Viele Studierende verbinden ihr Studium mit der unternehmerischen Verwirklichung eigener Ideen. Die HU steht ihnen dabei häufig zur Seite.

Geschrieben von Ann-Kristin Grobe, cure Uschi Jonas, health Linda Levermann und Niklas Maamar

Illustration: Caren Pauli

Im vergangenen Jahr wurden in Berlin mehr als 44.000 neue Unternehmen gegründet – bundesweit ein absoluter Spitzenwert. Auch Studierende haben als Unternehmensgründer ihren Teil dazu beigetragen. Tobias Hönig und die Brüder Laurin und Lukas Wandzioch wissen, here dass der Weg zum eigenen Unternehmen nicht immer ein leichter ist. Die drei kennen sich schon seit ihrer Kindheit. Tobias hat seinen Bachelor im Fach Populäre Musik und Medien, Laurin war Auszubildender für Anwendungsentwicklung. Sein Bruder Lukas studiert an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) Sport und Musik auf Lehramt.

Während seines Studiums absolvierte Lukas ein Praktikum an einer Brandenburger Schule. Schnell fiel ihm auf, dass die Kommunikation zwischen Schülern und Lehrern nicht so funktionierte, wie er gedacht hatte. „Aus dem Studium war ich Online-Stundenpläne auf Agnes, Materialien auf Moodle und einfache Nachfragen per Mail gewohnt“, erzählt er, „in der Schule liefen die Dinge anders.“ So sei ihm die Idee gekommen, eine Software zu entwickeln, um den Schulalltag zu vereinfachen – eine Plattform, die viele Möglichkeiten biete und trotzdem so einfach zu bedienen sei, dass kein Lehrer abgeschreckt würde. Gemeinsam mit Tobias und Laurin machte er sich an die Umsetzung dieses Vorhabens. Nach mehr als einem Jahr Ideenfindung, Analyse und Schreiben von Businessplänen kam es im August 2013 schließlich zur Gründung von “Scolibri“.

Wie viele andere junge Unternehmen wird “Scolibri“ vom Gründungsservice der HU unterstützt, der gemeinsam vom Servicezentrum Forschung und der Humboldt Innovation GmbH betrieben wird, um Studierende, Mitarbeiter, Wissenschaftler und Absolventen der HU bis zu fünf Jahre nach ihrem Abschluss bei einer Unternehmensgründung zu beraten und ihnen eine Plattform zum gegenseitigen Austausch zu bieten. Zu diesem Zweck werden in der Luisenstraße in Berlin-Mitte und auf dem HU-Campus Adlershof Gründerhäuser betrieben, in denen Startups Büros zur Verfügung gestellt werden. Auch “Scolibri“ hat dort seine Räumlichkeiten.

Einer der beratenden Experten ist Volker Hofmann. Der Teamleiter im Bereich Spin-Off-Management der Humboldt-Innovation GmbH bietet außerdem den BZQ-Kurs “Startup – Der Weg in die Selbstständigkeit“ am Career Center der HU an. Als “Spin-Offs“ werden die Unternehmen bezeichnet, die aus oder unmittelbar nach dem Studium an der HU gegründet werden. „Jeder, der eine Idee hat, kann diese mitbringen, und wir erarbeiten dann gemeinsam einen Businessplan“, erklärt Hofmann und ergänzt: „Wir legen viel Wert darauf, dass erfolgreiche Gründer in den Kurs kommen und von ihren Erfahrungen erzählen“. Doch nicht alle Kursteilnehmer haben schon konkrete Ideen. „Zu Beginn des Kurses stellt jeder sich selbst und seine Expertise vor.“ Dadurch fänden immer wieder motivierte Leute zusammen, die voneinander profitieren könnten.

Kommt es dann zur Unternehmensgründung, gibt es beim Gründungsservice umfangreiche Unterstützung. Diese reicht von der Beratung für das geeignete Geschäftsmodell, über das Schreiben eines Businessplans bis hin zum Finden geeigneter Mitgründer oder Investoren. „Wir haben zusammen mit den anderen Berliner Universitäten einen Stellenpool. Ziemlich oft sind unsere Teams interdisziplinär ausgerichtet, sodass Helfer aus anderen Fachrichtungen gesucht werden“, erklärt Volker Hofmann und fügt hinzu: „Zudem vermitteln wir die jungen Leute auch an zahlreiche Förderprogramme, mit denen wir in Kooperation stehen“. Ab Dezember gibt es außerdem einen regelmäßigen Stammtisch. Jeden ersten Dienstag im Monat können Interessierte dann beim “Gründl“ in der Luisenstraße 53 Ideen austauschen und Unterstützer suchen. Wichtig für ein erfolgsversprechendes Startup sei laut Hofmann neben einer innovativen Idee vor allem die Harmonie im Team. Die Motivation müsse so groß sein, dass trotz der vielen Arbeit auch Rückschläge verkraftet werden könnten – und am Ende brauche man natürlich auch das berühmte Quäntchen Glück.

