The Dark Knight Rises
Geschrieben von Philipp Sickmann und Susanna Ott
Berlin, 27. Juni 2012
Erste Meinung (Philipp Sickmann)
Die Plakate zu “The Dark Knight Rises“ (TDKR) hatten es im Vorfeld schon angedeutet: Vor pechschwarzem Hintergrund stehen die Protagonisten der Batman-Saga im starken Regen, als würde soeben ganz Gotham über ihnen zusammenstürzen. Das unheilschwangere Motiv steht sinnbildlich für TDKR. Im letzten Teil seiner Trilogie erhöht Regisseur Christopher Nolan noch einmal die Einsätze: Diesmal steht das Schicksal jedes einzelnen Bürgers von Gotham City auf dem Spiel – und nicht zuletzt das Leben ihres Beschützers selbst.
Jener hat sich zu Beginn des Films aus dem Rampenlicht zurückgezogen. Acht Jahre nach dem Tod von Harvey Dent erlebt Gotham eine Zeit des Friedens. Dank des “Dent-Gesetzes”, das zu Ehren des vermeintlichen Helden erlassen wurde, konnten zahllose Verbrecher der Stadt ins Gefängnis verbannt werden. Bruce Wayne (Christian Bale) sowie Batman hingegen sind seit den Geschehnissen von “The Dark Knight“ nicht mehr öffentlich gesehen worden. Wayne hat seine milliardenschwere Firma sich selbst überlassen und vegetiert als schwächlicher Eremit in seinem Anwesen vor sich hin.
Doch schon bald wird er wieder gefordert: Erst weckt ein Überfall der listigen Selina Kyle (Anne Hathaway) seine Neugier. Dann taucht mit Bane (Tom Hardy) eine erneute Bedrohung für die Stadt auf. Der maskierte Hüne stellt im Untergrund Gothams eine Armee zusammen. Bane, der ebenso wie einst Bruce Wayne zur mysteriösen “Gesellschaft der Schatten” gehörte, will mit aller Gewalt die Stadt ins Chaos stürzen und vernichten.
Dieses „Alles oder nichts” beschreibt zugleich das Finale der Nolan-Trilogie. Nach dem Erfolg von “Batman Begins“ erschuf der Regisseur mit “The Dark Knight” den Prototypen des erwachsenen Superheldenfilms und zugleich das Paradebeispiel für zeitgemäßes Actionkino. TDKR tritt also ein schweres Erbe an. Zu scheitern droht der Film allerdings erst an seinen eigenen Ambitionen.
Dabei knüpft der Film nicht nur mit seiner Geschichte nahtlos an die beiden Vorgänger an. Die Charakterpalette ist gegenüber dem Vorgänger kaum verändert und wurde nach dem Ausscheiden von Two-Face und dem Joker um Catwoman und Bane erweitert. Letzterer konnte sich in den 90ern in den Comics als Widersacher etablieren. Bane ist der einzige, der Batman je besiegt hatte, indem er ihm das Rückgrat brach. Seine Gegner tötet er mit den bloßen Händen, sein Antrieb ist purer Schmerz aus den Erfahrungen seiner Kindheit. “Schmerz” ist nach Chaos (The Dark Knight) und Angst (Batman Begins) das Hauptmotiv des neuen Batman-Streifens. Tom Hardy wirkt mit Maske und wahnsinnigem Blick ungemein bedrohlich und ist ein würdiger Nachfolger für Heath Ledgers – nach wie vor – unerreichtem Joker.
Hathaway lässt zudem Halle Berrys völlig missratenen Auftritt als Catwoman im gleichnamigen 2003er Gurkenfilm vergessen, was ebenfalls hoch zu bewerten ist. Zuletzt komplettieren die “Inception”-Stars Joseph Gordon-Levitt und Marion Cotillard den ohnehin hochkarätig besetzten Cast, wobei insbesondere Gordon-Levitt endgültig in Hollywoods A-Klasse angekommen zu sein scheint.
