Cosmopolis

Robert Pattinson, Foto: Alfama Films

Geschrieben von Philipp Sickmann

Berlin, 5. Juli 2012

Regisseur David Cronenberg, bekannt durch “Naked Lunch”, “eXistenZ“ und “A History of Violence“, schickt in seinem neuesten Film “Cosmopolis” Robert Pattinson auf einen Selbstzerstörungstrip durch New York.

Eingepfercht in seiner Limousine, einer rollenden High-Tech-Kammer, schleicht Pattinson als Eric Packer, Milliardär und Geschäftsmann, im Schritttempo durch den Big Apple. Ziel seiner Reise ist ein Frisörsalon am anderen Ende der Stadt, in dem er sich die Haare schneiden lassen möchte. Doch auf dem Weg treten unerwartete Hindernisse auf: Der amerikanische Präsident ist in der Stadt, antikapitalistische Aufstände machen die Straßen unsicher und einem toten Rapper wird auf den Straßen der Stadt die letzte Ehre erwiesen. Packer beobachtet von seiner Karosse aus, wie die Stadt um ihn herum im Chaos versinkt. Immer wieder kommen seltsame Weggefährten auf Zeit in sein Auto: joggende Managerinnen, sein Leibarzt, und auch Packers Ehefrau, die er fortwährend mit anderen Frauen betrügt. Zwischen Sex und Prostatauntersuchungen erledigt der Protagonist riskante Aktiengeschäfte und droht im Verlaufe eines chaotischen Tages sein gesamtes Vermögen zu verspielen.

Packer bringt als alles mit, was einen Charakter hassenswert macht: Er ist selbstsicher und gleichgültig gegenüber seinen Mitmenschen. So hat er schon mit 28 Jahren ein fantastisches Vermögen anhäufen können. Doch mit dem Fall seiner Geldanlagen beginnt auch sein persönlicher Fall, dem er jedoch indifferent gegenübersteht.

Cronenberg inszeniert seinen Film, der auf einem gleichnamigen Roman von Don DeLillo basiert, als episodisches Kammerspiel. Die meiste Zeit über treffen sich nur zwei, selten auch drei Personen in klaustrophobisch engen Räumen. Die Charaktere verkörpert von so großartigen Schauspielern wie Jay Baruchel, Juliette Binoche, Mathieu Amalric oder Paul Giamatti, werden ständig ausgetauscht. Während sich die Limousine zu den spärlich eingesetzten elektronischen Klängen von Howard Shore und der Band Metric durch die Großstadt schlängelt, bleiben all diese Figuren früher oder später auf der Strecke. Konstanten gibt es kaum, nur Packers Ehefrau (Sarah Gadon) oder sein treuer Sicherheitschef sind ständige Begleiter des Films.

So ist die Limousine selbst der einzige Fixpunkt der Handlung. Das in kühlem LED-Blau aufleuchtende und mit Flachbildschirmen ausgestattete Innere wirkt künstlich, die Bilder außerhalb des Wagens erscheinen surreal, wie Fernsehbilder von einer apokalyptischen Welt.

Dieser Stil macht es leider auch schwierig, mit dem Film warm zu werden. Der Zuschauer erhält kurze Einblicke in Packers Leben, ohne Interesse daran entwickeln zu können. Die Cronenberg-typischen Gewaltausbrüche brechen eher überraschend in die irreale Welt von Packers “Cosmopolis“ ein. Ansonsten begnügt sich der Regisseur mit vereinzelten Überraschungsmomenten wie beispielsweise mit einem Tortenwurf in das Gesicht des Börsenspekulanten.

Die theoretischen Gedankenspiele in den Dialogen und das Wechselspiel der Charaktere mag man als Zuschauer noch über sich ergehen lassen. Wirklich enttäuschend aber ist das Schauspiel von Robert Pattinson. Pattinsons Figur ist in „Cosmopolis“ zwar ähnlich bleich wie der von ihm gespielte Vampir Edward in der “Twilight“-Saga. Allerdings bleibt seine Darbietung blutleer. Er macht Packer zu einem apathischen Niemand, ohne das Nihilistische an seiner Figur zur Geltung bringen zu können. Packer wirkt hoffnungslos, aber nicht verzweifelt, risikofreudig, aber nicht größenwahnsinnig. Robert Pattinson gelingt es nur selten, die Abgründe seines Charakters nach außen zu tragen, einem Menschen, der keine Kosten und Mühen für einen Haarschnitt scheut und sich täglich von einem Leibarzt durchchecken lässt, nur um anschließend Börsencrashs und Morddrohungen willenlos über sich ergehen zu lassen.

Es sagt eigentlich alles, dass der interessanteste Dialog des Films zwischen zwei Chauffeuren stattfindet, denn “Cosmopolis“ ist ein seelenloses Spektakel. Zur Kapitalismuskritik taugt es nicht, dafür ist die Erzählung zu bruchstückhaft. Für eine Charakterstudie über den geldgierigen Wall Street-Banker in Zeiten der Wirtschaftskrise reicht es auch nicht, dafür bleibt Pattinsons Spiel zu blass. An den kalten Wahnwitz des Banker-Psychothrillers “American Psycho“ reicht „Cosmopolis“ nicht heran und hinterlässt deshalb auch den Zuschauer eher unberührt und ratlos, nicht wütend und schockiert. Cronenbergs Film ist eine Odyssee, deren Ziel selbst nach dem Abspann unklar bleibt.

Frankreich, Kanada, Portugal, Italien 2012, 109 Minuten
Regie: David Cronenberg
Darsteller: Robert Pattinson, Juliette Binoche, Mathieu Amalric und andere
Seit dem 5. Juli 2012 in den deutschen Kinos

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