Hamlets Welt ist aus den Fugen geraten: Der Vater, König von Dänemark, ist vor Kurzem gestorben, die Mutter schon wieder neu vermählt, ausgerechnet mit Hamlets Onkel. Er selbst ist erbost über diese Heirat und vollkommen überwältigt von der Trauer um seinen Vater. Während am dänischen Hof alles seinen gewohnten Gang geht, verflucht der junge Prinz das Leben und sehnt sich nach dem Tod. Da erscheint ihm der Geist seines Vaters und offenbart ihm, vom eigenen Bruder Claudius, dem neuen König, ermordet worden zu sein. Doch das ist nicht alles: Der Geist fordert Rache. Der grüblerische Hamlet, von Selbstzweifeln und Unsicherheit geplagt, soll nun zum großen Rächer des Unrechts an seinem Vater werden, den Onkel töten, die Mutter aber verschonen. Soweit die Ausgangssituation von Shakespeares Tragödie „Hamlet“, die an diesem Abend unter der Regie von Leander Haußmann am Berliner Ensemble Premiere hat.

Dass Haußmann, der u.a. bei den Filmen „Sonnenallee“ und „Herr Lehmann“ Regie führte, ein Auge für schöne Bilder hat, wird schnell deutlich. Bühnenbild (Johannes Schütz) und Licht (Ulrich Eh) arbeiten beinahe perfekt zusammen: Auf einer Drehbühne labyrinthartig angeordnete Trennwände lassen je nach Beleuchtung mal die nächtliche, nebelverhangene Terrasse, mal strahlend weiße Zimmer des Schlosses vor den Augen des Zuschauers erstehen und bilden so die optimale Kulisse für das Spiel des Ensembles.

Doch so gelungen Bühnenbild und Beleuchtung sind, so zweifelhaft ist Haußmanns „Hamlet“-Interpretation. Stets wirkt er bemüht, die komödiantischen Elemente der Tragödie herauszuarbeiten und ist sich dabei auch nicht zu schade, mit Klamauk für Lacher zu sorgen. Sein Hamlet ist kein Zweifler, kein Grübler, kein Philosoph, der sich in quälenden Selbstreflexionen und Gedankenkaskaden zermalmt, sondern ein fahriges, beinahe hyperaktives Bürschchen. Hamlets „Sein-oder-Nichtsein“-Monolog, vielleicht Shakespeares bekannteste Verse, verschiebt Haußmann kurzer Hand vom Anfang ans Ende des dritten Akts und verfährt dabei ähnlich leichtfertig mit dessen Inhalt. Ist der Monolog eigentlich Ausdruck Hamlets innerer Zerrissenheit, seiner Sehnsucht nach und gleichzeitigen Angst vor dem Tod und dem, was danach kommt, seines Zögerns, rasch zu handeln, so lässt Haußmann Hamlet (Christopher Nell) die berühmten Verse unbetont vor sich hin nuscheln, nachdem dieser bereits die Angst vorm Handeln (zumindest teilweise) verloren und Polonius, den intriganten Oberkämmerer seines Onkels, getötet hat.

Hamlets inneren Konflikt darzustellen, seine tiefe Verzweiflung und innere Zerrissenheit zu zeigen, überhaupt die Abgründe der menschlichen Seele auszuleuchten, scheint kein besonderes Anliegen des Regisseurs zu sein. Stattdessen setzt er in seiner Inszenierung lieber auf Effekthascherei und Slapstickeinlagen, lässt Hamlet während seines „Sein-oder-Nichtsein“-Monologs mit Polonius’ Gedärmen um sich werfen oder gemeinsam mit seinen ehemaligen Jugendfreunden Rosenkranz und Güldenstern in flackerndem gelb-violetten Licht zu einem Sex-Pistols-Song über die Bühne tanzen.

Überhaupt gibt es kaum eine Szene, die nicht musikalisch unterlegt ist, meist mit dem zuckersüßen, klebrigen Gesang und Akkordeon- und Gitarrenspiel der Band „Apples In Space“ (Philipp Haußmann, der Sohn des Regisseurs, und Julie Mehlum). In langen Abendkleidern und mit Engelsflügeln auf dem Rücken begleiten die beiden beinahe durchgehend das Geschehen auf der Bühne musikalisch, selbst viele von Hamlets Monologen. Diese vom Regisseur verordnete Dauerbeschallung wirkt geradezu so, als ob er seinen Schauspielern nicht zutraute, ohne mehr oder weniger dramatische Hintergrundmusik beim Zuschauer Gefühle zu wecken. Dabei wünscht man sich nach kurzer Zeit nichts sehnlicher, als dass die ablenkende Musik endlich verstummen möge und man tatsächlich einmal das Wort und nur das Wort Shakespeares hören könnte. Doch nichts dergleichen passiert, die „Apples In Space“ bleiben dem Zuschauer bis zum Ende erhalten: Während Hamlet und seine Mutter vergiftet über die Bühne taumeln, untermalt das Duo den Todeskampf der beiden mit einem munter-vergnügten „La-Le-La“.

Dabei können weder die Musik der „Apples In Space“ noch die großen Gesten der Schauspieler über eines hinwegtäuschen: Die Inszenierung schafft es nicht, die Tragik der Handlung spürbar zu machen. Die meisten Figuren bleiben blass, insbesondere König Claudius, dem Roman Kaminski nicht recht Leben einzuhauchen vermag, stattdessen aber in Rekordzeit durch seine Verse hetzt. Und auch Christopher Nells Hamlet ist nicht wirklich überzeugend. Nell schreit, tobt, wirbelt zwar über die Bühne, aber wirkt dabei teilweise vor allem weinerlich, gekünstelt, hilflos. Die nachdenkliche Schwere eines zaudernden Melancholikers fehlt ihm, genauso wie der klangvolle, mitreißende Vortrag von Shakespeares Versen. Allein Norbert Stöß, der den Polonius spielt, und Joachim Nimtz und Martin Seifert als Totengräber scheinen mit traumtänzerischer Sicherheit durch ihren Text zu wandeln und Shakespeares Worte zum Klingen zu bringen.

Haußmanns “Hamlet”-Inszenierung mag schöne Bilder finden, an manchen Stellen erstaunlich unterhaltsam und für ihre dreieinhalb Stunden unerwartet kurzweilig sein. Doch sie verharrt an der Oberfläche des Stücks, bleibt seicht und ihr gelingt es nicht, tiefe Empfindungen zu erzeugen und den Zuschauer mit den Figuren fühlen zu lassen.

 

Berliner Ensemble

„Hamlet“

Premiere: 23. November 2013

Regie: Leander Haußmann

Bühne: Johannes Schütz

Licht: Ulrich Eh

Nächste Vorstellungen: 26. November, 04., 05., 26. Dezember 2013