Die Unterstützung trägt Früchte. „Die Überlebensrate unserer Existenzgründungen liegt bei etwa 80 Prozent, was bundesweit gesehen sehr hoch ist“, berichtet Hofmann. Die “Spin-Offs“ der HU haben häufig großen Erfolg. So kann beispielsweise “sofatutor“, ein Anbieter für Online-Nachhilfe, mittlerweile mehr als 57.000 Nutzer verzeichnen. Das 2009 gestartete “Barcoo“ wird sogar von etwa 2,5 Millionen Menschen genutzt. “Barcoo“ ist eine App für das Smartphone, mit dem der Strichcode von Produkten eingescannt werden kann. Dabei werden über das Internet Informationen zu dem Produkt und Vergleichspreise abgerufen. Als im vergangenen Jahr beispielsweise in einigen Lebensmitteln Pferdefleisch gefunden wurde, konnte die App auf Knopfdruck anzeigen, ob ein Produkt bekanntermaßen belastet war. An der HU wurde auch das Startup des Jahres 2011 entwickelt: “UPcload“ bietet eine Software an, die es dem Nutzer ermöglicht, seine Kleidergröße mit Hilfe einer normalen Webcam zu messen, um online die perfekte Größe zu bestellen. Händler erhoffen sich davon, die hohen Retourenquoten zu senken. Auch das soziale Netzwerk studiVZ wurde von Studierenden der HU entwickelt. Insgesamt sind bei den “Spin-Offs“ über 550 Mitarbeiter beschäftigt.

Doch manche Projekte beginnen sogar noch vor dem Studium. Annika Rammelt entwickelte in der Schulzeit mit einigen Freunden im Rahmen eines Wettbewerbs den Reiseführer “Berlin to go“. Abseits von den bekannten Zielen sollten die vielen schönen versteckten Orte Berlins vorgestellt werden: Das kleine Café nebenan, der ruhige Ort im Park oder das ungewöhnliche Museum. „Der Stadtführer soll Touristen eine persönliche Perspektive auf Berlin bieten“, erklärt Rammelt. Für die erste Auflage stellten die Freunde ihren Stadtführer persönlich in Buchläden vor – am Ende nahmen ihn sogar die großen Buchhandlungen Dussmann und Hugendubel in ihr Sortiment auf. Die 1.000 gedruckten Exemplare waren schnell ausverkauft. Zu Beginn des letzten Jahres gründeten die mittlerweile Studierenden dann den “Großstadtkind Verlag“, der die zweite Auflage herausgeben wird – diesmal in einer höheren Stückzahl, mit neuen Entdeckungen, überarbeitetem Design und in einer englischen Übersetzung. „Wir sind mit dem Projekt gewachsen“, resümiert Annika Rammelt. „Unsere Organisation hat sich professionalisiert. Das Unternehmen muss jetzt erwirtschaftete Gewinne versteuern, wir haben zwei gewählte Geschäftsführer, eine Satzung und haften für jeden Fehler.“ Nicht alle wollten diesen Schritt mitgehen. Drei der Gründer sind wieder aus dem Verlag ausgetreten, weil ihnen die zusätzliche Belastung neben dem Studium zu hoch wurde.

Das Problem der Doppelbelastung kennen auch die Gründer von “Scolibri“ zur Genüge. Bereits seit eineinhalb Jahren sind sie jeden Tag mit dem Aufbau ihres Startups beschäftigt. Daneben bleibt wenig Zeit für Studium und Ausbildung. Ab einem gewissen Punkt mussten die Gründer sich entscheiden – Uni oder Unternehmen? Die Begeisterung für ihre Idee gab den Ausschlag. Der Abschluss von Lukas Lehramtsstudium, Laurins Lehre und Tobias Wunsch, einen Master in Wirtschaftskommunikation zu absolvieren, stehen erst einmal hinten an. Der Erfolg der Plattform wird darüber entscheiden, ob die drei ihre jeweilige Ausbildung zu Ende bringen. Bisher finanzieren sie sich über das Programm “Exist“, einem Stipendium des Bundeswirtschaftsministeriums. Dabei erhalten Gründer von erfolgsversprechenden Unternehmen ein Jahr lang eine monatliche Unterstützung zwischen 800 und 2500 Euro, um sich voll auf die Startup-Entwicklung konzentrieren zu können.

Neben den drei Gründern besteht “Scolibri“ aus einem Praktikanten und zwei festen Mitarbeitern. Zwischendurch hatte das Unternehmen sogar neun Angestellte, dann fehlte aber das Geld dafür. „Dass wir keinen sicheren Arbeitsplatz bieten können, war allen vorher bewusst“, merkt Tobias Hönig an. Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – sind sie mit vollem Elan dabei. Aktuell konzentrieren sie sich darauf, ihre Plattform marktreif zu machen und Kunden zu finden. Langfristig soll sich “Scolibri“ als Bildungssoftware etablieren. „Bedarf ist vorhanden – bei 40.000 Schulen in Deutschland ist der Markt groß genug“, ist Hönig überzeugt. Bis die drei Gründer ihr Ziel erreicht haben, ist es allerdings noch ein weiter Weg, denn bisher nutzt nur eine Schule die Plattform. Auf die Frage, ob es ihnen trotzdem noch Spaß mache, lachen sie: „Sonst würden wir ja nicht hier sitzen und mehr als 40 Arbeitsstunden pro Woche investieren!“