann. „Dabei“, sagt Kaiser, „bräuchte der Bundestag nur ein Moratorium zu beschließen um den Bau zu stoppen.“ Alles was man dann zahlen müsse wäre eine Entschädigung für Gewinnverluste des Baukonzerns “Hochtief“. Das Unternehmen, das auch mit dem Bau des neuen Berliner Flughafen beauftragt ist, ist für den Rohbau des Schlosses zuständig. „Die Summe die man dafür aufbringen muss ist nur ein Bruchteil dessen, was uns noch erwartet“, rechnet Kaiser die Kosten eines Baustopps vor.

Doch der Protest findet nicht genügend Resonanz. Obwohl eine Forsa-Umfrage Anfang dieses Jahres ergab, dass die Mehrheit der Berliner gar kein Stadtschloss will, beläuft sich die Zahl der Demonstranten am Tag der Grundsteinlegung lediglich auf circa zwanzig Leute.