Luftzug
Geschrieben von Héla Hecker (25, Kulturwissenschaft, HU Berlin)
Berlin, 11. Juli 2012
I.
Mein Großvater verbrannte die Tagebücher meiner Großmutter nachdem sie starb. Sie schrieb ihr ganzes Leben lang, an jedem Morgen und an jedem Abend. 1961 kam sie aus Westberlin nach Ungarn und nahm ihr Radio, Goldschmuck, ihre Jugendstil-Möbel und ihren Wiener Flügel in ein kleines ungarisches Dorf mit. Da war ihr Mann Pfarrer. In ihrem ersten gemeinsamen Haus stritten sie sich darüber, auf welcher Höhe die Mucha-Bilder hängen sollten. Die Nägel, die meine Großmutter tagsüber in die Wand haute, zog mein Großvater mit der Zange in der Nacht heraus. Er durfte keinen Lärm machen, sonst wäre seine Frau aufgewacht, deshalb drückte er die herausgezogenen Nägel mit aller Kraft seines rechten Daumenfingers an einer niedrigeren Stelle in die Lehmziegel. An diesem rechten Daumenfinger merkte meine Großmutter, dass ihr Mann in der Nacht die Gemälde umgehängt hatte. Sie hätte es ansonsten nie gemerkt, da ihr Augenmaß schlecht war. Aber wenn mein Großvater ihr über die Wange strich, spürte meine Großmutter seinen Finger, so als ob er stottern würde. So mündeten seine Umarmungen in Schimpfwörtern, meine Großmutter raste in die Kammer, holte die Zange, zog die Nägel aus der Wand und steckte sie in die Löcher, die sie schon früher in die Wand gehämmert hatte, zurück.
1968 zogen sie nach Budapest um. Während in der westlichen Welt die Jugend revoltierte, erregte in Budapest meine Großmutter Aufsehen. Sie lief durch die Andrássy Allee, strahlend blond und blauäugig, im Pelzmantel und mit goldenen Ohrringen. Sie hielt die Hand meines Großvaters und rief laut auf Deutsch in die graue Budapester Luft: Ach Zoltán, das Leben ist doch wunderbar, nicht wahr? Sie schimpfte mit der Lehrerin, die meinen Vater am Nachmittag als Bestrafung ins Klassenzimmer eingesperrt hatte und drohte ihr mit einer Anklage, falls sie das noch einmal täte. Eigentlich war aber meine Großmutter diejenige, die sich vor einer Bespitzelung hätte fürchten sollen – nach dem Fall des Kommunismus fand man eine dicke Mappe mit Berichten über sie. Sie war rücksichtslos selbstsicher, im Gottesdienst sang sie die Lieder lauthals mit deutschem Text, im Bistro schickte sie die lauwarme Suppe beleidigt in die Küche zurück. Sogar nach vierzig Jahren sprach sie die Landessprache gebrochen und mochte es nicht, dass ich kein Deutsch konnte. Manchmal weigerte sie sich deshalb tagelang, mit mir zu reden. Wenn ich mir doch einen Satz auf Deutsch zugetraut hatte, verbesserte sie mich. Nicht È-uropa, sondern Ajropa, aj am Anfang kein é! Zu meinem fünfzehnten Geburtstag schrieb sie mir einen Brief, in dem sie mir befahl, ausschließlich auf die innere Stimme zu hören. Sie wird dir sagen, was du zu tun hast und wird dich niemals irreführen!
Ihre Worte verstand ich erst nach sechs Jahren, als sie schon tot war. Damals wuchs in mir die große Sehnsucht, ihre anderen Worte auch lesen zu können. So erfuhr ich, dass mein Großvater ihre Tagebücher an einem Herbstnachmittag im überwucherten Garten verbrannt hatte. Diese Suche nach ihren verwischten Spuren war es, die mein Ankommen in einem fremden Land in eine Heimkehr wendete.
II.
