closeDurch die Neugestaltung unserer Seite im April 2014 werden alte Artikel nicht immer korrekt dargestellt. Wir bitten Fehler bei Bildern, Autoren und der Formatierung zu entschuldigen.

Bis zum 10. Juli wartet die Kleine Humboldt Galerie mit einer Schau zur Leistungsgesellschaft auf. In der Ausstellung „Aufwachen! Besser machen“ im Lichthof des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin werden Werke von zwölf nationalen und internationalen Künstlern präsentiert, sales die sich mit den oft bemühten Sujets von Rastlosigkeit, patient Getriebenheit und Effizienzsteigerung in der Leistungsgesellschaft auseinandersetzen.

Den philosophischen Unterbau liefert das Schlagwort der „Müdigkeitsgesellschaft“ des deutschen Autors und Professors an der Universität der Künste Berlin (UdK), Byung-Chul Han: eine Gesellschaft, die immer weiter an der Leistungsschraube dreht, immer aktiver werden will, bis die eigenen Ressourcen erschöpft sind. Die Collagen, Filme, Zeichnungen und Installationen der Ausstellung sind dementsprechend auch Zeugnisse des Scheiterns und (vergebliche) Versuche des Widerstands gegen die Trends einer immer hektischer erscheinenden Zeit.

Das relativ lose Konzept erlaubt es, viele verschiedene Ansatzpunkte und Themen unter dem Aspekt der Ruhelosigkeit zu vereinen. Eines der interessantesten Werke ist Larissa Fasslers „Kotti“, eine Kartographie der Gegend rund um das Kottbusser Tor. Fassler hat das Gelände in Schritten vermessen und das tägliche Treiben dort aufgezeichnet und kommentiert. An vielen Stellen werden auf der Karte kleine Szenarien geschildert („man sitting on stair rolling papers in hand“) und Sinneseindrücke wiedergegeben („very little sun“, „reeks of piss“). Und inmitten all der Beschriftungen, hinter dem Umriss des Festsaal Kreuzberg, bemerkt man in winziger Schrift die Notiz: „feels very unsafe“.

Auf einem großen Bildschirm läuft währenddessen der Kurzfilm „Tinker Tailor Soldier Sailor“ der UdK-Schülerin Giulia Giannola in einer Endlosschleife. In dem Film, der den Vorgang des Entkernens von Wassermelonen als Fließbandarbeit darstellt, teilen sich Arbeiter die Aufgabe in einem bis ins Sinnlose zergliederten Produktionsprozess und wiederholen währenddessen stupide den immer gleichen Kinderreim.

Eva Kotátkovás „education machines“ treiben den Optimierungswahn auf andere Weise auf die Spitze. In Collagen und Skulpturen präsentiert sie surreale Konzepte zur Verbesserung von Körperhaltung und Disziplin, um Lernprozesse zu optimieren. Die Bildwerke erscheinen grotesk, Kotátkovás Metallobjekte und Skelette erwecken zum Teil den Eindruck mittelalterlicher Folterinstrumente.

Die Arbeiten von Ma Quisha und Kathe?ina Šedá zeigen abseits von überzeichneten Erziehungsidealen ganz reale Folgen von Leistungsdruck in der aktuellen Ausbildungs- und Arbeitswelt. In ihrem Dokufilm „From No. 4 Pingyuanli to No. 4 Tianqiaobeili“ erzählt Ma Quisha eindringlich von der Enttäuschung ihrer Eltern darüber, dass deren einziges Kind ein Mädchen geworden ist, und den hohen Anspruch der Eltern an Quishas Ausbildung.

Die tschechische Künstlerin Šedá hat wiederum ihre Großmutter interviewt, welche nach 33 Jahren Arbeit in einem Haushaltswarengeschäft immer stärker in Depressionen abgeglitten war. Ihre Antwort auf fast jede Frage der Enkelin war schlicht „It doesn’t matter“, was zugleich der Titel des Werkes wurde. Erst durch das Zeichnen von Gegenständen, die in dem Laden einst angeboten wurden, begann die Großmutter wieder zu erzählen. Das Ergebnis sind 600, oft schematisch und wie Kinderkritzeleien erscheinende Zeichnungen, von denen 14 im Lichthof ausgestellt sind. Begleitet werden die Bilder von einem Kurzfilm mit Šedás Großmutter im Heimvideostil.

Auswege aus der Leistungsgesellschaft bieten die „Burnout-Box“ von Gesa Glück, eine klaustrophobisch kleine Holzkiste zum Abschotten vom Stress der Außenwelt, konstruiert nach dem Vorbild des Aussteigerromans „Walden“ von Henry David Thoreau, oder die Dokumentation zur „Tagesfiliale Köbberling Elektronik“. In letzterer hat Folke Köbberling aus dem insolventen Elektrohandel ihres Vaters kurzerhand eine Bauchladenfiliale gemacht, mit dem sie in Einkaufszentren elektrische Widerstände verkaufte. Der Widerstand als Symbol des Widerstands ist zwar arg plakativ, die Aktion glänzt jedoch in der Ausstellung durch eine Performance-Dokumentation mitsamt Mitarbeiter-Lehrvideo, stilecht präsentiert auf einem Röhrenfernseher und untermalt von passendem Infomercial-Gedudel.

Die Auswahl der Werke in „Aufwachen! Besser machen!“ ist vielschichtig und fügt sich dennoch zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Der Optimierungsdruck wird dabei dezidiert beleuchtet, ohne belehren zu wollen. Die Kunst selbst reicht von skizzenhaftem Ideenpotpurri bis zu einfallsreichen Aktionen, die oft ein genaueres Hinschauen erfordern. Dann gelingen zugleich die spannendsten Einblicke in den Alltag.

Info:

Die Ausstellung „Aufwachen! Besser machen!“ ist noch bis 10. Juli 2013 im Lichthof des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität zu Berlin (Unter den Linden 6) zu finden. Am letzten Tag der Ausstellung folgt der Vortrag von Hito Steyerl, „The Spam of the Earth: Withdrawal from Representation“, über den Ursprung des heute allgegenwärtigen Wortes SPAM. Am 24. Juni, 20 Uhr, wird zudem der Dokumentarfilm „The Next Life“ von Fan Jian im Kinosaal im Hauptgebäude aufgeführt, der die Folgen des Erdbebens im chinesischen Wechuan 2008 im Zusammenhang mit der Ein-Kind-Politik in China beleuchtet.