Fotoausstellung im Collegium Hungaricum

Geschrieben von Stephan Strunz

Berlin, 3. Januar 2012

Im Collegium Hungaricum Berlin, dem ungarischen Kulturinstitut kann man derzeit eine Fotoausstellung des ungarischen Fotografen György Stalter besuchen. Dieser stellt hier zwei seiner Arbeiten einander gegenüber – Fotoportraits des Berliner Stadtteils Neukölln denen des 8. Bezirks „Nyolcker“ in Budapest. Die Vernissage fand am 9. Dezember 2011 statt, im Anschluss diskutierten Vertreter aus Politik und Wissenschaft über das Thema Integration als europäisches Problem.

Marett Klahn ist Projektkoordinatorin der Ausstellung und hat selbst ungarische Wurzeln. Die 23-Jährige studiert an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU) Asien- und Afrikawissenschaften und arbeitet seit drei Jahren für das Collegium Hungaricum.

Zusammen mit dem Direktor des Hugaricums, Janós Can Togay, hatte Klahn seit längerem die Vision, einen Austausch zwischen Neukölln und Nylocker anzustoßen. Beide Bezirke teilen ähnliche strukturelle Probleme, die sich vor allem um das Themenfeld Integration drehen. Sind in Neukölln die Bewohner mit Migrationshintergrund Thema gesellschaftlicher Debatten, wird im Nyolcker vor allem den Roma mangelnde Integrationsbereitschaft vorgeworfen. Auf Anregung von Togay, dem bereits die Fotoserie Stalters über Nyolcker (2010) bekannt war, nahm der Fotograf im Sommer 2011 Neukölln unter die Linse. Zusammen mit Klahn erkundete er den Norden des Bezirks und eine Schrebergartensiedlung an der Grenze zu Treptow. Klahn war es auch, der die Idee kam, die entstandenen Bilder nicht nur auszustellen, sondern die Fotokunst als Anstoß für eine Podiumsdiskussion mit dem Thema Integration zu nutzen.

Als Motive hat Stalter meist Situationen des Alltags gewählt. Seinen Stil nennt er Street Photography: Junge und alte Menschen auf der Straße, in Geschäften oder in ihrem Gartenhäuschen laden dazu ein, sich mit den Bildern zu identifizieren. Meist lächeln die Leute den Betrachter an. Im Gegensatz zu der düsteren Atmosphäre auf den Portraits aus dem Nyolcker, welche durch dunkle Farbtöne erzeugt wird, wirken die Fotografien von Neukölln ausgesprochen bunt. Auch eine Besucherin der Ausstellung stellt fest: „Ich finde meinen Bezirk hier sehr gut widergespiegelt, Neukölln ist so bunt wie seine Bewohner.”

Die Podiumsdiskussion im Anschluss an die Vernissage stellte die gesellschaftlichen Probleme in beiden Bezirken heraus. Für den Psychologen Kazim Erdoğan, der an der Diskussion teilnahm, tragen in Neukölln nicht Migranten die Schuld an sozialen Problemen wie hoher Arbeitslosigkeit. Viel mehr seien bereits nach der Wende große strukturelle Fehler von Seiten der Politik gemacht worden. „Heute haben Jugendliche aus Neukölln fast keine Chance auf dem Arbeitsmarkt. Ich kenne Schüler, manche sogar mit Abitur, die schreiben 120 Bewerbungen und bekommen 100 Ablehnungen und von 20 Unternehmen gar keine Antwort.“ Das Wichtigste für die gesellschaftliche Wahrnehmung sei aber, dass man erst einmal anfange miteinander zu reden. „Die meisten, die über Probleme in Neukölln sprechen, haben gar keine Ahnung, wie die Lebensrealität der Menschen dort überhaupt aussieht.“ Um das Bewusstsein in der Gesellschaft zu verändern, sieht Erdoğan jeden Einzelnen in der Verantwortung: „Wir können und sollten alle Brötchen backen, auch wenn es nur kleine sind.“ Die Ausstellung sei dabei ein wichtiger Beitrag zu mehr Verständigung.

In Ungarn sei die Wahrnehmung von Minderheiten wie den Roma durch Vorurteile und Abneigung seitens der Mehrheitsgesellschaft geprägt – und das, obwohl die Roma seit etwa 600 Jahren Teil der ungarischen Bevölkerung seien, berichtet Luca Váradi von der Berlin Graduate School of Social Sciences der HU. Diese Voreingenommenheit sei unter anderem ein Grund, warum der Bezirk Nyolcker mit seinem hohen Roma-Anteil relativ isoliert vom restlichen Budapest bleibe. Vorurteile herrschten auch in der ungarischen Jugend vor: „Bei einer Befragung von 1000 Jugendlichen, habe ich festgestellt das über 75 Prozent große Ressentiments gegenüber den Roma haben”, berichtet Váradi. Ähnlich wie für den Psychologen Erdoğan gibt es auch für sie nur eine Lösung, um für mehr Anerkennung der Roma zu sorgen: „Wir brauchen einen Paradigmenwechsel in der Mehrheitsgesellschaft, die Roma müssen von allen als gleichwertige Mitglieder und nicht als Fremde anerkannt werden.” In der Ausstellung sieht sie eine wichtige Möglichkeit dieses schwierige Thema sichtbarer zu machen.

Die Ausstellung “György Stalter Neukölln – Nyolcker. Fotoserien über zwei Stadtteile in Berlin und Budapest” ist bis zum 22. Januar 2012 täglich von 10 bis 19 Uhr im Collegium Hungaricum Berlin, Dorotheenstraße 12,  zu sehen. Der Eintritt ist frei.

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