Über mir der Himmel über Berlin. Jetzt auch schon meiner. Die schlechte Luft in meiner Lunge ist ab heute die Berliner. Meine Haare werden immer dunkler, weil es keine ungarische Hitzesonne mehr gibt. Terminal D, Flughafen Tegel. Ich stehe am Laufband, mein Herz schlägt nervös vor der Angst, ob alle meine Sachen mit mir gelandet sind. In mir hallt nur ein einziger Satz. Berlin, meine Liebe – schließen Sie bitte die Augen. Ich würde sie schließen, wenn ich nicht grad ein Taxi suchen müsste. Von meinen Eltern habe ich extra dafür Geld bekommen. Sie hätten mich am liebsten per Luftpost, sicher eingepackt und beschriftet „Vorsicht, zerbrechlich!“ nach Berlin gesendet.
Nach drei Wochen spürte ich, in welchem Takt die Verkehrsregeln Berlins pulsieren. An einem Abend als ich in der Dunkelheit durch die Friedrichstraße nach Hause fuhr, lernte ich sogar mit den Taxis umzugehen. Die Ampel war rot und ich wollte mit meinem Fahrrad ganz nach vorne rollen. Ein Taxifahrer hatte wieder vergessen, dass die Straßen nicht wegen seines fetten Mercedes so breit sind und platzierte seinen Wagen ganz eng an der Bürgersteigkante. Da die Selbstsicherheit der Berliner Radfahrer mich schon gepackt hatte, wollte ich an ihm vorbei – und dann geschah es: Ich stieß mit meinem Lenkrad gegen seinen Rückspiegel. In demselben Augenblick wurde es grün, ich fuhr also sofort weiter, von einem trommelfellreißenden Hupen begleitet. Damals hatte ich noch keine gesunde Arroganz absorbiert, war also nicht fähig so zu tun, als wäre nicht ich gemeint. Auf der anderen Straßenseite hielt ich an, der Taxifahrer bremste neben mir. Er sprang aus seinem Auto und ging mit donnernden Schritten auf mich zu – aber bevor er hätte auf mich losgehen können, überholte ich ihn: Es tut mir wirklich, wirklich leid, tausendmal Entschuldigung, ich hoffe es ist nichts Schlimmes passiert, es war echt nicht mit Absicht, sorry, sorry. Der Mann blieb stehen, seine zum Schreien vollgeatmete Lunge räusperte. Er stand im Hagel meiner Entschuldigung und die Eisstücke erledigten seine Schimpfwörter. Dann passen Sie doch mal besser auf - presste er endlich aus seinem Mund, stieg wieder in sein Auto und fuhr davon. So einfach geht es – dachte ich. Man müsse nur zugeben, dass man selbst ein Idiot sei, um die Idioten zu besiegen. Gleichberechtigung löst alle Probleme.
III.
Dass meine Großmutter sich der Welt gegenüber im Recht wusste, hätten ihre dutzendfachen Tagebücher bestätigt. Bevor sie aber starb, hörte sie auf zu schreiben. Ihr Gesicht veränderte sich allmählich, als würde sie andauernd etwas Fesselndes betrachten. Nicht als jemand, der sein Objekt nicht aus den Augen lassen will, sondern als jemand, der gefangen ist und sich nicht mehr befreien kann. Ihre großen, weitgeöffneten, blauen Augen wurden Tag für Tag mit dunkleren Augenringen schattiert, die Spannung der Muskeln wurde aus ihrem Gesicht weggewischt, als würde die Schwerkraft mit übermäßiger Bemühung an ihren Lidern und Lippen, ihrer Nase und ihrem Kinn zerren.
Früher las ich in Büchern, dass man, bevor man stürbe, den Tod sähe. Den Knochenmann, den Todesengel, den Schnitter oder den Thanatos, je nach Glaubensrichtung. Wenn ich meine Großmutter anblickte, wusste ich aber, dass das nicht stimmte. In ihren Augen sah ich nicht das befürchtete Ende, sondern den Anfang und das Durcheinander von all dem, was seither geschah, die gleichzeitige Anwesenheit von allen Bruchstücken, aus denen ihr Leben bestand. Die Zusammenhänge und das ganze Gerüst, das so sorgfältig und präzise aufgebaut wurden, verschwanden. Ihre Augen sahen immer das Gleiche: alles auf einmal. Sie konnte sich nicht mehr schützen, sie wurde zu einem Durchgangszimmer, in dem ein Luftzug tobte und wo keiner da war, die Fenster zu schließen. Sie war nicht mehr da.