Ebenso wie mit dem Cast bewegt sich der Film auch technisch auf Topniveau. Ausstattung, Schnitt, Einstellungen, Stunts gehören zum State-of-the-Art des Kinos und sorgen ein ums andere Mal für offene Münder. Und mit den Actionszenen übertrifft sich die Batman-Crew wieder einmal selbst. Der Flugzeug-Überfall im Prolog ist einfallsreich und zeigt nie zuvor gesehene Bilder. Nach dem Überfall auf Gothams Börse wartet wenig später eine atemberaubend gefilmte Verfolgungsjagd, während der in einem Tunnel dank Batmans Gadgets auch mal komplett die Lichter ausfallen. Das Ganze ist selten eine stumpfe Zerstörungsorgie, sondern sorgsam choreografierte, clever aufgebaute Stunts, die mit monströsen Massenaufläufen umzugehen hat. Und – dafür kann man Nolan gar nicht genug danken – der Film kommt ohne 3D und CGI-Überdosis aus. Das macht vielleicht sogar den Reiz der Szenen aus.
Doch dass TDKR nicht an Action und Schauspielern scheitern wird, war abzusehen. Wirklich knifflig wird es in Sachen Story. Nolan nimmt sich hier mit zusammen mit Story-Autor David S. Goyer und seinem Bruder und Co-Drehbuchautor Jonathan Nolan eine ganze Menge vor: TDKR erzählt eine eigene Geschichte, führt neue Bösewichter und Verbündete ein, greift auf die Geschehnisse in Teil 1 und Teil 2 zurück, will Batman einen würdigen Abschluss beschweren und zugleich ein paar Andeutungen für die Zukunft offen lassen. Dazu baut der Film Themen wie Anarchie, Öko-Technologie, Kernfusion und eine Kritik der Finanzmärkte und des Kapitals ein. „Überambitioniert” ist hierfür noch stark untertrieben.
Umso höher muss man den Autoren anrechnen, dass sie ihre Ziele – mit Abstrichen – allesamt erfüllen. TDKR ist dadurch auch definitiv ein würdiger Abschluss der Trilogie geworden.
Was funktioniert, ist vor allem der Aufbau der Geschichte in der ersten Hälfte. Hier werden dutzende Fäden gesponnen, die sich alle überkreuzen, zusammenlaufen und so nach und nach ein faszinierendes, überraschendes Gesamtbild ergeben. Wie Banes Überfall zu Beginn und ein Einbruch in Wayne Manor mit der Übernahme von Wayne Enterprises durch einen windigen CEO zusammenhängt, kommt nach und nach ans Licht. Und auch die Figuren erhalten, jede für sich, eine gewisse Portion Tiefe und eigene Persönlichkeit. Obwohl der Film stolze 164 Minuten Länge hat, ist dies ein Tanz auf engstem Raum: Wie schon in “The Dark Knight“ und “Inception“ nutzt Nolan jede Minute des Films, um Informationen zu säen, unerwartete Wendungen einzubauen oder die Figuren in clevere Wortduelle zu verwickeln.
Dennoch wird man das Kino nicht völlig zufrieden verlassen. Als mir nach dem Kinobesuch das Theme von Hans Zimmer noch immer im Gehörgang festsaß, blieb zugleich ein diffuses Gefühl zurück, dass der letzte Batman-Teil es irgendwie nicht mit dem Vorgänger The Dark Knight aufnehmen kann. Liegt es vielleicht an der fehlenden Unberechenbarkeit, die der Joker einst so vollendet verkörpert hat? Liegt es an der arg oberflächlich eingemengten Kapitalismuskritik, und dass Gothams Bewohner nun kaum mehr sind als ein tollwütiger Mob, getrieben vom Spiel der Naturgewalten? Ist es, dass die Illusion von Gotham nun immer mehr in der Kulisse von New York verloren geht? Oder ganz schlicht und ergreifend, dass viele Szenen bei Tageslicht spielen?
Es ist letztendlich etwas, dass Nolan bei seinen vorherigen Filmen wie “The Prestige“, “Inception“ oder eben “The Dark Knight“ so ausgezeichnet gelungen ist: Das Tempo stimmt nicht, insbesondere in der zweiten Hälfte. Zum einen möchte Nolan all seine Geschichten und Figuren und Themen zu Wort kommen lassen, was unweigerlich dazu führt, dass vieles angerissen, aber wenig zu Ende gebracht wird. Dutzende Eindrücke folgen rasend schnell aufeinander und türmen sich auf, ein apokalyptisches Hieronymus-Bosch-Gemälde, das der Regisseur in zweieinhalb Stunden zu einem 1000-Teile-Puzzle zusammensetzen möchte. Während Nolan-Filme schon immer atemlos und hochkonzentriert gewesen sind, überschlägt sich hier der Film, TDKR steht kurz vorm Hyperventilieren. Auch der Anspruch des Films leidet darunter: Als reifer Superhelden-Film schneidet man auch ernste Themen und zeitgenössische Probleme an, doch wird diesen häufig nicht gerecht. Die moralischen Appelle wirken deshalb gelegentlich deplatziert und überkandidelt. Dann regiert das Klischee des ewig guten Helden und die bedeutungsschwangeren Dialoge verpuffen im Nichts.