IV.
Ich war noch nicht da. Auf dem Weg vom Flughafen ins Stadtzentrum beginnt mein Ankommen. Ich sitze im Taxi von einem Mann aus Ankara, meine Ohren suchen pausenlos nach Silben aus denen ich die Bedeutung seiner Sätze zusammenbasteln könnte. Ich bin noch eine Ungarin und die Verständnisgleise in meinem Kopf wurden noch nicht umgestellt. Die Kernaussage verstehe ich aber. Jetzt bischst du auch ein Berliner. Er lacht. Ich lache mit. Heute würde ich ihn verbessern. Eine Berlinerin.
Während meine Ohren ums Verstehen kämpfen, saugen sich meine Augen zum ersten Mal mit Bruchstücken dieser Stadt voll. Grün, meine Güte, wie viel grünes Zeug überall! Ich bin aber noch eine Budapesterin und suche nach den Gebirgen – meine Augen können nicht ruhen, ihnen fehlt der Stützpunkt eines Berges. Dann treffen der Landwehrkanal und ich uns zum allerersten Mal. Ist ja keine Donau, aber immerhin Wasser. Ich klingele an der Tür des Wohnheims, der Inspektor öffnet mir, ich stelle mich vor. Er fragt mich, woher ich so gut deutsch könne. Ich verstehe seine Frage nicht und muss ihn bitten, sie zu wiederholen.
Nach drei Berlin-Monaten hatte ich das Gefühl, ich wäre eine 36-Bilder-Filmrolle in der schon 97 Augenblicke eingebrannt waren. Ständig unterwegs sein, neue Leute kennen lernen, Uniwechsel, neue Geschmäcke, Gerüche, fremde Verpackungen im Supermarkt. Ich wurde zu einer Öffnung, durch die die Welt mit ihren Impulsen und Reizen mühelos herein- und herausspazieren konnte. Sie lud ihren Müll bei mir ab und nahm meine Schätze mit oder eben umgekehrt, ich konnte mich jedenfalls nicht wehren, kein Gegenwort sagen. Als wäre ich zu einem Durchgangszimmer geworden, in dem ein Luftzug tobte. Jemand musste die Fenster schließen.
Ich kaufte mir ein Tagebuch, aber hatte vorm Schreiben Angst. Vor dem leeren Papier, das sich mit nichts füllen ließ, vor den Wörtern, die im weißen Feld herumirrten, vor ihrem Pathos, vor ihrer Alltäglichkeit, vor ihrer Bedeutungslosigkeit. Ich kämpfte mit ihnen, in meiner Muttersprache unterlag ich in sämtlichen Schlachten. In das neue Tagebuch schrieb ich den ersten Satz auf der Sprache meiner Großmutter und verlor die Angst. Von Anfang an war es klar: Unmöglich kann ich siegen. Die neue Sprache wird sich nicht an mich schmiegen, bei ihr kam mir der Wunsch, sie zu beherrschen, schon gar nicht in den Sinn. Sie war nicht meine, weil ich nicht in ihr geboren war. Mich erfüllte die Gelassenheit des Verlierers. Alles was ich konnte, war eine unerschöpfliche Neugierde: wie weit lässt mich diese Sprache in sich wandern? Jede entdeckte Grenze, meine Sprachbedürftigkeit, war ein Türspalt, der mich in das nächste Zimmer blicken ließ. Ich durfte immer neue Zimmer betreten, Türen aufmachen und Fenster schließen.
V.
Worte, Worte, Worte. Nach ihren Spuren zu suchen, heißt schließlich mit ihren Augen auf ihre ursprüngliche und meine neue Umgebung zu blicken – mit ihrem offenen blauen Blick, mit einer Prise Frechheit, die zu Berlin so gut passt.