In der zweiten Hälfte dann geht die Dynamik verloren. Der Grund hierfür ist, dass bis dahin die Karten auf dem Tisch liegen und Bane nicht mehr als Element des Terrors aktiv in Erscheinung tritt. In “The Dark Knight“ war der Joker die treibende Kraft, immer einen Schritt voraus, immer auf den nächsten großen Wahnsinnscoup bedacht. Bane beschränkt sich irgendwann auf bedrohliche Mimik und das Zücken von Klaviersaiten.
Letztlich steht sich der Film selbst im Weg. Es ist Nolan dennoch ungemein hoch anzurechnen, dass er – bis auf ein paar Plotlöcher – eine so ausgefeilte und komplexe Geschichte zusammenstellt. Mehr noch, das Ende der Trilogie hätte ihm gar nicht besser gelingen können, so rund und geschickt wie die Geschichte des dunklen Ritters letztendlich auf den Punkt gebracht worden ist. Auch wenn TDKR kein neues Meisterwerk geworden ist, so bringt es die Trilogie zu einem würdigen Abschluss mit einem epischen Finale und den vielleicht emotionalsten Momenten der Batman-Saga. Nolan, Bale, Caine, Oldman und Co. erschufen eine Welt die dem Mythos Batman gerecht wird und eine der stärksten Trilogien des Action-Genres darstellt. Danke dafür.
Zweite Meinung (Susanna Ott)
Die Dark-Knight-Trilogie von Christopher Nolan erlebt mit TDKR einen zweieinhalbstündigen, fulminanten und epischen Abschluss, in dem der Regisseur Batman erneut als einen menschlichen und verwundbaren Superhelden darstellt.
In der ersten Hälfte des Films sieht man den ehemaligen Superhelden schwer gezeichnet vom Kampf um Gotham City mit einer Krücke über die Leinwand humpeln. Geschwächt und gealtert geht er sogar zum Arzt, um sich eine beklagenswerte Diagnose verpassen zu lassen. Obendrein ist er in den Augen derer, die er verzweifelt versucht zu retten, kein Held, sondern schlicht ein Verbrecher.
In diesen Zeiten des lädierten und verbitterten Helden lässt Nolan einen Sturm aufziehen, den er mit prachtvoller Zerstörung, fesselnden Nahkämpfen, atemberaubenden Effekten, packenden Verfolgungsjagden und zahlreichen Wendungen verbindet. Der Sturm fegt in Gestalt von Bösewicht Bane über Gotham City. Er bringt Terror, Angst und Anarchie mit sich. Durch ihn übt Nolan auch Kritik im Film, politisch, philosophisch, und als Produkt menschlicher Grausamkeit.
Wenn Batmans neuer Gegner die Börse stürmt und die Stadt Gotham den Bürgern zurückgeben will, scheint es, als sei Bane nicht nur ein bulliger und maskierter brutaler Gesetzloser, sondern auch ein vermeintlicher Sozialrevolutionär. Leider verliert der an sich furchteinflößende Charakter aufgrund schlechter Synchronisation ein wenig an Bedrohlichkeit.
Im bildgewaltigen, nahezu apokalyptischen Abschluss seiner Reihe stellt Nolan Batman eine bekannte Comic-Heldin an die Seite, einen wahrgewordenen Männertraum: Catwoman. Sie bringt die nötige Eleganz in den Film. Mit coolen Sprüchen und frechen Dialogen erscheint Gotham dank ihr nur noch halb so düster.
TDKR ist ein gebührender und vor allem sehenswerter Abschluss von Nolans Batman-Trilogie. Ein Epos von Verzweiflung und Hoffnung, Selbstaufgabe und Rücksichtslosigkeit, dem Kampf von Gut gegen Böse und ein tadelnder Finger zur Ungleichheit von Armen und Reichen.
USA 2012, 164 Minuten, FSK 12
Regie: Christopher Nolan
Darsteller: Christian Bale, Tom Hardy, Joseph-Gordon Levitt, Anne Hathaway und andere
Seit dem 25. Juli 2012 in den deutschen Kinos



